Dominio Buenavista – ein Hauch von Kalifornien

Ein Selfmademan ist laut Duden-Definition „jemand, der sich aus eigener Kraft hochgearbeitet hat.“ Diese Umschreibung trifft auf den Weinmacher Juan Palomar zu, den ich an einem sonnigen Februartag auf seinem Weingut Dominio Buenavista nahe der andalusischen Kleinstadt Ugijar besuchte. Neben einer vorzüglichen Weinprobe mit Juan Palomar konnte ich auch von seinem beeindruckenden Werdegang erfahren.

Landschaft bei Ugijar
Die Landschaft bei Ugijar, wo sich das Ziel meines Weintrips befindet. 

Wir schreiben das Jahr 1971. Von der Alpujarra, damals eine der rückständigsten und abgelegensten Regionen Europas, macht sich der Zwanzigjährige Juan in die USA auf. Er verlässt die elterliche Landwirtschaft, die aus der Ernte von Mandeln und Oliven besteht und landet an keinem geringeren Ort als Kalifornien. Juan lebt, was es heute nicht mehr zu geben scheint: den amerikanischen Traum. Er studiert Medizin, wird gut bezahlter Chirurg, Heirat, Haus, Kinder. Er ist einer, der es aus einfacher Herkunft mit Fleiß und Geschick in der Ferne zu etwas bringt.

Weingut Dominio Buenavista hinter Palmen und Pinien
Hinter Zypressen, Palmen und Pinien liegt das Weingut Dominio Buenavista.

In den 1980er-Jahren unternimmt Juan Palomar regelmäßige Weintrips ins Napa Valley, der bedeutendsten Weinregion Kaliforniens. Und ist begeistert von den dortigen Weinen, von ihrer Fruchtigkeit und Dichte. In ihm reift die Idee, selbst Wein machen zu wollen. Zuhause bei seinen Eltern in der Alpujarra gibt es immerhin genügend Ackerland, und von Mandeln und Oliven lässt es sich eher schlecht als recht leben. Also belegt Juan Palomar in Kalifornien erste Kurse im Weinmachen. 1992 nimmt er schließlich 16.000 Stecklinge der Sorte Cabernet Sauvignon auf einem Flug aus den USA mit nach Spanien. Hinter diesem Transport steckt ein großer bürokratischer Aufwand. Aufgrund restriktiver spanischer Einfuhrbestimmungen muss Juan Palomar den Umweg über das EU-Land Dänemark nehmen, von dem aus die Lieferung der Stecklinge ins EU-Land Spanien wiederum möglich ist.

Tafel auf dem Parkplatz des Weinguts
Willkommensschild auf dem Parkplatz von Dominio Buenavista.

Februar 2017: Ich habe die anderthalbstündige Autofahrt von meinem Bergdorf in der Sierra Nevada nach Ugijar genossen. Die aufkeimende Mandelblüte taucht die Hänge der Alpujarra in ein zartes Rosa. Nun stehe ich auf dem Parkplatz des Weinguts und warte vergebens darauf, dass mich jemand begrüßt. Mit Juan Palomar bin ich um zwölf Uhr verabredet. Es ist schon Viertel nach, weit und breit niemand zu sehen. In Bezug auf Pünktlichkeit muss ich mich noch an Spanien gewöhnen. Immerhin, die Sonne scheint, und der Ausblick auf das Städtchen Ugijar ist idyllisch. Warum also nicht ein wenig länger warten.


Blick vom Gelände des Weinguts auf Ugijar.

Nach einer Weile kommt eine junge Frau, zufällig wie es scheint, vorbei. Ich stelle mich vor und erfahre, dass sie die Önologin und somit für die Weinbereitung zuständig ist. Juan Palomar sei geschäftlich unterwegs, sollte aber in Kürze eintreffen, sagt sie. Also bietet mir Rosa Maria schon einmal eine Führung durch’s Weingut und die Kellerei an. Wir sprechen dabei über die Basics: 25 Hektar Rebland, eine Jahresproduktion von um die 100.000 Flaschen, zehn verschiedene Rebsorten im Anbau sowie Weinberge auf einer Höhe von 650 bis 850 Metern über dem Meeresspiegel, was einen Unterschied zwischen Tag- und Nachttemperatur von etwa 15 Grad bedeutet.


Rosa Maria Pascual-Viciana arbeitet als Önologin für Dominio Buenavista.

Beim Rundgang durch die modern ausgestattete Kellerei kommen wir durch einen Raum, in dem lange Rüttelpulte stehen. Das Weingut stellt zwei Schaumweine – Brut Rosé und Brut Blanco – im Champagner-Verfahren her: Dem bereits vergorenen Wein werden bei der Flaschenabfüllung etwas Hefe und Zucker beigegeben. Auf diese Weise wird eine zweite Gärung in der Flasche in Gang gesetzt, bei der unter anderem Kohlensäure entsteht. Die Rüttelpulte kommen gegen Ende der Herstellungskette zum Einsatz: Kopfüber liegen die Flaschen darin und werden täglich behutsam gedreht. Die nach der Gärung abgestorbenen Hefepartikel sammeln sich so im Flaschenhals. Dieser wird vereist, und beim Abziehen des Kronkorkens schleudert der Eispropfen samt Hefedepot aus der Flasche, die nun final verkorkt wird.

Juan Palomar und Rosa Maria bei ihrer Weinkollektion
Juan M. Palomar und Rosa Maria neben dem breiten Sortiment aus Schaumweinen, Süßweinen sowie trockenen Rosé-, Rot- und Weißweinen.

Als Rosa Maria und ich in den Verkostungsraum gelangen, trifft zeitgleich Juan Palomar ein. Wir fackeln nicht lange und machen uns an die Degustation. Er öffnet zuerst zwei Weißweine – einen fruchtbetonten Chardonnay und einen aus der autochthonen Sorte Vijiriega, die nur in der Alpujarra und auf den Kanaren vorkommt. Dieser Vijiriega ist säurebetont, und im Abgang nehme ich einen leicht bitteren Mandelton wahr. Interessant. Eine Cuvée aus den sich schön ergänzenden Chardonnay und Vijiriega ist übrigens der bereits erwähnte Schaumwein Brut Blanco.

Unter dem Label „Veleta“, benannt nach dem zweithöchsten Gipfel der Sierra Nevada, erscheinen die Weine von Dominio Buenavista im Handel. Während Juan Palomar die ausgezeichneten Bewertungen bei Robert Parker, Josh Reynolds und José Peñin sowie die vielen Auszeichnungen in Gold bei Wettbewerben erwähnt, öffnet er eine Flasche Rosé. „Ich liebe Rosé“, sagt er heiter und ergänzt schmunzelnd: „Im Grunde mache ich diesen Wein nur für mich und meine Frau.“ Neben der Hauptsorte Tempranillo enthält dieser erfreulich gehaltvolle Tropfen einen geringen Anteil Garnacha und Zinfandel, letztere ist eine beliebte Rebe in Juans Wahlheimat Kalifornien. Das Klima in „seinen“ zwei Regionen, sagt Juan Palomar, sei sich gar nicht so unähnlich. Beide heiß, trocken und vom Meer beeinflusst – in Kalifornien der Pazifik, in der Alpujarra das Mittelmeer.

Weinflasche vom ersten Jahrgang 1996
Die Etiketten für den ersten Jahrgang 1996 erstellte Juan Palomar noch mit seinem Farbdrucker. 

Zur Rotweinprobe nimmt mich Juan Palomar mit in sein Wohnhaus, das sich auf dem Weingut befindet. Er schneidet dünne Scheiben Jamon Iberico und bereitet sie auf einem Teller zu. Wir setzen uns am Küchentisch, und er erzählt von den Anfangstagen seines Weinguts. Die Etiketten für den ersten Jahrgang 1996 haben er und seine Frau noch selbst mit einem Farbdrucker erstellt. Jahr für Jahr vergrößerten sie den Betrieb und professionalisierten die Vinifizierung. 2002 begannen sie mit dem Bau der modernen Kellerei, die 2004 fertiggestellt wurde.

Juan Palomar blickt über den Tellerrand hinaus. Mit der ihn beratenden Önologin Julia del Castillo besuchte er häufiger Château Margaux im Médoc, und sie tauschten sich mit den dortigen Önologen aus. Für seine Weinbereitung hat er den Bordeaux-Stil adaptiert. Das heißt unter anderem die Schönung des Weins mit frischem, aufgeschlagenem Eiweiß sowie das regelmäßige „Umziehen“ in neue Fässer, um den Wein von Sedimentresten zu befreien, die sich am Boden des Fasses ablagern.


Juan Palomar in der Küche seines Wohnhauses auf dem Weingut.

Juan Palomars Interpretation eines Bordeaux-Weins ist sein Noladós. Die Crianza mit zwölf Monaten Reifung im Barrique setzt sich aus jeweils vierzig Prozent Cabernet Sauvignon und Cabernet Franc sowie zwanzig Prozent Tempranillo zusammen. Wir trinken den aktuell im Handel erhältlichen 2010er-Jahrgang, der bei aller Fülle sehr harmonisch und ausbalanciert wirkt. Dann stellt Juan Palomar eine Flasche ohne Etikett auf den Tisch und öffnet sie. Es ist der 2011er des selben Weins, der erst im kommenden Herbst in den Verkauf geht. Auch für ihn ist es die erste Probe dieses Jahrgangs.

Der Noladós 2011 offenbart sich als eine Wucht. Ich rieche, schmecke und gratuliere nach ein paar Schlucken zu diesem Wein: vegetabile, animalische und fruchtige Noten, weiches Tannin, animierende Säure, bleibender Nachhall – alles was einen vielschichtigen Wein ausmacht. Vielleicht bin ich auch so begeistert, weil ich den Moment mit dem Weinmacher in der Küche und dieser Premierenprobe so genieße und wertschätze.

Veleta Weine, Auswahl
Veleta-Weine auf meiner Terrasse. Die kleine Flasche ist Olivenöl.

Nach über drei Stunden im Weingut und seiner Küche lädt mich Juan Palomar zum Mittagessen ein. Es ist fast schon 16 Uhr, ich muss leider ablehnen. Mein Sohn wartet zuhause. Den von der Kritik hochgelobtesten Wein von Dominio Buenavista – Veleta Privilegio – konnten wir noch gar nicht probieren. Also nehme ich eine Flasche vom 2009er mit nach Hause. Die beerig-marmeladige Gran Reserva aus Tempranillo und Graciano sollte später meine Frau überzeugen.

Juan Palomar zählt mit seinem Weingut Dominio Buenavista zur Pioniergeneration in der Alpujarra und in der Provinz Granada. Aufgrund fehlenden Geldes und Knowhow wurde in der Region lange Zeit ausschließlich ein äußerst grober, einfacher Wein gekeltert – der sogenannte Vino de Costa (deutsch: Küstenwein). Neben Juan Palomar sind es Winzer wie Horacio Calvente oder Manuel Valenzuela vom Weingut Barranco Oscuro, die seit zwei bis drei Jahrzehnten mit konsequenter Ertragsreduzierung und moderner Kellertechnik auf Qualitätsweine setzen und damit zunehmend auf Anerkennung unter Connaisseuren und in der Weinkritik stoßen. Alle diese Weingüter befinden sich noch in der Hand ihrer Gründer, die ein Weingut und das Weinmachen nicht in die Wiege gelegt bekamen, sondern sich selbst erarbeiteten.


Link zum Weingut: https://vinosveleta.com

Es gibt keinen deutschen Weinvertrieb für die Veleta-Weine von Dominio Buenavista. Deshalb an dieser Stelle der Link zum niederländischen Weindistributor, der zu günstigen Versandkosten auch nach Deutschland liefert und sogar eigens ein 6er-Probierpaket verschiedener Veleta-Weine  zur Bestellung anbietet: www.granadawijnen.nl

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2 Kommentare

  1. Lieber Thomas, Deine Beiträge machen Lust auf science ficiton technology, genauer aufs beamen, das einen vom Laptop weg zu den Weingütern teleportiert, um dort die Weine zu verkosten, die Du so eingängig beschreibst, dass ich sie fast riechen und schmecken kann. Gut finde ich deshalb die Information, wo ich die beschriebenen Weine online kaufen kann. Viele Grüße Richard

    1. Hallo Richard, vielen Dank für diesen Kommentar. Ich freue mich schon sehr auf deinen Besuch im Juni! Dann sollte das auch mit dem „beamen“ klappen. Vielleicht können wir ja unsere alte Tradition der Weinausflüge wieder aufleben lassen und Dominio Buenavista einen Besuch abstatten.
      Viele Grüße, Thomas

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