Spaniens Weingebiete (2) – die Arrivierten

Wann immer ich in meinem spanischen Zuhause den Fernseher einschalte und den Wetterbericht schaue, habe ich den Eindruck, dass in ganz Spanien die Sonne scheint. Ganz Spanien? Ein kleiner Zipfel links oben am Bildschirm will sich dem Wetterdiktat nicht unterwerfen und ist zumeist mit grauen Wolken und Regentropfen dargestellt: Gallien, ähm tschuldigung: GALICIEN.

Dem Weißwein scheint das regenreiche atlantische Klima nicht zu schaden. Ganz im Gegenteil. Mit die besten spanischen Weißen kommen aus Galicien. Neben stets populärer werdenden Rebsorten wie Treixadura und Godello sind es besonders die spritzigen Tropfen aus der Albariño-Traube, die den Ruf als herausragende Weinregion über die Landesgrenzen hinaus festigen.

Rias Baixas, Galiciens Vorzeige-Weingebiet
Der Weinort Arbo im Rías Baixas (Foto: Blanca Berlín / © ICEX)

Rías Baixas – Weißweinland
Das bekannteste Weingebiet Galiciens ist Rías Baixas. Es ist in fünf Subregionen unterteilt, die gemeinsam auf etwa 3.500 Hektar Rebfläche kommen. Das sind gerade einmal 0,3 Prozent der gesamten Anbaufläche Spaniens, dessen 76 Weinanbaugebiete es zusammen auf 1,02 Mio. Hektar bringen.

Lange Zeit war Rías Baixas eine Region für absolute Wein-Insider. 1991 suchte dann der „Club de Vinos Gourmets“ die besten jungen spanischen Weißweine. Die vier ersten Plätze belegten dabei Albariños aus dem Rías Baixas. Fortan eroberten die zumeist fruchtig-frischen Weine die spanische und internationale Topgastronomie.

Rías werden die sich tief ins Land ziehenden Fjorde der galicischen Atlantikküste genannt. Rías Baixas bedeutet somit übersetzt „Untere Fjorde“. Im Schnitt 1.300 Liter pro Quadratmeter und in der Spitze bis zu 2.000 Liter fallen hier jährlich an Regen. Zum Vergleich: Die durchschnittliche Niederschlagsmenge für Deutschland lag 2016 bei 736 Liter pro Quadratmeter.

Albarino Weinberg in Rías Baixas
Albariño wächst hier nahe Pontevedra (Foto: Juan Manuel Sanz / © ICEX)

Vom „südlichsten Weingebiet Nordeuropas“ sprechen die Galicier deshalb häufig Bezug nehmend auf Rías Baixas, dessen säurebetonte Weine so gar nicht dem gängigen und veralteten Bild der „schweren Spanier“ entsprechen. Ich bin schon seit Jahren ein Albariño-Fan und habe mich vergangenen November auf der Weinmesse Salón de las Estrellas nochmals intensiver mit den Weinen beschäftigt. Mit zarter Frucht, animierender Säure und einer insgesamt filigranen Struktur sind mir jene der Weingüter Adegas Valmiñor und Bouza do Rei besonders gut in Erinnerung geblieben.


Dieser Artikel ist der zweite Teil einer Serie über spanische Weinanbaugebiete: sechs Beiträge, unterteilt in die Weltbekannten, die Arrivierten, die Aufstrebenden, die Größten, die Kleinsten und die Exoten. Unter den „Arrivierten“ ordne ich jene Appellationen ein, die national wie international über Bekanntheit und Reputation verfügen: Neben Rías Baixas sind das unter anderem Navarra, Jumilla und Rueda. Ein Tipp: Orientierung bezüglich aller spanischer Weinanbaugebiete bietet der Link zu dieser Karte.


Navarra – Klimascheide zwischen Atlantik und Mittelmeer
Viel ist derzeit vom postfaktischen Zeitalter die Rede, in dem wir uns angeblich befinden. Als ob vor 80 Jahren zur Nazizeit nur Fakten gegolten hätten. Ich will jetzt auch mal postfaktisch sein, denn für folgende Behauptung habe ich keinerlei Belege: Ich bin mir sicher, dass Navarra bei Deutschen das zweitbekannteste Weinanbaugebiet Spaniens ist. Soweit mein postfaktisches Statement, welches vielleicht durch den Fakt gestützt wird, dass Deutschland noch vor den USA und China der größte Importeur von Navarra-Weinen ist.

Weinanbaugebiete: Navarra
Weinlese bei Bodegas Tandem, Navarra (Foto: Dpto. Multimedia / © ICEX)

Die Autonome Gemeinschaft Navarra – vergleichbar mit einem deutschen Bundesland – liegt zwischen dem Flusslauf des Ebro und den Pyrenäen und gilt als eine der schönsten Landschaften Spaniens. Die gleichnamige Weinappellation breitet sich südlich der Hauptstadt Pamplona aus. Durch sie verläuft eine sogenannte Klimascheide – die Grenze zwischen feuchtem atlantischem Klima und trocken-heißem Mittelmeerklima. Die Weine der fünf Unterregionen der D.O. Navarra fallen entsprechend verschieden aus. Das Klima der südlichsten Subzone Ribera Baja ist einiges wärmer und trockener als beispielsweise jenes der nordwestlichsten Zone Tierra Estella. Insgesamt betrachtet bietet Navarra so einen vielfältigen Kosmos von schlanken säurebetonten bis hin zu körperreichen alkoholischen Weinen.

Auf dem bereits erwähnten Salón de las Estrellas 2016 habe ich mich ein wenig durch diese nordspanische Weinregion getrunken. Einen feinen Merlot und einen klassisch-eleganten Pinot Noir des Weinguts Castillo de Monjardín habe ich dabei verkostet. Dicht, fruchtkonzentriert und dezent nach Röstaromen schmeckte der Prado de Irache 2007 von Bodegas Irache – ein Lagenwein (Vino de Pago) aus Tempranillo, Cabernet Sauvignon und Merlot. Diese drei Reben sind neben der roten Garnacha auch die am häufigsten ausgebauten Sorten der D.O. Navarra. Nur sechs Prozent der Anbaufläche ist weißen Trauben vorbehalten, darunter Chardonnay und die autochthone Moscatel de Grano Meduno, aus der glaubhaften Quellen zufolge delikate Süßweine entstehen. Selbst konnte ich mich diesbezüglich noch nicht vergewissern. Meine ToDo-Liste habe ich entsprechend erweitert.

Jumilla – tolle Weine, wenig Romantik
Was ich jetzt schreibe, ist gemein, aber wahr – oder sagen wir besser: meine gefühlte Wirklichkeit, um im postfaktischen Sprech zu bleiben. Mit meiner Frau Emily bin ich einmal durch die erhabenen und kargen Weiten Murcias gefahren. Irgendwann stellten wir fest, dass wir nah an der Stadt Jumilla sind. Jumilla, klar, da kamen uns sofort die großartigen Rotweine aus der Monastrell-Rebe in den Sinn. Da es schon Richtung Abend ging, entschieden wir uns reinzufahren und in Jumilla zu übernachten. Ich fasse mich kurz: so schnell wir drin waren, so schnell waren wir wieder draußen: ein staubiges Pflaster mit Lagerhallen aus Wellblech und charakterlosen Häusern, denen der Putz von der Fassade bröckelt. Wie kann es sein, dass aus so einem Ort so wundervolle Weine kommen?

Hochlage in Jumilla
Lage des Weinpioniers Agapito Rico in Jumilla (Foto: Fernando Briones / © ICEX).

Vielleicht liegt es an den Fähigkeiten der Jumilleros, für die Wein die Haupteinnahmequelle ist. Und am Land. Denn der Wein wächst ja nicht in der Stadt, sondern in der Region drumherum. Diese Region im spanischen Südosten ist so ziemlich das Gegenteil vom eingangs beschriebenen Rías Baixas: ziemlich trocken und ziemlich heiß im Sommer. Im Winter immer noch ziemlich trocken und aufgrund der Hochebene, auf der sie sich erstreckt, mitunter ziemlich kalt. Dass in Jumilla fantastische Rotweine aus Monastrell entstehen – die Sorte wird auf rund 85 Prozent der D.O.-Fläche kultiviert – hatte ich bereits erwähnt. Der Evol des Weinprojekts Aromas en mi copa oder der Goru Organic von Ego Bodegas seien hier beispielhaft genannt.

Der 25.000-Einwohner-Ort Jumilla stellt ein Futsal-Team in Spaniens erster Liga. Aktuell letzter Platz und akut abstiegsgefährdet. Futsal (Futbol Sala) ist eine spezielle Form des Hallenfußballs und in Spanien überaus populär. Ein Fernsehsport mit vielen Zuschauern. Der vollständige Name des Teams lautet „Bodegas Juan Gil Jumilla“. Jener namensgebende Sponsor, das Weingut Juan Gil, hat sich vom kleinen Jumilla aus ein spanienweites Weinimperium aufgebaut. Unter dem Dach von Gil Family Estates produzieren Marken wie OroWines, Viñedos Shaya, Ateca, Lagar da Condesa, Cellers Can Blau und Tridente unter anderem in Appellationen wie Montsant, Rías Baixas, Calatayud, Priorat und Rueda. Jene in der D.O. Jumilla gekelterten Weine kommen noch unter dem ursprünglichen Label „Juan Gil“ in den Handel. Es sind schöne Weine, die ich gerne weiterempfehle.

Belondrade & Lurton, Rueda
Weites, flaches Rueda: vom Weingut Belondrade y Lurton aus gesehen (Foto: Juan Manuel Sanz / © ICEX).

Rueda – wie Riesling und Mosel, nur anders
In Spanien gibt es einige Region-Reben-Paare, die kaum getrennt voneinander gedacht werden können: Rías Baixas & Albariño, Bierzo & Mencia oder Jumilla & Monastrell. Dasselbe gilt für das Anbaugebiet Rueda, dessen Paradetraube die Verdejo ist. Man könnte vielleicht sogar so weit gehen und sagen, dass Verdejo und Rueda eine ähnlich innige Liebesbeziehung führen wie Riesling und Mosel. Wie Riesling in ganz Deutschland (und darüber hinaus) vorkommt, ist auch Verdejo über die D.O. Rueda hinaus verbreitet. Nur gerät er nirgendwo so gut. Mineralisch, fruchtig, würzig, erdig, knackige Säure: ein guter Verdejo aus Rueda kann so ziemlich alles bieten. Ein schönes Exemplar im mittleren Preissegment ist der R&G Verdejo von Rolland & Galaretta, etwas teurer wird es dann schon bei Belondrade y Lurton.

Auch einen Fluss kann Rueda vorweisen – den Duero, von dessen Zuflüssen die Weinregion durchzogen ist. Dann aber hört es irgendwann auf mit den zugegeben nicht ganz ernst gemeinten Ähnlichkeiten zur Mosel. Steillagen? Keine. Stattdessen ein weites flaches Land auf einem Hochplateau zwischen 700 und 800 m.ü. NHN. Extremes kontinentales Klima – mit satten Temperaturunterschieden zwischen den strengen, langen Wintern und heißen Sommern von bis zu 50 Grad – sorgt freilich für gut ausbalancierte Trauben. Im Sommer beträgt die Kluft zwischen Tag- und Nachtemperatur nicht selten 25 Grad. Lange Reifezeiten und eine späte Ernte der Beeren, die hohe Säurewerte und schöne Fruchtigkeit aufweisen, sind die Folge. „Wenn die Reben leiden, freut sich der Wein“, hat einmal ein Weinkenner geschrieben. Auf die harten Bedingungen in Rueda trifft dieser Satz maßgeschneidert zu.


Zusatzinfo:
„Arrivierte“ spanische Weinanbaugebiete, wie ich sie definiere und die in diesem Beitrag fehlen, sind ferner Bierzo, Toro und Penedès. Der Grund: Ich habe sie erst kürzlich auf diesem Blog in verschiedenen Artikeln behandelt. Hier die Links dazu: BierzoToroPenedès.

Im dritten Teil dieser Reihe geht es demnächst zu den „aufstrebenden“ Weingebieten Spaniens. Unter anderem schauen wir uns dabei in Aragon, in Andalusien und erneut in Galicien um.

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