Lost in La Mancha – auf der Weinmesse Fenavin

Am Ende waren drei Polizeiwagen und die doppelte Anzahl Polizisten im Einsatz, um meinen PKW zu suchen. Ich war auf der spanischen Weinmesse Fenavin in Ciudad Real. Etwa 1.800 Weingüter aus allen Landesteilen präsentierten ihre Erzeugnisse. Den ersten Tag über hatte ich keine Ahnung wie viele Weine verkostet und nun die Orientierung verloren. Als ich morgens gegen 9 Uhr mein Auto an der Messe abstellte, war die Umgebung ziemlich leer. Jetzt war alles überfüllt, manche Wege mit Zäunen abgesperrt, und ich konnte mich nicht mehr an meinen Abstellplatz erinnern.

Eineinhalb Stunden lief ich umher, ehe ich keinen anderen Rat wusste als einen Polizisten zu bitten, er möge mir doch irgendwie helfen. Er notierte Fahrzeugtyp und Kennzeichen, und etwa eine halbe Stunde später hatten er und Kollegen das Auto gefunden. Ich wolle doch nicht etwa fahren, fragte mich der Englisch sprechende Einsatzleiter in warnendem Ton. Nein, beruhigte ich ihn, ich bräuchte nur meinen Koffer, das Lenkrad würde ich nicht anrühren. Versprochen. Ich bedankte mich abschließend tausendmal, auch von meinem Schreibtisch aus nochmals einen schönen Gruß an die freundliche Policia Local in Ciudad Real.


Auf der Suche nach meinem PKW entdeckte ich auch den Stadtrand von Ciudad Real.

1.800 Weingüter. Wo fängt man da an? Am besten in einer Weingalerie, die der Veranstalter als idealen Ort anpries, um Weine in ruhiger Umgebung konzentriert zu verkosten. Dort warteten über 1.500 geöffnete Weine auf Fachbesucher aus aller Welt. Und wieder kommt die Frage auf: Wo fängt man bei 1.500 Weinen an? Nachdem ich wahllos mehrere passable Albariños und Treixaduras aus Galicien sowie einen sortenreinen, wenig überzeugenden Riesling aus der D.O. Alicante probiert hatte, beschloss ich etwas mehr System in meinen zweitägigen Messebesuch zu bringen. Drei Mottos gab ich mir spontan auf: 1) Rotweine im höherpreisigen Segment. 2) Möglichst viel Galicien. 3) Weine aus mir bislang unbekannten Regionen.

Weingalerie auf der Fenavin
Die Weingalerie hielt rund 1.500 offene Weine bereit.

Rotweine im höherpreisigen Segment
Was höherpreisiges Segment bedeutet, definiert jeder Weintrinker womöglich anders. Für mich sind es Weine, die 25 Euro und mehr kosten. Von einem Wein dieser Preisklasse erwarte ich, dass er nicht nur schmeckt, sondern über Konzentration, Komplexität und eine ihm eigene, im Idealfall unverwechselbare Stilistik verfügt. Zwei Tropfen kann und will ich diesbezüglich aus mehreren erstklassigen Weinen hervorheben.

Einen Glücksmoment bescherte mir der Lajas Finca el Peñiscal 2012 aus dem Weingebiet Calatayud. Die Reben dieses reinsortigen Garnacha wachsen auf bis zu 1.100 Metern Höhe. Der Wein ist dicht und frisch, beeindruckend saftig und lang, er ist intensiv und elegant – eben weil er schlank, geradlinig und auf das Wesentliche reduziert ist. „Weniger ist mehr“, befand der Architekt Ludwig Mies van der Rohe. Wenn ich den Lajas trinke, denke ich an dieses Zitat.

Im Vergleich deutlich breiter, vollmundig und fleischig kommt der Elite 2011 aus hundert Prozent Tempranillo von Bodegas PradoRey aus Ribera del Duero daher. Eine reife Frucht, gesundes Tannin und eine erkennbare Mineralik verleihen dem Wein eine feste Struktur und lassen ihn lange am Gaumen nachhallen. Offen gesprochen: saublöder Name, exzellenter Wein.

Fenavin: Lajas aus Calatayud
Nur 3.600 Flaschen gibt es vom Lajas, Jahrgang 2012.

Möglichst viel Galicien
Die für mich spannendste Entdeckung auf der Messe habe ich dem Blog Der Schnutentunker zu verdanken. Autor Felix Bodmann beschreibt die Weine von Bodegas Zarate in einem seiner Artikel auf eine Weise, die mich neugierig machte. Vier Albariños konnte mir Winzer Eulogio Pomares an seinem Messestand ins Glas gießen. Sie gehen in die Richtung Naturweine, der Weinmacher will diesen Begriff aber nicht verwenden, denn er gibt den Weinen nach eigener Auskunft beim Abfüllen etwas Schwefel zur Stabilisierung bei.

Mit einer chinesischen Distributorin verkostete ich die Weine. Am besten schmeckte uns beiden der konzentrierte, enorm mineralische Carralcoba, dessen Albariño-Reben auf Granitgestein mit hohem Glimmeranteil wachsen und der im Kastanienfass vergoren wird. Warum Kastanie und nicht die übliche Eiche? Laut Eulogio Pomares ist dies das Holzfass, das früher in Rías Baixas zum Einsatz kam. Und bei aller Experimentierfreudigkeit, die er an den Tag legt, ist ihm die Besinnung auf die Weintraditionen seiner Heimat ebenso wichtig. 

Fenavin: Eulogio Pomares von Bodegas Zarate
Eulogio Pomares vom Weingut Zarate mit zwei seiner großartigen Albariños.

Yue, die chinesische Einkäuferin, entschied sich dann für den Tras da Viña – nicht aus persönlicher Vorliebe, sondern dem Geschäftssinn folgend. Es ist der zugänglichste Wein von Zarate. Alle anderen, befand sie, wären nur etwas für fortgeschrittene Weintrinker, von denen es in China noch nicht so viele gäbe. Vermutlich sind die Zarate-Weine auch für die meisten deutschen Weintrinker zu knackig, zu mineralisch, zu säurebetont, möchte ich hinzufügen. Den Balado mit seinen Hefearomen bezeichnete Yue treffend als Wein, der wie Champagner schmeckt, einzig ohne Perlage.

Neben Zarate ragt das Weingut Albamar heraus. Jungwinzer Xurxo Albamar hat mit seinem Wein Pepe Luis einen Albariño geschaffen, der sich wie ein Gedicht, das es zu interpretieren und zu entziffern gilt, anfühlt. Der Wein offenbart Zitrusaromen, er wird getragen von einem straffen Säuregerüst, er ist eine Herausforderung und Wonne für den Gaumen. Selbstverständlich spontan vergoren, wie Xurxo auf Nachfrage entgegnet, als käme ein anderes Verfahren nicht einmal ansatzweise in Frage.

Xurxo Albamar von Bodegas Albamar
Xurxo Albamar und sein Wein „Pepe Luis“, ein knackiger Albariño aus Rías Baixas.

Nicht unerwähnt soll der junge galicische Trend zu Rotweinen bleiben. Dass aus der Appellation Ribeira Sacra einige exzellente Rotweine aus der Mencia-Rebe kommen, dürfte Weinexperten geläufig sein. Nun schwingen sich auch Anbaugebiete wie Rías Baixas und Ribeiro dazu auf ihre Weinpalette in Bezug auf die Roten zu erweitern. Zumeist sind es Verschnitte aus autochthonen Reben wie Souson, Espadeiro und Pedral. Die Weine werden jung getrunken und wirken in ihrer schlanken, säurebetonten Stilistik ganz „unspanisch“. Sie erinnern mich eher an mitteleuropäische Tropfen, zum Beispiel aus Blaufränkisch. Der Fento (wieder von Bodegas Zarate) und der Tinto Atlantico vom ebenfalls hochspannenden Weingut Viña Mein aus Ribeiro seien beispielhaft genannt.

Weine aus mir bislang unbekannten Regionen
Von Uclés hatte ich zwar schon gehört, ich kann mich aber nicht erinnern je einen Wein aus der Region rund um diese zentralspanische Stadt getrunken zu haben. Die günstigen Weine von Finca La Estacada aus ihrer Hello World!-Reihe haben mich überzeugt. Es sind junge, sauber gemachte Weine, die einen sortentypischen Geschmack von Petit Verdot (siehe Foto unten: Frosch) oder Cabernet Franc (siehe Foto unten: Eule) tragen. Bei etwa fünf Euro Verkaufspreis pro Flasche bescheinige ich ihnen ein sehr gutes Preis-Leistung-Verhältnis. 

Weine von Finca la Estacada, Uclés
Frisch geschlüpft. Weine aus Uclés begrüßen die Welt.

Kurz bevor ich mich auf die Odyssee nach der Suche meines Fahrzeugs begab, traf ich Mikel Errasti vom Weingut Zudugarai im Baskenland. Er lud mich ein seine Txacoli-Weine aus den Reben Hondarrabi Zuri (weiß) und Hondarrabi Beltza (rot) zu probieren. In der D.O. Getariako Txakolina liegen seine Weinberge direkt am Atlantik, die Reben sind heftigen Winden und viel Feuchtigkeit ausgesetzt.

Txacoli ist ein Weinstil: Sofern ich Mikel richtig verstanden habe, handelt es sich um zartfruchtige, säurebetonte Weine mit eher niedrigem Alkoholgehalt. Mikel Errastis Weiß- und Roséweine – die er mit seinem Bruder keltert – kosten um die zehn Euro die Flasche. Es sind ernstzunehmende Qualitätsweine, auch wenn die Namen von Reben und Region exotisch für unsere Ohren klingen und kaum auszusprechen sind. Mit 11% Vol. ist der weiße Txakoli Zudugarai möglicherweise ein idealer Kompagnon für den heißen andalusischen Sommer, dem ich in Kürze wieder ausgesetzt sein werde. Ein Paket befindet sich auf dem Weg.

Mikel Errasti, Bodegas Zudugarai
Mikel Errasti mit seinem Txakoli-Wein aus der Rebe Hondarrabi Zuri. 

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