Tondonia Blanco Reserva – die Entdeckung der Langsamkeit

Stimmt es, dass man Weißweine nicht älter als zwei Jahre trinken sollte? Fragte mich neulich ein Teilnehmer einer von mir moderierten Weinverkostung. Stimmt nicht. Zwar existiert schon länger der Trend Weine jung zu trinken, eine Regel lässt sich aus dieser Mode aber nicht ableiten. Ein wunderbarer Weißwein ist zum Beispiel die „Blanco Reserva 2004“ aus der berühmten Tondonia-Reihe.

Tondonia Blanco Reserva 2004
Viña Tondonia, Blanco Reserva 2004

Dieser Weißwein ist gleich in mehrfacher Hinsicht außergewöhnlich. Zum einen sind der sagenhaft lange Fassausbau von sechs Jahren und ein mindestens ebenso langes Flaschenlager zu nennen, ehe der Tropfen überhaupt in den Verkauf gelangt – 2004 ist der aktuell im Handel erhältliche Jahrgang. Bevor die Tondonia Blanco Reserva für 72 Monate in Barriquefässern reift, der erstaunliche Zeitraum sei nochmals wiederholt, verläuft die Gärung in großen Holzbottichen. Stahltanks gibt es beim erzeugenden Weingut López de Heredia in Rioja Alta nicht.

Zum anderen finde ich außergewöhnlich, dass die Tondonia Blanco Reserva zu 90 Prozent aus der Rebe Viura gekeltert wird. Die Sorte steht bei einigen spanischen Winzern die ich kenne nicht allzu hoch im Kurs und wird von ihnen oftmals als eher belanglos bezeichnet. Zwar ist die Viura die typische weiße Rebe des Anbaugebiets Rioja, aber andere spanische Weißweinsorten wie Albariño, Verdejo und Godello haben ihr längst den Rang abgelaufen. In Katalonien firmiert die Viura übrigens unter dem Namen Macabeo und dient als Hauptrebe für die Cava-Produktion.

Keller von Vina Tondonia, Lopez de Heredia
Ohne Holzfässer geht bei Viña Tondonia nichts (Foto: Dpto. Multimedia / © ICEX).

Vergoren im Holzbottich, 72 Monate Barrique, zweimal im Jahr abgezogen und mit Eiweiß geklärt, ungefiltert abgefüllt, viele weitere Jahre Flaschenlager: Manche Rezensenten im Internet nennen das Old-School. Ich bin vielleicht zu jung oder unerfahren, um das beurteilen zu können und will deshalb eher von einem faszinierenden Kontext sprechen, den die Tondonia-Weine bieten. Insgesamt sind es nämlich fünf Weine, die mit dem Label Viña Tondonia erscheinen: ein Rosé, zwei Rot- und zwei Weißweine. Mit der hier beschriebenen Blanco Reserva sind wir noch nicht am Ende des „Wahnsinns“ angekommen – die Tondonia Gran Reserva (Rot- wie Weißwein) bringt es bei der Weinbereitung auf satte 120 Monate Barrique und mindestens zehn Jahre Flaschenreife. Derzeit im Handel aktueller Jahrgang: 1995 (rot) bzw. 1996 (weiß).

Das Weingut López de Heredia, 1877 in Haro gegründet, unterhält an seinem Stammsitz in Rioja Alta eine eigene Küferwerkstatt, um die Holzfässer für seine Weine anzufertigen. Das Label Viña Tondonia leitet sich vom Namen des über 100 Hektar großen Weinbergs ab, auf dem die Reben für die Weine wachsen. Bei den zuvor genannten Ausbauzeiten ist der Bedarf an Raum und Fässern freilich groß: Über eine Fläche von 3.400 Quadratmetern an unterirdischen Weinkellern verfügt López de Heredia. Darin lagern 12.900 Barriques, die 225 Liter Eichenfässer, und 72 Holzbottiche mit einem Fassungsvermögen von 6.000 bis 64.000 Litern. Das sind eindrucksvolle Zahlen, die das in fünfter Familiengeneration geführte Weingut hier auf seiner Webseite angibt.

Weinkeller, Lopez de Heredia, Tondonia
Flaschenlager, Viña Tondonia (Foto: Fernando Briones / © ICEX)

Und wie schmeckt sie nun, die Tondonia Blanco Reserva 2004? Ich habe den Weißwein, der sich neben Viura noch aus zehn Prozent Malvasia zusammensetzt, über drei Tage hinweg getrunken, ihm dabei ordentlich Luft gegeben und mich an die Empfehlung des Weinguts von 14 bis 16 Grad Trinktemperatur gehalten.

Die goldgelbe Blanco Reserva 2004 ist ein anhaltender Wein, damit meine ich, dass er am Gaumen nachhallt und einen Eindruck hinterlässt. Er zeigt eine feine Würze, die sich im Mund ausbreitet und äußerst trinkanimierend wirkt, auch noch am dritten Tag. Mit zunehmendem Luftkontakt wird er sogar noch voller und voluminöser. Dieser Weißwein paart Stärke mit Eleganz. Es handelt sich hier um keinen halbstarken Protz, der einen schnellen Eindruck macht und genauso schnell nachlässt, wie es häufiger bei sogenannten spanischen BFBs der Fall ist: Weißweine, die im Barriquefass vergoren werden und kurzzeitig einen dicken Holzschmatzer abbekommen. Nein, die Tondonia Blanco Reserva ist fein ausbalanciert, man merkt, dass Holz und Wein sich über viele Jahre hinweg angenähert, angeglichen und austariert haben. So schmeckt die Blanco Reserva mit ihren sechs Jahren Barrique weit weniger nach Holz als viele andere Rot- und Weißweine, die nur vier Monate im Barriquefass gelegen haben. Zeit ist offensichtlich ein Faktor bei der Weinbereitung. Aber Zeit ist freilich auch ein ökonomischer Faktor, ein Grund, weshalb viele Weine so jung auf den Markt kommen.

Last, but not least haben wir es hier mit keiner Fruchtbombe zu tun, allenfalls rieche ich die Noten von älteren, über Monate hinweg gelagerten, leicht geschrumpelten, aber knackig und fest gebliebenen Äpfeln aus dem Obstgarten meiner Eltern.

López de Heredia - Vina Tondonia
Historisches Weingut mit modernem Empfangsraum. Der Anbau aus dem Jahr 2002 stammt von Zaha Hadid (Foto: Dpto. Multimedia / © ICEX).

Die Tondonia Blanco Reserva 2004 bzw. die Tondonia-Weine insgesamt bieten einen faszinierenden wie einzigartigen Entstehungskontext. Es stimmt mich geradezu glücklich, dass es solch „langsame“ Weine heute noch gibt. Falls jemand den Begriff „Slow Wine“ schon einmal verwendet hat, dann trifft er auf Viña Tondonia sicher maßgeschneidert zu. Falls nicht, melde ich hiermit mein Copyright an.


Link zum Weingut: www.lopezdeheredia.com

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