Bodegas Bentomiz – in den Bergen dem Meer so nah

Seit ich in Andalusien bin, hat es noch nie so lange und viel geregnet wie diesen März. Nach einem zu trockenen Herbst und Winter treffe ich allseits auf Erleichterung, besonders bei jenen, die von der Landwirtschaft und vom Weinanbau leben. Als ich mich vor ein paar Tagen auf den Weg zu Winzerin Clara Verheij aufmachte, schien zur Abwechslung einmal die Sonne. Knappe zwei Stunden dauerte meine Fahrt von der granadinischen Alpujarra in die ebenfalls bergige Axarquia in der benachbarten Provinz Málaga.

Bodegas Bentomiz bei Sayalonga
Nahe Sayalonga in der Axarquia.

Mit der Weinmacherin bin ich um 11 Uhr verabredet. Da die Fahrt kürzer geriet als gedacht, komme ich bei Bodegas Bentomiz schon eine halbe Stunde früher an. Eine heftige Brise Wind schlägt mir entgegen, als ich aus dem Auto steige, und weil ich noch etwas Zeit habe, schaue ich mich ein wenig um. Steil abfallend und schroff sind die Berge der Axarquia und die terrassierten Hänge, auf denen die Reben wachsen. Die Gewächse sind wegen der graubraunen Schieferböden derzeit kaum zu erkennen. Blicke ich in die andere Richtung den Berg hinunter, sehe ich das strahlend blaue Mittelmeer, das nur sieben Kilometer Luftlinie entfernt liegt.

Bodegas Bentomiz im Bauhaus-Stil
Kellerei und Restaurant. Der Bau startete 2004, seit 2006 werden darin Weine gekeltert. 

Ein schmaler Pfad führt mich zum Gebäude, das im Erdgeschoss die Weinkellerei und in der oberen Etage den Verkostungsraum sowie ein Restaurant mit Küche beherbergt. Im sachlichen Bauhaus-Stil errichtet, korrespondiert der Bau mit seiner Fassade aus verschiedenen Erdfarben wunderbar mit der Umgebung. Oben angekommen wartet Clara Verheij bereits draußen auf mich. Sie fröstelt ein wenig, bemerke ich, trotz der Sonne ist es ein ziemlich frischer Morgen.

Wir begrüßen uns, und ich drücke sogleich meine Begeisterung über diesen idyllischen und abgelegenen Ort in den Bergen mit Meerblick aus. Ja, erwidert Clara, es sei herrlich ruhig hier oben. So wollten sie und ihr Mann André Both es haben, als sie nach dem geeigneten Platz in Spanien für sich Ausschau hielten. Die Ruhe der Berge und gleichzeitig nah am Meer zu sein, war ihnen wichtig. 1995 war das, als sich die beiden Niederländer 1,5 Hektar brachliegendes Land hier kauften, um sich nieder zu lassen. An Tagen mit guter Fernsicht so wie heute, fügt Clara hinzu, sehe man sogar bis nach Afrika. Und in der Tat, nun wo ich nochmals über das Mittelmeer schaue, erkenne ich in der Ferne die Silhouette des Rif-Gebirges in Marokko.

Clara Verheij in der Kellerei
Clara Verheij in ihrer Kellerei.

Der Wind pfeift uns immer noch um die Ohren, also wird es Zeit sich in den Schutz der Kellerei zu begeben. Clara Verheij erzählt mir von ihrem Werdegang als Weinmacherin: André Both und sie waren bereits passionierte Weinliebhaber als sie 1995 in die Axarquia auf das Grundstück nahe der Ortschaft Sayalonga zogen, aber an ein professionelles Weingut dachten sie damals noch nicht. Er gründete erfolgreich eine Baufirma, sie eröffnete eine Sprachschule und arbeitete als Übersetzerin. Nebenbei pflanzten Clara und André auf ihrem Land einige Rebstöcke. Daraus kelterten sie ein paar Jahre später erstmals Wein für den Eigenbedarf. Von den Einheimischen lernten sie die Methoden der traditionellen Weinbereitung: Die Trauben stampften sie in Bottichen mit den Füßen, der Most wurde in Eichenfässer abgefüllt und ging mehr oder weniger alleine seinen Weg zum Wein.

Auf diese althergebrachte Weise entstehen freilich keine echten Qualitätsweine, also richtete sich Clara 2003 ein kleines Weinlabor ein, kaufte neue Holzfässer sowie einen Stahltank mit integriertem Kühlsystem, das eine temperaturregulierte Gärung erlaubt. Unter Einbezug eines Önologen füllten Clara und André im folgenden Jahr erstmals 1000 Flaschen eines im natürlichen Verfahren erzeugten Süßweines aus der autochthonen Weißweinsorte Moscatel de Alejandría ab. 2004 war auch das Jahr, in dem sie mit dem Bau ihrer modernen Kellerei begannen. Bis 2014 investierten sie in das Gebäude und den Keller und bauten schrittweise aus. Derzeit beträgt die Produktion je nach Jahr zwischen 30.000 und 50.000 Flaschen. Das erklärte Ziel von Clara liegt bei 100.000 Flaschen jährlich.

Ariyanas: Weiß-, Rosé-, Rot- und Süßweine
Ariyanas: Weiß-, Rosé, Rot- und Süßweine.

Während Bodegas Bentomiz mengenmäßig also erst in der Mitte angekommen ist, sind die Weine selbst bereits absolute Top-Kategorie: Hoch bewertet werden die Gewächse von der Weinkritik wie beispielsweise von Jancis Robinson, und kredenzt werden die Tropfen in zahlreichen Sternerestaurants wie dem berühmten El Celler de Can Roca in Girona.

In den Handel gelangen die Weine mit dem Label „Ariyanas“, Bezug nehmend auf den Namen eines ehemaligen maurischen Dorfes in der Nähe. Übersetzt bedeutet das Wort „aromatisch“, was trefflich zu den hocharomatischen Süßweinen von Bodegas Bentomiz passt. Der Naturalmente Dulce 2012 aus der weißen Moscatel de Alejandría duftet nach Pfirsich und Honig und zeigt ein hervorragendes Süß-Säure-Spiel am Gaumen. Herrlich frisch schmeckt er bei etwa 145 g/l Restzucker.
Nochmals aromatisch intensiver und mächtiger im Körper ist der Terruno Pizarroso 2011, ebenfalls aus Moscatel de Alejandría und mit fein eingebundener Säure. Dieser Süßwein wird acht Monate in französischen Barriques ausgebaut und aus den ältesten, bis zu 90 Jahre alten Reben aus den besten Lagen gekeltert. 25 Hektar biologisch bewirtschaftetes Rebland kontrolliert Bodegas Bentomiz in der Axarquia. Die Bergregion stellt eine von fünf Zonen der D.O. Sierras de Málaga dar.

Alte Rebe, Moscatel de Alejandria
Bis zu 90 Jahre als sind die Reben der Sorte Moscatel de Alejandría.

Clara setzt ihren Süßweinen nicht etwa Weingeist zu, wie es zum Beispiel bei den bekannten Sherrys aus Jerez der Fall ist, um die alkoholische Gärung zu stoppen. Nein, ihre „Dulces“ entstehen in einem natürlichen Verfahren, das traditionelle und moderne Methoden der Weinbereitung verbindet: Traditionell werden die reif, aber nicht überreif gelesenen Trauben in sogenannten „Paseros“ unter freiem Himmel auf der Erde ausgelegt und für mehrere Tage in der Sonne getrocknet. „Asoleo“ heißt dieses Verfahren, bei dem den Trauben Feuchtigkeit entzogen wird, Fruchtzucker und Säure aber erhalten bleiben. Je länger die Trauben unter der Sonne dörren, umso süßer werden sie und später ihre Weine. Nach dieser Art werden in Andalusien auch Rosinen (span.: pasas) hergestellt.

Clara trocknet ihre weißen Trauben für fünf bis sechs Tage in der Sonne, ehe sie in die Kellerei transportiert und gepresst werden. Im Stahltank erfolgt unter Temperaturkontrolle die alkoholische Gärung. Damit sich nicht der gesamte Fruchtzucker in Alkohol umwandelt, wird die Gärung durch eine Art „Kälteschock“ gestoppt: Der gärende Most wird in einen anderen Tank mit einer Temperatur von minus 3 Grad Celsius gepumpt und dabei auch von den Hefen getrennt. So entstehen bei Bentomiz natürliche Süßweine mit einem deutlich niedrigeren Alkoholgehalt (13% Vol.) als es beispielsweise bei restsüßen Sherrys der Fall ist, die mit hochprozentigem Weingeist aufgespritet werden und gewöhnlich bei 17% bis 22% Vol. liegen.

Man muss hier als Konsument mit den Begrifflichkeiten sehr gut aufpassen: Als „Naturalmente Dulce“ werden die natürlich hergestellten Süßweine wie jene von Bodegas Bentomiz in der D.O. Sierras de Málaga bezeichnet, während unter „Dulce Natural“ jene Likörweine firmieren, die mit Weingeist oder Traubenmostkonzentrat angereichert werden. Auch darin hat die Provinz Málaga eine jahrtausendealte Tradition, zu der ich auf diesem Blog bereits einen Artikel verfasst habe.

Clara Verheij, Bodegas Bentomiz
Im Hintergrund der schneebedeckte Maroma, mit 2.069 m höchster Berg der Axarquia.

Das „Bentomiz-Terroir“ wird von vier maßgeblichen Faktoren bestimmt. Erstens: Das nahe Mittelmeer und dessen salzige Brisen, die in die Berge hochwehen, entfalten im Sommer eine kühlende Wirkung auf die Weinlagen. Zweitens: Die Schieferböden hinterlassen mineralische Noten im Wein. Drittens: Die relative Hochlage von 450 bis 850 Metern, auf der die Reben wachsen, sorgt für Abkühlung in den Nächten, was die Säurebildung in den Beeren begünstigt. Viertens: Die in Buscherziehung gehaltenen Reben sind alt, größtenteils zwischen 80 und 90 Jahre. Ihre Erträge sind gering, die Traubenqualität hingegen hoch.

Dieses Terroir in Kombination mit Claras handwerklicher Präzision und moderner Weinbereitung gesetzt, lässt die hochfeinen und stilistisch durchgängig eleganten Ariyanas-Weine entstehen. Neben den zuvor genannten Süßweinen hat Bodegas Bentomiz ebenfalls trocken ausgebaute Weine im Repertoire. Sie zeichnen sich unter anderem durch einen für südspanische Verhältnisse ungewöhnlich niedrigen Alkoholgehalt aus, der 12,5% bis 13,5% Vol. beträgt. Wie schafft sie es den Grad so niedrig zu halten, frage ich Clara. Den richtigen Erntezeitpunkt genau zu treffen, sei absolut entscheidend, entgegnet sie. Die Trauben müssten freilich reif sein bei der Lese, aber bereits wenige Tage länger als nötig in der andalusischen Sonne könne ihren Fruchtzucker maßgeblich erhöhen und folglich den späteren Alkoholgrad.

Steilhänge bei Bodegas Bentomiz
Eine kleine Weinparzelle direkt bei der Bodega.

Unsere Verkostung im lichtdurchfluteten Obergeschoss beginnt mit dem Rosado 2016. Der trockene Roséwein mit weniger als 2 g/l Restzucker wird aus der roten Sorte Romé gewonnen, die typisch für die Axarquia ist. Frisch und mit filigraner Struktur kommt er daher. Clara lässt ihn nur etwa eine Stunde auf der Maische stehen, so erhält er eine zarte orangen-goldene Farbe, danach erfolgt der Ausbau wie bei einem Weißwein.
Acht Monate auf der Feinhefe steht der saftige Ariyanas Seco aus Moscatel de Alejandría. Typisch für einen im Stahltank trocken ausgebauten Moscatel hat der Weißwein ein deutliches Aroma von tropischen Früchten; eher ungewöhnlich für die Sorte ist das lange Finish am Gaumen, das mich beeindruckt.

Bei den Rotweinen steigen wir mit dem Tinto de Esamblaje 2013 aus Petit Verdot, Tempranillo, Romé und Cabernet Franc ein. Die Sorten Petit Verdot und Cabernet Franc werden von Clara Verheij im Holzfass ausgebaut, Romé und Tempranillo hingegen nicht, um den fruchtigen Charakter der Sorten ganz zu bewahren. Die Cuvée ist einwandfrei ausbalanciert, offenbart komplexe Aromen, weiche Tannine und Tiefgang.
Mit typischen Paprikanoten sowie von erdigen und kräuterigen Aromen geprägt ist der sortenreine Petit Verdot 2015. Da ist sie wieder, diese Rebsorte, auf die ich in Andalusien häufig treffe und mir schon oft die Frage gestellt habe warum eigentlich. Nicht dass ich etwas gegen die Rebe hätte, ganz im Gegenteil. Dass autochthone Sorten wie Vijiriega oder Romé wieder zusehends an Beliebtheit erfahren, ist nachvollziehbar, denn sie gehören historisch gesehen zur Region. Dass Chardonnay, Sauvignon Blanc, Tempranillo oder Cabernet Sauvignon außerdem im andalusischen Weinanbau populär sind, verstehe ich ebenfalls. Diese Reben kennt die ganze Welt und verlangt auch danach. Aber reinsortige Petit Verdot, wie sie nicht nur von Bentomiz, sondern zum Beispiel auch von den in Ronda ansässigen Weingütern F. Schatz und Descalzos Viejos erzeugt werden? Clara hat die Antwort für mich: Petit Verdot sei eine Traube, die einen langen Reifeprozess benötige, erklärt sie. Damit passe die Rebe natürlich sehr gut ins andalusische Klima. Während es andernorts im September und Oktober schon feucht und kalt werde, ist es in Andalusien noch trocken und warm, so dass die Petit Verdot hier ganz ausreifen könne. Danke, Clara, jetzt habe ich wieder etwas dazu erfahren.

Clara Verheij hat ihre Sprachschule 2007 geschlossen und ist seither „Vollzeit-Weinmacherin“. Der Stil ihrer Ariyanas-Weine zeichnet sich durch Frische, Eleganz und einen behutsamem Holzeinsatz aus und sagt mir ausgesprochen zu. Ihr Mann André Both ist noch Teilhaber an der von ihm gegründeten Baufirma, widmet sich inzwischen aber vor allem der Kochkunst im Restaurant von Bodegas Bentomiz, das an fünf Tagen die Woche geöffnet ist. Wer in der Axarquia unterwegs ist, dem sei ein Besuch von Kellerei und Restaurant empfohlen. Das jeweilige Menü ist freilich auf die hauseigenen Weine abgestimmt. Eine Voranmeldung bzw. Reservierung ist erforderlich.

Link: www.bodegasbentomiz.com

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