V wie Vijiriego! – Und auch wie Verdevique, Valenzuela, Viognier und Verschnitt.

In Andalusien, wie in ganz Spanien, findet seit geraumer Zeit eine fast unbemerkte Weinrevolution statt. Insbesondere kleinere Weingüter richten das Augenmerk zusehends auf autochthone, lange vergessene und kaum mehr kultivierte Reben wie die weiße Zalema in der Provinz Huelva, die rote Tintilla de Rota in der Provinz Cadiz oder die rote Romé in der Provinz Málaga. Darüber hinaus werden bekannte Rebsorten wie Palomino, Pedro Ximénez oder Moscatel – die in Andalusien jahrhundertelang fast ausschließlich zur Erzeugung von Finos, Olorosos oder sonstigen gespriteten Likörweinen dienten –  vermehrt zu trockenen Weißweinen mit interessanten und ungewöhnlichen Aromen ausgebaut.

Vijiriego Rebe von Garcia de Verdevique
Vijiriego-Rebe im Weinberg von Garcia de Verdevique (Foto: Alberto Garcia)

In der Provinz Granada, in welcher ich wohnortbedingt viele meiner Weinexkursionen unternehme, erlebt die weiße Rebsorte Vijiriego eine Renaissance. Früher war die Vijiriego (alternativ auch Vijiriega oder Vigiriego genannt) in ganz Andalusien zu finden. Bis 1878 die Reblaus erstmals in Spanien in der Provinz Málaga auftrat und in der Folge nahezu alle Weinberge dahinraffte. Bei den Neupflanzungen im 20. Jahrhundert blieb die Vijiriego außen vor, weil sie für die Winzer einen Mehraufwand an Arbeit im Weinberg bedeutet und aufgrund ihrer Anfälligkeit ein wirtschaftliches Risiko darstellt. Eine Eigenschaft der Vijiriego ist es beispielsweise, dass sie recht buschig in die Breite wächst und sich die Traubenstiele gerne um die Triebe des Rebstocks wickeln, was den Grünschnitt und die Lese erschwert. Zudem handelt es sich bei der Vijiriego um eine eher empfindliche Sorte: Die Beeren besitzen eine dünne Schale, die leicht platzt, besonders wenn es im September und Oktober zu feucht wird. 

Bodega Garcia de Verdevique keltert exzellente Rotweine
Das Weingut Garcia de Verdevique in der Alpujarra-Contraviesa.

In der Alpujarra-Contraviesa, einer Subzone der DOP Granada, erfreut sich die Vijiriego nun aber wieder zunehmender Beliebtheit. In der Sierra de la Contraviesa, einem Gebirgszug der direkt bis an den Costa Tropical genannten Mittelmeerstreifen heranreicht, fällt der Herbst normalerweise sehr trocken aus und das kommt der Rebe aus zuvor genannten Gründen zugute. Ferner ist es dem Engagement einzelner Weinmacher zu verdanken, dass die Vijiriego in der Alpujarra-Contraviesa ein Revival erlebt: Hierüber spreche ich mit Alberto Garcia vom Weingut Garcia de Verdevique. Sein Vater Antonio, erzählt er mir, trat Ende der 1980er-Jahre einem Verbund lokaler Weinerzeuger bei, deren Ziel es war, die Vijiriego im regionalen Weinanbau wieder zu beleben. Dieser Initiative gehörte unter anderem Manuel Valenzuela vom benachbarten Weingut Barranco Oscuro an, von dem ebenfalls noch die Rede sein wird.

Antonio und Alberto Garcia in ihrem Keller
Vater Antonio und Sohn Alberto Garcia in ihrer Bodega.

Ungefähr fünf Prozent ihres damaligen Vijiriego-Bestands hätten die Reblausplage überlebt, berichtet Alberto Garcia, dessen Familie seit vielen Generationen in der Sierra de la Contraviesa Weinanbau betreibt. Sein Vater habe in den 1980er-Jahren aus diesen übrigen, damals fast hundert Jahre alten Vijiriego-Stöcken neue Triebe gezüchtet und wieder gepflanzt. Heute hegen die Garcias etwa 4500 Vijiriego-Gewächse, die in Lagen zwischen 1150 m und 1400 m Höhe gedeihen. Nirgends auf dem europäischen Festland geht es in Sachen Weinbau höher hinaus wie in der Alpujarra-Contraviesa. Ergänzend bilden die dortigen Schieferböden sowie der in den Sommermonaten vom nahen Mittelmeer die Berge hochziehende Morgentau einen fantastischen Standort für individuelle Weine.

Die Vijiriego kommt sonst nur noch auf den Kanarischen Inseln vor. In der Provinz Granada ergibt sie säurebetonte Weißweine mit einer guten Struktur. In der Nase zeigt sich die Rebe zwar wenig spektakulär und nicht sonderlich fruchtig; dafür kommt sie am Gaumen mit frischer Säure sowie Geschmacksnoten von grünem Apfel und wildem Fenchel gerne saftig und druckvoll daher. 

Die spannendsten und geschmacklich vielfältigsten Vijiriego kommen von den bereits erwähnten Naturweingütern Garcia de Verdevique und Barranco Oscuro. Die Vorreiter sind bis heute unübertroffen. 

Vigiriego 2016 von Garcia de Verdevique
Komplexer, saftiger Weißwein: Vigiriego 2016 von Garcia de Verdevique.

Großartig und einzigartig ist zum Beispiel der sortenreine, im Stahltank ausgebaute „Vigiriego 2016“ von Garcia de Verdevique. Mit seinen feinen Apfelaromen und dezenten Cider-Anklängen ist dieser Tropfen wunderbar gelungen. Bernsteinfarben und von unbändiger Kraft und Tiefe ist der flaschenvergorene Schaumwein (Brut Nature), den die Garcias ebenfalls zu 100 Prozent aus Vijiriego keltern. Für diese und alle anderen mediterranen Bergweine von Garcia de Verdevique gilt, dass sie ungeschwefelt, ungeschönt und unfiltriert sind und ausschließlich mit im Weinberg und Keller vorkommenden natürlichen Hefen vergoren werden. 

Manuel Valenzuela von Barranco Oscuro blickt auf seine Weinberge
Manuel Valenzuela von Barranco Oscuro blickt auf eine seiner Hochlagen (1368 m. ü. NHN) in der Sierra de la Contraviesa.

In seinem nur ein paar Kilometer entfernten und nicht weniger hoch gelegenen Weingut Barranco Oscuro füllt Manuel Valenzuela einen ebenfalls exzellenten Schaumwein Brut Nature aus Vijiriego ab. Der „Espomuso“ wird nach der Champagner-Methode erzeugt und offenbart die für eine zweite Flaschengärung typisch feine Perlage und teigige Aromen, die ein spannenden Wechselakkord mit den Vijiriego-inhärenten Apfel- und Zitrusnoten bilden.
Zudem verschneidet der Naturwein-Pionier Valenzuela die Vijiriego mit Viognier und Vermentino zu einem trockenen Weißwein. Valenzuela, Vijiriega, Vermentino, Viognier: Das sind ganz schön viele „V“, ich hoffe Sie sind noch nicht verwirrt! Und dabei ist noch nicht einmal die populäre Weißweinrebe Verdejo darunter, eine Sorte die Manuel Valenzuela aber auch in geringen Mengen keltert.

Schaumwein Brit Nature, Barranco Oscuro, Vijiriego
Toller Schaumwein Brut Nature aus Vijiriego von Barranco Oscuro.

Bleiben wir bei den vielen „V“: Besonders die Sorten Viognier und Vijiriego scheinen sich im Verschnitt gut zu ergänzen: Die im französischen Rhone-Tal populäre Viognier ist eher arm an Säure, wovon die Vijiriego genug hat. Dafür kommt die Viognier bevorzugt aromatisch und fruchtig daher, woran es der Vijiriego etwas mangelt. 

Einen Viognier-Vijiriego-Verschnitt erzeugt neben Barranco Oscuro das Weingut Hacienda Señorio de Nevada, dessen 12 Hektar Weinberge sich am Rande der Sierra Nevada auf rund 700 m Höhe im Valle de Lecrin auftun. Der Weißwein zeigt Frische, Säure und einen kräftigen Körper – da ist einiges gut gelungen, aber leider ist der aktuelle 2017er-Jahrgang mit 15,5% Vol. für einen Weißwein zu alkoholisch geraten und hinterlässt eine unangenehme Schärfe im Abgang. Wirklich schade um den potenziell schönen Tropfen. 

Vijiriego Senorio de Nevada
U. a. ein Vijiriego-Viognier-Verschnitt von Señorio de Nevada im Valle de Lecrin.

Ein im Vergleich schlankerer „Vijiriega“ kommt von Veleta Wine, der Marke des Weinguts Domino Buenavista, das an den Ausläufern der Sierra de la Contraviesa nahe an der Grenze zur Provinz Almeria auf etwa 600 m Höhe liegt. Die Jahrgänge 2015 und 2016 fallen beide in die Kategorie „easy-drinking“, was ich nicht abwertend verstanden wissen will. Denn verschiedene Anlässe verlangen nach verschiedenen Weinen, und dies ist ein saftiger und frischer Sommerwein, herrlich für die Terrasse und zur Einstimmung auf einen Grillabend.

Mit einem Verschnitt aus Chardonnay und Vijiriego wartet Bodega Cuatro Vientos auf. Das älteste Qualitätsweingut der Alpujarra-Contraviesa wurde 1940 gegründet und ist mit 35 Hektar Rebland und einer Produktion von 85.000 Flaschen im Jahr auch der größte Erzeuger unter den dortigen Weinmanufakturen. Der Malafolla Blanco 2016 ist ein für mich überraschend filigraner Weißwein von heller grüngelber Farbe, der mineralische Anklänge am Gaumen und angenehme Bitternoten im Abgang vereint. 

Blick auf Weinberge von Cuatro Vientos in Richtung Mittelmeer
Hochlagen, über 1000 m. ü. NHN, von Cuatro Vientos mit Blick auf’s Mittelmeer.

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