Spanischer Wein will hoch hinaus

Rein geografisch gesehen, befinden sich in der andalusischen Provinz Granada die höchsten Weinberge Europas. Auf fast 1400 m reichen die Lagen in der dortigen Alpujarra-Contraviesa hinauf. Nirgends in Kontinentaleuropa geht es im Weinanbau höher: Italiens höchste Weinberge liegen im Aostatal auf stolzen 1200 m Meereshöhe. Jene Griechenlands recken sich im Weingebiet Metsovo auf ca. 1100 m Höhe. Auch in der Schweiz im Wallis finden sich Weinreben auf immerhin 1100 m. Österreich mit der Südsteiermark (ca. 650 m) und Deutschland mit dem Hohentwiel am Bodensee (ca. 560 m) laufen zumindest in dieser Kategorie unter ferner liefen. 

Weinlage, Alpujarra-Contraviesa
Auf etwa 1200 m in der Alpujarra-Contraviesa.

Die Hochlage als Qualitätsfaktor
Warum sind diese Zahlen von Bedeutung? Es geht mir hier nur vordergründig um Superlativen. Gerade in sehr heißen Regionen, dazu gehört die Provinz Granada zweifellos, kann die Hochlage von Bedeutung für die spätere Weinqualität sein: Eine Voraussetzung für einen hervorragenden Wein ist unter anderem die ausgewogene Balance aus Frucht, Alkohol, Gerbstoffen und Säure. Zur Entwicklung von Frucht und Zucker benötigen Reben viel Sonne; davon gibt’s in Andalusien natürlich genug. Um ergänzend Gerbstoffe und Säure herausbilden zu können, ist es wichtig, dass der Rebstock bei Nacht seine Leistung herunterfährt und eine Ruhepause einlegt. Hierzu braucht es kühle Nächte, und die gibt es freilich stärker ausgeprägt in den Hochlagen.

Weinlage in der Alpujarra-Contraviesa
Neben den Hochlagen sind die Schieferböden ein weiteres Qualitätsmerkmal.

Auch der Reifezyklus der Beeren verlängert sich aufgrund der kühleren Nächte in den Hochlagen. Während in niedrigeren und somit heißeren Gefilden in Andalusien die Trauben schneller reifen und schon im August geerntet werden, findet die Lese in den Hochlagen der Alpujarra-Contraviesa von September bis Oktober statt (je nach Rebsorte etwas früher oder später). Die guten Weine der Alpujarra-Contraviesa zeichnen sich durch Körper, Komplexität und eine Frische aus, die von Säure resultiert. Es sind saftige und dank der vorkommenden Schieferböden auch mineralische Weine, die eben nicht nur alkoholisch und dicht (vulgo: plump) daherkommen, wie es manchmal bei mediterranen Weinen der Fall ist.

Christian und Rosa im Weinberg
Christian und Rosa begutachten hier einen Tempranillo-Stock eines derzeit brachliegenden Weinbergs.

Unterwegs in der Alpujarra-Contraviesa
Mit meinem Bekannten Christian aus der Pfalz und der mir befreundeten Önologin Rosa Pascual war ich diese Woche wieder in der Alpujarra-Contraviesa unterwegs, um ein paar Weinlagen näher anzuschauen und freilich auch ein paar Weine zu probieren. Wir bewegen uns hier im äußersten Süden Europas auf dem Breitengrad von Tunis und nur wenige Kilometer von der Costa Tropical entfernt. Rote Sorten wie Garnacha, Petit Verdot, Tempranillo, Cabernet Sauvignon und Pinot Noir ergeben in diesem mediterranen Bergklima ausgezeichnete Weine. Christian zeigt sich zum Beispiel völlig begeistert vom sortenreinen Pinot Noir des Weinguts Barranco Oscuro. 

Im Weinberg
Die Alpujarra-Contraviesa liegt zwischen dem Mittelmeer und dem Hochgebirge Sierra Nevada.

Aber auch weiße Reben wie Viognier, Chardonnay und die einheimischen Vijiriega, Jaén Blanco und Pedro Ximénez (PX) fühlen sich in der Alpujarra-Contraviesa wohl. Einen fruchtig-frischen, cremigen und aromatischen Weißwein aus Vijiriega (Jg. 2016) keltert beispielsweise unsere Begleitung Rosa Pascual für das Weingut Dominio Buenavista. Und der Weinbauer Juan, dem wir Drei am Tag auf den Feldern begegnet sind, lud uns kurzerhand dazu ein, seinen trocken ausgebauten PX zu probieren: mineralisch, aromatisch und hoher Alkoholgehalt: mit einem fettreichen Schinken, den Juan dazu servierte, ließ sich dieser Tropfen prima trinken.

PX trocken von Juan
Nix mit Lifestyle, aber mit Schmackes: Ein trockener PX von Weinbauer Juan.

Exkurs: Wo es sonst noch hoch und höher hinausgeht
Die Alpujarra-Contraviesa ist zwar die Spitze des spanischen Festlands in Punkto Hochlagen, stellt aber keine Ausnahme dar. In Autonomen Gemeinschaften wie Kastilien-León, Kastilien-La Mancha, Aragón und auch in anderen Teilen Andalusiens befinden sich weitere Weingebiete mit Lagen von über 1000 m Höhe, die ebenfalls jene Vorteile für den Weinanbau mitbringen, die ich zuvor ausführte. Einer meiner liebsten spanischen „Hochlagenweine“ ist der Lajas Finca el Peniscal 2012 aus dem aragonesischen Anbaugebiet Calatayud. Es ist ein sortenreiner Garnacha, eine Rebe, die ihr volles Potenzial für mich erst in höheren Berglagen ausspielt, weil sie dann eben nicht nur samtige Weine hervorbringt, sondern welche mit Komplexität und Biss.

Der einleitende Satz dieses Artikels beginnt nicht ohne Grund mit dem Einschub „rein geografisch gesehen“: Betrachten wir Europa als politisches Gebilde, dann gibt es zwei Inseln, auf denen es noch höher hinausgeht als in der Alpujarra-Contraviesa. Auf den Kanarischen Inseln, die viel näher an Afrika liegen, aber politisch zu Spanien gehören, finden sich auf Teneriffa in der DO Abona Weinberge auf 1700 m Meereshöhe. Auf Zypern, ein EU-Mitgliedsstaat quasi vor der Küste Libanons und Syriens gelegen, beheimatet das Troodos-Gebirge wiederum Rebstöcke auf rund 1500 Metern. In Südamerika werden solche Höhen hingegen milde belächelt: Der höchste Weinberg der Welt liegt auf unglaublichen 3111 m in der Weinregion Salta in Argentinien und wird vom Traditionsweingut Bodega Colomé mit den Sorten Malbec und Cabernet Sauvignon bewirtschaftet.

Bei Bodega Garcia de Verdevique
Christian mit Alberto Garcia beim Fachsimpeln, im Hintergrund Vater Antonio Garcia.

Wieder in der Alpujarra-Contraviesa
Für mich und Christian endete der Contraviesa-Tag bei Bodegas Garcia de Verdevique, ein Weingut, das eben jene dieser höchsten europäischen Weinberge mit bis zu 120 Jahre alten Rebstöcken bewirtschaftet. Aus dem Stahltank probierten wir verschiedene, sortenreine Jahrgänge von Vijiriega, Pinot Noir, Tempranillo und dem natürlichen Süßwein PX, dessen Trauben in der Sonne zum Trocknen ausliegen, ehe sie gepresst werden. Was mich betrifft, so muss ich zu diesem Weingut von Antonio und Alberto Garcia eigentlich nichts mehr sagen. Wer diesen Blog ab und zu liest, weiß, wie begeistert ich von der Qualität und dem Charakter ihrer Naturweine bin. Andernfalls genügt es den Namen „Garcia de Verdevique“ in der Suchfunktion dieses Blogs einzugeben, und Sie erhalten sogleich mehrere Artikel zu diesem interessanten Weingut. Christian, der Pfälzer Jung aus einer Bad Dürkheimer Winzerfamilie, war nicht weniger angetan als ich; vor allem der saftige Pinot Noir der Garcias zauberte ihm ein Lächeln ins Gesicht.

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