Alqueria de Morayma – Wein schlägt Fußball

Hin und wieder erlebt man noch Überraschungen. Die Negative hieß in dieser Woche Nationalmannschaft, die für mich Positive war Alqueria de Morayma.

Am Morgen nach dem fußballerischen Desaster machte ich mich auf den Weg in die Sierra de la Contraviesa. Es ist eine herrliche, einstündige Autofahrt, die mich auf schmalen Straßen von den südlichen Ausläufern der Sierra Nevada über den Bergrücken der Sierra de Mecina in dieses entlegene Weingebiet bringt.

Ende Juni ist es mollig warm in Andalusien, aber auf über 1000 m Höhe und frühs um acht Uhr fühlt sich der Tag noch wunderbar an. Die Sonnenstrahlen, die zwischen den Bergkuppen durchblitzten, lichteten mein Gemüt; fast vergessen war er, der Fußball und der Abend davor.

Weinberg in der Contraviesa
Weinberg von Bodega Barranco Oscuro in der Sierra de la Contraviesa. Im Hintergrund noch Schnee auf der Sierra Nevada. 

Mein Ziel war das Landhotel Alqueria de Morayma. Ein Bekannter aus der Pfalz, der sich derzeit in der Sierra de la Contraviesa nach einem Weingut umschaut, hatte mir den Tipp gegeben. Zum Hotel gehöre eine Bodega, die wirklich guten Wein mache, erzählte er mir. 

Selbst konnte ich mir das nicht so richtig vorstellen. In den drei Jahren, die ich nun in Andalusien lebe, ist die Sierra de la Contraviesa quasi zu meinem zweiten Wohnzimmer geworden und ich bilde mir ein, dass ich in dieser Gegend jedes gute Weingut persönlich kenne. Von Alqueria de Morayma hatte ich bislang noch nicht einmal gehört. Aber freilich musste ich diesem Hinweis nachgehen. Etwas neugierig war ich ja schon. 

Einen kurzen Zwischenstopp legte ich bei Bodega Garcia de Verdevique ein. Freunde aus Madrid heiraten in Kürze, und mir obliegt die Aufgabe die Hochzeitsgesellschaft mit Wein zu versorgen. So lud ich einige Kartons der Tinto Crianza 2011 in den Kofferraum, probierte noch den 2016er und 2017er des weißen Jaén Blanco und verabschiedete mich von Winzer Antonio Garcia bis zum nächsten Mal. 

Schild zur Bodega
In der Nähe von Cádiar, Sierra de la Contraviesa.

Alqueria de Morayma – Naturweine aus Hochlagen
Von 1400 m Höhe, so weit ziehen sich die Weinlagen in der Sierra de la Contraviesa hinauf, führte mich die Straße hinunter ins Tal, wo sich Alqueria de Morayma auf etwa 950 m in der Nähe des Städtchens Cádiar befindet. Die Hochlage ist ein wichtiger Faktor bei Weinen aus heißen Regionen. Hochlage bedeutet kühlere Nächte, was wiederum längere Reifezyklen der Trauben mit sich bringt und für gewöhnlich auch bessere Säurewerte bei den Beeren begünstigt.

Ich bin mit Martin verabredet. Er würde mir den Weinkeller zeigen und die Weine vorstellen, sagte mir eine Dame tags zuvor am Telefon. Auf sechzig Hektar komme das ganze Anwesen, informiert mich Martin eingangs, auf fünf Hektaren würde Wein angebaut: Die weißen Sorten Viognier und Vigiriega sowie die roten Tempranillo, Syrah, Cabernet Sauvignon und Cabernet Franc gedeihen hier auf Tonböden in rund 1000 m Höhe.

Im Weinberg von Alqueria de Morayma
Im Weinberg von Alqueria de Morayma.

Weil die Weinberge nicht bewässert werden, fallen die jährlichen Erträge – vom Niederschlag abhängig – unterschiedlich aus. Heuer erlebte die ansonsten extrem trockene Sierra de la Contraviesa einen erstaunlich regenreichen Frühling, und so dürften aus der kommenden Ernte mehr als die 9000 Flaschen des Vorjahres herausspringen.

Die reizende und weitläufige Hotelanlage Alqueria de Morayma gehört einer Familie aus Granada, die in der Provinzhauptstadt außerdem das bekannte Restaurant Mirador de Morayma betreibt. Die in der Bodega erzeugten Tropfen werden ausschließlich in der eigenen Gastronomie eingesetzt und nur in den beiden Häusern veräußert. In den Weinfachhandel oder Export gelangen sie nicht. 

Martin
Martin bei der Entrappungsmaschine in der oberen Etage des Weinkellers.

Martin führt mich in den Weinkeller. Es ist eine hübsch dekorierte Bodega mit alten Gerätschaften und Porzellanfließen als Wandschmuck, deren Motive die Arbeit im Weinberg und im Keller sowie Rebsorten darstellen. Das bereitstehende Equipment gibt außerdem alles her, um guten Wein zu keltern: unterschiedlich große Gärtanks mit Temperaturregulierung, Barriquefässer aus französischer Eiche, moderne Abfüllanlage, etc. 

Er selbst, sagt Martin, sei nicht mit der Weinproduktion betraut. Zwei festangestellte Arbeiter kümmerten sich um die Weinberge sowie um die Oliven- und Mandelbäume auf den Feldern. Ein Önologe schaue regelmäßig vorbei, um sicherzugehen, dass die Weinbereitung ihren korrekten Gang geht. Diese Weinbereitung, und das stellte die erste Überraschung für mich dar, übt sich im Weglassen: Bei Alqueria de Morayma werden nämlich astreine Naturweine gekeltert. 

Eingang zur Bodega
Der Eingang zur Bodega.

Einschub: Was sind Naturweine?
Naturweine sind nicht gleichzusetzen mit Bioweinen. Bioweine basieren auf einer vorgeschriebenen biologischen Landwirtschaft. Allerdings dürfen sie im Keller fast nach Belieben geschwefelt, geschönt, angesäuert, aromatisiert, filtriert oder mit Reinzuchthefen vergoren werden. 

Bei Naturweinen verhält es sich völlig anders: Sie werden spontan vergoren, das heißt durch natürliche Hefen, die sich zum Beispiel im Weinkeller und auf den Beerenhäuten befinden. Naturweine werden außerdem nicht geschwefelt, angesäuert, aromatisiert, geschönt und filtriert. So besagt es zumindest die reine Lehre und Philosophie hinter dieser Form der urtümlichen Weinbereitung. So etwas wie einen gesetzlich definierten Begriff „Naturwein“ gibt es jedoch nicht; die hier von mir aufgelisteten Kriterien geben ein allgemeines Verständnis wieder.

In der internationalen Weinszene sind Naturweine seit Jahren viel diskutiert und hochumstritten. Auf den Diskurs pro und contra Naturwein bin ich auf diesem Blog schon häufiger eingegangen, unter anderem ausführlich in diesem Beitrag. Während es inzwischen völlig normal geworden ist naturtrübe Biere zu trinken, hegen viele Weinkonsumenten geradezu eine Abscheu gegenüber naturtrüben Weinen. Das dürfen sie freilich. Fakt ist dennoch, dass durch das Filtrieren dem Wein Geschmacksstoffe verloren gehen. Und auch wenn Schwefel keinen Eigengeschmack abgibt, so kann der übermäßige Einsatz doch dazu führen, dass ein Wein verschlossen bleibt und steril wirkt. Ich persönlich sehe Naturweine deshalb als Bereicherung für die Weinwelt an, eben weil sie andere Geschmäcker und Aromen hervorbringen als konventionell erzeugte Weine.

Viognier 2016
Viognier 2016, Alqueria de Morayma, Naturwein.

Die Degustation. Mein Glücksmoment.
Bei der Verkostung hatte ich zwei solcher trüben Weißweine im Glas. Martin servierte zuerst einen sortenreinen Viognier. Trotz seiner orangenen Farbe ist es kein sogenannter „Orange Wine“, weil er nicht auf den Beerenschalen vergoren, sondern wie ein klassischer Weißwein zuerst gepresst wird. Dieser Viognier 2016 bescherte mir einen ersten Glücksmoment. Es ist ein trocken ausgebauter Tropfen mit süßlich reifer Frucht, leichten Cider-Anklängen wie sie bei Naturweinen häufiger vorkommen und einem dichten, weichen Körper. Einen so ausgefallenen Weißwein wie diesen hatte ich in einem Hotel mit tendenziell gesetzterem Klientel aus Großbritannien und Mitteleuropa keinesfalls erwartet.

Mit weniger Frucht, dafür mit mehr Säure und einem herberen Geschmack kommt der sortenreine Vigiriega 2016 daher. Vigiriega ist eine autochthone weiße Sorte der Provinz Granada. Im Gegensatz zu manch anderen Weißweinreben verträgt sie sich ganz gut mit Barrique, das im hiesigen Fall dem Wein einen geschliffenen Körper verleiht. Tolles, hochinteressantes Gewächs!

Alqueria de Morayma. 3 Weine.
Kleines, aber ausgesprochen feines Weinsortiment.

12 Monate Barrique erfährt der einzige Rotwein des Hauses. Es ist eine Cuvée aus Tempranillo, Syrah, Cabernet Franc und Cabernet Sauvignon (Reihenfolge nach Mengenanteilen). Martin kredenzt den aktuellen Jahrgang 2014. Dieser beerige und fruchtige Tropfen kippt glücklicherweise nicht hinüber ins Marmeladige, wie das so manche sonnenverwöhnte Rotweine tun, sondern er wird von einer kernigen Struktur mit fein eigebundener Säure getragen und bleibt somit schön frisch und saftig. Absolute Klasse, eine solche Qualität hatte ich zu Beginn des Tages nie erwartet.

Was kosten die Weine, frage ich Martin. „Jeweils zehn Euro“, erwidert er. Das gefällt mir: Nix mit 9,90 und so. Ein glatter Zehner. Das ist ehrlich und die Weine sind es allemal wert. Ich nehme ein paar Flaschen davon mit nach Hause. Als Trostspender zum Fußball gucken. Die WM ist schließlich noch lang, und ab jetzt heißt es: Daumen drücken für Spanien!

Weinberg. Alqueria de Morayma
Alqueria de Morayma: Reben auf Tonböden.

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