Bodegas Lavia – alle Wege führen wohin

Der letzte Termin des Tages stellte mich kurzzeitig vor ein Orientierungsproblem. Um 16 Uhr sollte ich Sebastien Boudon treffen. Der verantwortliche Önologe für die sechs Weingüter der MGWines Group arbeitet in Projekten unter anderem mit Spaniens Winzerstar Raúl Pérez zusammen. Sebastien und ich waren im Weingut Bodegas Lavia in der D.O. Bullas verabredet. Doch mein Navigationsgerät war ausgefallen und meinem Smartphone die Batterie ausgegangen.

Bodegas Lavia, Bullas
Irgendwo südlich von Bullas: Bodegas Lavia

Zum Glück hatte ich mir am Vorabend auf GoogleMaps angeschaut, wo Bodegas Lavia liegt: Ein paar Kilometer südlich der Kleinstadt Bullas. Gar nicht weit von einem Weingut entfernt, das ich tags zuvor besucht hatte, jedoch in einem anderen Tal. Vage kannte ich also die Richtung. Verlässt man Bullas nach Süden, gibt es allerdings schon viele Weggabelungen, die in verschiedene Täler und Weinberge führen und mich auf Irrwege brachten.

Nach zwei misslungenen Versuchen stand ich davor aufzugeben, schließlich hatte ich noch eine vierstündige Heimfahrt nach Andalusien vor mir. Andererseits war ich ungemein an diesem Weingut und Termin interessiert, so dass ich einen finalen Versuch unternahm. Also wieder zurück an den südlichen Ortsausgang von Bullas, und diesmal bog ich tatsächlich an der richtigen Stelle ab. Ein holpriger Feldweg führte mich letztlich nach ein paar Kilometern ans Ziel.

Sebastian, Wine maker
Sebastien Boudon: Önologe von Bodegas Lavia und der MGWines Group.

Monastrell mit dickeren Schalen und Ganztraubengärung
Als ich ankam war Sebastien schon da. Wir begrüßten uns und klärten zuerst die Sprache. Er ist Franzose, spricht perfekt Spanisch und wenig Englisch. Ich, Deutscher, perfektes Englisch und nicht so besonders Spanisch. Also Spanisch. „Entiendo mas que hablo“ – „Ich verstehe mehr als ich spreche“, sagte ich zu Sebastien. Ein Satz, den ich auswendig gelernt habe. Und so ließ ich Sebastien erzählen, hörte zu und stellte zwischendurch ein paar Fragen, wenn nötig auch mit Händen und Füßen. Es war eine Begegnung, von der ich am Ende sagen kann, dass ich mehr übers Weinmachen gelernt habe und die mir außerdem tolle Genussmomente bescherte.

Weine von Bodegas Lavia
Drei der vier vorzüglichen Lavia-Weine und ein Hund.

Da wäre beispielsweise der Rotwein Lavia Origen 2014. „Monastrell de Altura“ – „Monastrell aus der Höhe“, besagt das Etikett, weil die Reben für diesen Wein auf 750 bis 800 Metern Meereshöhe wachsen. Aus verschiedenen Parzellen werden einzig jene Trauben geerntet, deren Stöcke in den tonhaltigsten Bodenschichten wurzeln. Der Grund für diese aufwändige selektive Lese liegt darin, wie mir Sebastien erklärt, dass die Monastrell auf Tonböden eine dickere Beerenschale entwickelt als zum Beispiel auf den in Bullas ebenfalls häufig vorkommenden kalkhaltigen Schwemmböden. 

Dickere Beerenhäute bedeuten wiederum mehr Gerbstoffe, die bekanntlich in den Schalen stecken, sowie farbintensivere Weine. Darüber hinaus werden die Rotweine von Bodegas Lavia mit einem Anteil von 10 bis 15 Prozent Ganztrauben, also mit den Stilen, vergoren. Normalerweise werden Rotweinbeeren vom Stil „entrappt“, bevor sie als Maische gären. Der Vorteil einer (anteiligen) Ganztraubengärung kann hingegen darin bestehen, dass sich in den Stilen Tannine, Proteine und antioxidative Katechine befinden. Gerade bei der oxidationsanfälligen Monastrell-Rebe bietet dies zusätzlichen Schutz. Darüber hinaus bestehen die Rappen zu über 50 Prozent aus Wasser und enthalten keinen Zucker. Dadurch fällt der Alkoholgehalt eines Weins etwas niedriger aus, was sich auf sonnenverwöhnte südspanische Weine freilich positiv auswirken kann. Allerdings ist Vorsicht geboten: Die Verwendung von Ganztrauben zur Gärung erfordert absolut gesunde Trauben und eine sehr sorgfältige Auslese, um Bitteraromen zu vermeiden. Denn die Rappen enthalten auch Bitterstoffe, die im Wein unerwünscht sind. Die seit 2009 von Bodegas Lavia praktizierte biologische Weinwirtschaft stellt sicherlich eine wichtige Grundlage für gesunde Reben und somit für die Ganztraubengärung dar.

Bodegas Lavia, Keller
Im Weinkeller von Bodegas Lavia.

Was besagter Lavia Origen 2014 dann im Glas bietet, zeugt von außergewöhnlicher Klasse: Ein komplexer Rotwein mit fruchtigen, animalischen und balsamischen Aromen, der von präsenter Säure und einer dichten Tanninstruktur getragen wird. Das ist kurzum dunkle Eleganz, mit Druck am Gaumen, intensiver Frucht und Würze. 

Kaum weniger herausragend – mit viel Struktur, Tiefgang und Länge – sind die anderen drei Lavia-Rotweine. Allen voran ist hier der Premiumwein Finca Paso Malo zu nennen, ein weiterer sortenreiner Monastrell, von dem wir ebenfalls den 2014er-Jahrgang verkosten. 

Die Qualität steht an erster Stelle
Das Weingut Lavia bewirtschaftet 25 Hektar Rebland in der D.O. Bullas, davon 23 Hektar Monastrell in Buscherziehung und zwei Hektar Syrah. Die Monastrell-Rebstöcke sind 40 bis 50 Jahre alt und werden nicht bewässert. Da der Grundwasserspiegel in Bullas höher liegt als in benachbarten Weinregionen können sich alte Reben mit ihren tiefgehenden Wurzeln versorgen. Auch profitieren die Reben von feuchten Winden, die vom 80 Kilometer nahen Mittelmeer herüberwehen. „Bullas bietet ein fantastisches Terroir für die Monastrell“, folgert Sebastien Boudon, der als Önologe früher auch bei einem Weingut im Elsass gearbeitet hat.

Vorbereitung des Tastings
Sebastien bereitet die Degustation vor …

Gegründet wurde Bodegas Lavia im Jahr 2004 von sieben Freunden aus Bullas. Ein Jahrzehnt später verkauften sie das Weingut an Luis Miñano, dem Besitzer der MGWines Group. Lavia ist die kleinste der sechs zur Gruppe gehörenden Kellereien, und mit einer Produktion von 60.000 Flaschen im Jahr steht die Qualität ganz klar im Fokus. Für die Weinbereitung gilt höchste Präzision, nichts wird dem Zufall überlassen: Die frisch geernteten Trauben landen sogleich in 15 kg Kisten in einem Kühlcontainer neben der Weinkellerei, wo sie geschützt in 8 Grad Celsius ruhen, bis sie an einem Selektionstisch manuell sortiert werden. Die guten Früchte gelangen auf ein Laufband und fallen von dort mittels Schwerkraft in die Tanks zur Spontanvergärung. Neben dieser schonenden Weinbereitung ist auch der Holzeinsatz behutsam: Lavia-Weine werden größtenteils in 500 l Eichenfässern und großen Fudern ausgebaut, statt der üblichen 225 l Barriques, die dem Wein im Verhältnis mehr Holzkontakt bieten.

Und dann noch ein Forcallat
Nachdem wir die vier Rotweine von Bodegas Lavia verkostet hatten, öffnete Sebastien den Rotwein Alagú Forcallat 2016 von Casa Corredor, einem zur Gruppe gehörenden Weingut. Alagú heißt das Projekt, in dem sich MGWines der Kultivierung und Vinifikation selten gewordener autochthoner Sorten verschreibt. Darunter der mir bis dato unbekannten Rebe Forcallat. Frisch, saftig und filigran mutet dieser rebsortenreine Tropfen an. Er ähnelt in seiner kühlen und schlanken Eleganz viel eher einem atlantischen Wein, obwohl er aus der mediterranen D.O. Alicante stammt. Ein richtig spannendes Gewächs und für mich eine echte Entdeckung zum Abschluss.

Tasting Room Lavia
… und die macht in einem solchen Ambiente gleich doppelt Spass.


Ergänzende Info:
Bezugsmöglichkeit: www.bodeboca.de
Dieser spanische Online-Händler, der auch nach Deutschland versendet, bietet die im Artikel nicht namentlich erwähnten Rotweine Lavia (Monastrell, Syrah) und Lavia+ (Monastrell) an. Es sind die ausgezeichneten „Einstiegsweine“ von Bodegas Lavia. Die erwähnten Lavia Origen und Finca Paso Malo liegen im Handel bei über 20 bzw. 30 Euro je Flasche. 

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