Anadigna – zeitlose Albariño

Nach Galicien habe ich es bei meinen Weintouren bislang noch nicht geschafft. Ich habe den Winzer Carlos Rey Lustres stattdessen zweimal auf einer Messe in Madrid getroffen und war dabei stets von seinen Weißweinen aus der Albariño-Rebe begeistert – von deren geradliniger Eleganz, der lebhaften Säure, der filigranen Mineralität und den animierenden Zitrusaromen. Es sind zwei klassische Albariño aus dem Anbaugebiet Rías Baixas, die zeitlos jede Mode überdauern. Bei einem der Weine – dem Anadigna Sobre Lias – kommt hinzu, dass er sieben Monate auf der Feinhefe ausgebaut wird und dadurch mehr Körper und eine schmelzige Textur erhält.

Carlos Rey Lustres auf dem Salon de las Estrellas 2017, Madrid

Anadigna und wie der Cava-Gigant Codorniu auf galicisches Granit biss

Carlos Rey Lustres erzeugt Wein seit 2012, und das ausgesprochen gut, wie nicht nur ich finde: Mit 92 bzw. 91 Punkten bewertet der spanische Weinführer Guía Peñin in der Ausgabe 2019 die beiden Albariño-Weine. Darüber hinaus erhielten die Gewächse Gold- und Silbermedaillen bei renommierten Wettbewerben wie zum Beispiel bei den Decanter World Wine Awards 2018.

Die Weine von Carlos Rey Lustres gelangen unter dem Namen „Anadigna“ auf den Markt. Es ist eine Hommage an die Großmutter, die Anadigna hieß. In den 1950er-Jahren pflegte sie die Weinberge der Familie und erzeugte – bereits unter Einbezug des Mondkalenders – einen in der Region allseits geschätzten Wein.

Für seine Großmutter legte sich Carlos Rey Lustres sogar mit dem Weingiganten Codorniu an. Der katalanische Cava-Produzent erzeugt Schaumweine unter dem Label „Anna“ und sah sich in seinen Markenrechten verletzt. Codorniu klagte im Jahr 2015 gegen Carlos Rey Lustres und dessen Marke Anadigna. Auch Pagos del Rey – ein weiterer spanischer Weinriese – schloss sich der Klage an, da er einen Weißwein „Analivia“ erzeugt und ebenfalls die Gefahr einer Verwechslung bei Konsumenten sah. Die Angelegenheit ging bis zur höchsten richterlichen Instanz.

Anadigna! Nicht Anna und auch nicht Analivia.

In Zahlen liest sich der Streit so: Die Codorniu-Gruppe mit einer Jahresproduktion von 50 Millionen Flaschen gegen ein Boutique-Weingut mit jährlichen 10.000 Flaschen. Wir kennen es aus dem Alten Testament: Manchmal gewinnt der Kleine (David) gegen den Großen (Goliath), und so war es auch in diesem Fall. Carlos Rey Lustres bekam im Dezember 2017 schließlich Recht und darf seine Gewächse seither wieder nach dem Namen der Großmutter benennen. Während des Rechtsstreits ließ er das „A“ weg und die Weine hießen vorübergehend „Nadigna“.

Am äußerst sympathischen Carlos Rey Lustres durfte der Global Player Codorniu also erfahren, wie hart galicisches Granit sein kann. Man beißt sich schnell daran die Zähne aus. Die Granitböden sind nicht umsonst typisch für das Anbaugebiet Rías Baixas. Oftmals verleiht dieser Boden den Weinen der Region eine feine Mineralität. Dieses Merkmal trifft ganz besonders auch auf den Anadigna 2017 sowie den Anadigna Sobre Lias 2016 von Carlos Rey Lustres zu.

Weinlage von Carlos Rey Lustres im Val do Salnes, Rías Baixas

Rías Baixas – Atlantik, Granit, Kletterreben

„Rías“ heißen die sich tief ins Land ziehenden Fjorde an der galicischen Atlantikküste. Der Name des Anbaugebiets Rías Baixas übersetzt sich demnach in „Untere Fjorde“. Atlantische Winde bringen der Region reichlich Regen und sorgen für ein grünes, fruchtbares Land. Vom „südlichsten Weingebiet Nordeuropas“ ist manchmal scherzhaft die Rede. Aber so ganz falsch liegt man damit nicht. Denn frische, feingliedrige und säurebetonte Weine wie sie hier vorkommen, verbinden viele Weinliebhaber nun mal nicht mit Spanien, sondern eher mit Cool-Climate-Gebieten.

Die Rebgärten von Carlos Rey Lustres befinden sich im Val do Salnés, einer direkt am Atlantik liegenden Subzone des Weingebiets. Hier erzieht der Winzer seine Reben mehrheitlich im traditionellen Stil als Kletterwein. Die Pflanzen ranken sich dabei an bis zu 1,90 Meter hohen Spalieren entlang und breiten sich horizontal wie auf einer Laube aus. Aus dem südspanischen Weinanbau kenne ich ein solches Erziehungssystem nicht und lasse mir deshalb von Carlos Rey Lustres erklären, warum das in Rías Baixas so gemacht wird. Drei Gründe führt er auf …

Weinlaube: Reben werden in Rías Baixas traditionell hoch erzogen.

Erstens sollen die Trauben höher wachsen, damit sie nicht mit dem oftmals feuchten Boden in Kontakt kommen und außerdem besser belüftet werden. Bei Nässe trocknen sie so wieder schneller, was unter anderem den Vorteil hat, dass der Winzer weniger Pilzgifte einsetzen muss.

Zweitens sind die Böden durch die häufigen Niederschläge sehr fruchtbar. Deshalb gedeihen die Reben üppig und benötigen viel Platz, um sich auszubreiten. Als Faustregel gilt, dass ein Rebstock drei Quadratmeter Fläche für sein Wachstum erhält. Auf zwölf Quadratmetern werden also beispielsweise vier Reben gepflanzt.

Drittens gibt es historische Gründe. Die Rebgärten wurden früher von vielen Familien multifunktional genutzt: Unter den hohen „Traubendächern“ baute man ebenfalls Gemüse wie Kartoffeln an. Im Grunde gab es zwei Ebenen der landwirtschaftlichen Nutzung: im Erdgeschoss das Gemüse, auf der ersten Etage die Weintrauben. Breite Abstände zwischen den Reben ermöglichten zudem das Pflügen der Böden.

Kleine Beeren sind typisch für die Sorte Albariño

Carlos Rey Lustres bewirtschaftet seine Weinberge so biologisch wie möglich, sagt er. Einzig gegen Schimmelpilze wie Botrytis sieht er sich gezwungen mit Fungiziden vorzugehen – es regnet einfach sehr viel an der galicischen Atlantikküste. Ansonsten verwendet er für die sandigen, sauren und mit Granitgestein durchsetzten Böden ausschließlich Naturdünger. Ebenfalls verzichtet er gänzlich auf den Einsatz von Insektiziden. Wie seine Großmutter Anadigna bezieht er außerdem den Mondkalender in die Weinbergsarbeit ein: Der Rebschnitt wird beispielsweise nur bei abnehmendem Mond vorgenommen.

Ein Albariño aus über 100 Jahre alten Reben

Die zwei sortenreinen Albariño von Carlos Rey Lustres, das hatte ich eingangs erwähnt, sind ausgesprochen feine Weißweine. Beide verfügen über eine komplexe Nase (Kräuter, Zitrusfrucht, balsamische Noten) und zeigen Grip am Gaumen. Sowohl der Anadigna 2017 als auch der Anadigna Sobre Lias 2016 bringen mit etwa 7 g/l eine hervorragende Säure mit, das macht sie neben zahlreichen weiteren positiven Eigenschaften saftig und frisch.

Im Holzfuder wird der Albariño Anadigna Cepas Centenarias ausgebaut.

„Sobre Lias“, dies als kurze Erklärung, bezeichnet im Deutschen das Hefelager eines Weißweins: Nach der alkoholischen Gärung setzen sich die abgestorbenen Hefen am Boden des Gärbehältnisses ab. Nun erfolgt der erste Abstich, das heißt der Wein wird in einen anderen Tank oder ein anderes Fass umgefüllt und dabei vom Hefebodensatz getrennt. Bei diesem ersten Abstich verbleiben jedoch Hefereste im Wein, die als Feinhefe bezeichnet werden. Manche Weißweine liegen nun für mehrere Monate auf dieser Hefe („liegen“ ist Fachjargon, eigentlich wird die Hefe regelmäßig im Wein aufgemischt). So erhalten sie tendenziell eine cremigere Textur und einen breiteren Körper.

Die Anadigna-Weine – ob mit oder ohne Hefelager – werden aus 30 bis 40 Jahre alten Reben gekeltert, welche die Eltern von Carlos in den 1970er- und 1980er-Jahren gepflanzt haben. Carlos Rey Lustres nimmt zur Weinerzeugung die Expertise der Önologen Cayetano Otero und Patricia Presas in Anspruch. Zusammen arbeiten sie derzeit an einem dritten sortenreinen Albariño, der aus über 100 Jahre alten Rebstöcken gekeltert und im Holzfuder ausgebaut wird. Dafür greift Carlos auf eigene Reben seiner Familie zurück und ebenso auf alte Stöcke, die in Nachbardörfern bei anderen Besitzern stehen. Manche der Reben sind bis zu 135 Jahre alt, sie stammen noch aus der Zeit vor der Reblaus und sind somit wurzelecht. Auf diesen Albariño, den „Anadigna Cepas Centenarias“, dürfen wir jetzt schon gespannt sein.

Alte Rebe mit Albariño-Trauben.

Weitere Infos:

Link zum Weingut: www.anadigna.com

Bildnachweis: Die Fotos 2 bis 7 haben wir von Carlos Rey Lustres – Bodegas Anadigna erhalten. Danke hierfür!

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