Victoria Ordóñez und ein Gentleman aus Pedro Ximénez

Es war einmal ein weltbekanntes Weingebiet, dessen Erzeugnisse auf einer Stufe mit Sherry, Madeira und Port standen. Die Hafenstadt Málaga war reich durch Rosinen und Wein geworden. Deutsche, niederländische und britische Kaufleute machten sich sesshaft und verschifften den Vino de Málaga über das Mittelmeer hinaus in die Welt. 

Im Jahr 1878 trat die Reblaus erstmals auf und vernichtete in den Folgejahren nahezu alle 113.000 Hektar Weinland in der Provinz Málaga. Eine ökonomische und soziale Katastrophe. Im Gegensatz zu Sherry, Madeira und Port erholte sich der Málagawein davon nie. 

Überspringen wir deshalb das 20. Jahrhundert in die Gegenwart: Heute werden in der D.O. Málaga y Sierras de Málaga laut Auskunft des Kontrollrats auf 936 Hektar Weinreben kultiviert. Das ist zwar verschwindend gering im Vergleich zum 19. Jahrhundert, es gibt aber wieder erstklassige Produzenten, die zeigen, was Wein aus Málaga alles leisten kann. Zu diesen gehört mit an vorderster Stelle die Winzerin Victoria Ordóñez. 

Victoria Ordóñez – eine Garage in der Großstadt und historische Weinlagen

Der Besuch führt mich auf die Stadtautobahn MA-20 in Richtung Málaga Flughafen. Eine Ausfahrt davor biege ich in das Industriegebiet Guadalhorce ein. Ich fahre an Autowerkstätten, Burger King, Baumärkten und chinesischen Lagerverkäufen vorbei. In dieser „Stadt in der Stadt“ befindet sich in einer Werkstattzeile hinter einem unscheinbaren Garagentor die Kellerei von Victoria Ordóñez. Hier wird auf 600 m² Wein gemacht, nicht repräsentiert, und ich stoße auf eine rege Betriebsamkeit. 

Der Eingang zur Kellerei

„Wir sind das einzige produzierende Weingut in der Stadt Málaga“, erklärt mir Victoria Ordóñez. Das „Vermögen“ und das „Plus“ des Weinguts, wie sie sagt, sind allerdings die Weinberge, die sich im Umland, genauer in den Montes de Málaga und in der Axarquia befinden. Anhand von Aufzeichnungen und Beschreibungen in Büchern des 18. Jahrhunderts konnte Victoria Ordóñez einige der besten Lagen in diesen zwei Subzonen der D.O. Sierras de Málaga ausfindig machen und in ihr 2015 begonnenes Weinprojekt integrieren.

Was mich im Gespräch mit Victoria Ordóñez schnell fasziniert, ist ihr fundiertes Wissen um die Geschichte des Weinbaus in Málaga. Sie erzeugt nicht einfach nur Wein im hier und heute, sondern sieht sich als Teil einer historischen Linie. Auch deshalb setzt die Winzerin ganz auf die für Málaga typischen Rebsorten Moscatel und Pedro Ximénez, aus denen sie herausragende trockene Weißweine keltert. Die Betonung liegt hierbei auf dem Wort „trocken“, denn mit diesen beiden Reben werden in Andalusien gemeinhin Süßweine assoziiert.

Bei der Verkostung mit Victoria Ordóñez

Victoria Ordóñez, die Medizin studiert und als Ärztin gearbeitet hat, begann eben mit einem solchen Dessertwein ihre Weinkarriere: Der „Victoria Dulce Nr. 2“ trägt sogar ihren Vornamen. Es ist ein von der Kritik hochbewerteter natürlicher Süßwein aus Moscatel, der zur Kollektion ihres Bruders und bekannten Weinmachers Jorge gehört (Grupo Jorge Ordóñez). 

Ab 2015 ging Victoria Ordóñez mit ihrem Sohn Guillermo, ein Agraringenieur, den eigenen Weinweg. Der erste Jahrgang umfasste 6.000 Liter und drei trockene Weißweine namens La Ola del Melillero, Monticara und Voladeros. Mittlerweile liegt die jährliche Produktion bei 40.000 Litern. Die drei Weißweine werden um einen Schaumwein (Rosé Brut Nature) und heuer erstmals um zwei trockene Rotweine ergänzt. Der Launch der roten Gewächse findet in ein paar Tagen auf der Prowein in Düsseldorf statt. Wir dürfen gespannt sein. 

Monticara – eine elegante Lady aus Moscatel

Wie kann ich die Weißweine von Victoria Ordóñez beschreiben? Bei allen Unterschieden, auf die ich gleich zu sprechen komme, verfügen sie für mein Empfinden doch über einen gemeinsamen Nenner: Es sind elegante, beinahe zarte Weine mit einer nahezu perfekten Balance; einerseits zurückhaltend, andererseits hocharomatisch und druckvoll. Es sind durchgegorene Weine ohne Restzucker, die geschmacklich in die Breite und Tiefe gehen. Weißweine, die der obersten spanischen Liga angehören und im Anbaugebiet Málaga ihresgleichen suchen.

In der Axarquia finden sich teils kleinste Weinparzellen wie diese

„Unsere Weine sind fürs Altern gemacht“, erklärt die Weinmacherin. „Wir bauen sie in Holzfässern aus und arbeiten viel mit der Hefe. Der Monticara 2017, den du gerade trinkst, ist fast noch ein Baby“, sagt sie mit einem Lächeln.

Das Baby haut mich von den Socken. Der sortenreine Moscatel entstammt einer Einzellage aus der Axarquia. Das Alter der Reben: 125 Jahre. Der Weinberg Fuente Blas: Ein schwer zu bewirtschaftender Steilhang mit Schieferböden auf bis zu 850 m Meereshöhe. Die Weinbereitung: Vergoren in 600 Liter Eichenfässern und darin für zehn Monate auf der Feinhefe bei regelmäßigem Aufrühren ausgebaut.

„Für diesen Wein verwenden wir nur den Vorlaufmost“, erwähnt Victoria. Das bedeutet nur jenen Saft, der beim Entrappen und Mahlen der Trauben abfließt, noch bevor die eigentliche Pressung stattfindet. Dieser Vorlaufmost ergibt den hochwertigsten Wein, und das macht sich im Monticara 2017 bemerkbar: Welche Finesse und Eleganz! Welch sinnliche florale Aromen von Orangenblüten und Yasmin, die sich im Duft auftun! Die Nase kommt weniger aufdringlich daher, als es bei allen trockenen Moscatel der Fall ist, die ich kenne. Dafür ist sie feiner und subtiler. Seidig fließt der Wein über den Gaumen.

Bodegas Victoria Ordóñez: Rebschnitt in einem Steilhang in der Axarquia

Ich bin ziemlich beeindruckt und sage am Ende der Verkostung zu Victoria, dass mich die Feinheit und Eleganz ihrer Weißweine geradezu verblüfft. „Ich beschreibe es immer so“, nimmt sie den Ball auf und fährt fort: „Monticara ist wie eine elegante Lady und Voladeros wie ein vornehmer Gentleman.“ Dieser Vergleich gefällt mir und ich verstehe genau, was sie damit meint. Und Ihnen – liebe Leser und Leserinnen – bin ich somit noch den Voladeros schuldig.

Voladeros – ein vornehmer Gentleman aus Pedro Ximénez

„Ich wollte den trockenen PX zurück nach Málaga bringen“, beginnt Victoria zu berichten. Es werde viel Unsinn über die Herkunft der Traube erzählt, fährt sie fort, sogar Verbindungen zum Riesling würden gezogen. Fakt ist, dass die Rebsorte Pedro Ximénez genetisch von der arabischen Tafeltraube „Gibi“ abstammt. Die Mauren brachten sie in die Region Málaga, von wo aus sich die Rebe in ganz Andalusien verbreitete.

Heute tritt die „PX“ am häufigsten in der Provinz Cordoba auf, wo sie vor allem in Süßweinen zu finden ist. Die Montes de Málaga, schließt die Weinmacherin ihre Ausführungen, sind aber der eigentliche Ursprungsort der Sorte Pedro Ximénez. 

Weinlese mit Maultieren in den Montes de Málaga

Obwohl die Montes de Málaga direkt an die Axarquia grenzen, spricht Victoria Ordóñez von „zwei völlig unterschiedlichen Welten“ in Sachen Weinbau und kulinarischen Traditionen.

Zwei Dinge hätten die Zonen gemeinsam. Erstens: Weinberge mit zumeist extremen Steillagen – oft sind es kleinste, nicht terrassierte Parzellen – die nur manuell bearbeitet werden können. Zweitens: Einen Untergrund, den die Winzerin als „soils with no soil“ – „Böden ohne Boden“ beschreibt. Damit ist gemeint, dass es den Böden an einer fruchtbaren ersten Schicht fehlt. Die Reben wachsen quasi auf hartem Stein. Ein „unglaubliches und faszinierendes Terroir“ nennt es Victoria. 

Die Unterschiede liegen laut Victoria darin, dass die Montes de Málaga sehr heterogene Böden mit Anteilen von Schiefer, Quartz, vulkanischem Magma, Granit, Kalkstein, Sand und mehr aufweisen. Bis 600 Mio. Jahre datieren die Gesteinsformationen zurück.

Weinbau ist im mediterranen Bergklima der Montes de Málaga auf über 1000 m Höhe möglich und die Temperaturen sind im Durchschnitt zwei bis drei Grad kühler als in der benachbarten Axarquia. Schnee in den Weinbergen sei im Winter keine Seltenheit, sondern eher die Regel. 

Last but not least sind in den Montes de Málaga viele Weinparzellen integraler Bestandteil einer mediterranen Kulturlandschaft aus Steineichen, Pinien-, Oliven- und Mandelbäumen. Auf ihrem Laptop zeigt mir Victoria Ordóñez diesbezüglich einige Fotos (siehe Bild unten). 

Montes de Málaga: Reben zwischen Oliven- und Mandelbäumen. Gras darf in solchen „Campos“ gerne wachsen, um weitere Bodenerosion zu verhindern.

Nun zum Wein: Der Voladeros ist wie erwähnt ein reinsortiger und trockener Pedro Ximénez, der aus den Lagen Santo Pitar und Lagar Rovira in den Montes de Málaga gewonnen wird. Das Terrain ist steil und schwer zugänglich. Bei der Ernte wird das Lesegut von Maultieren abtransportiert. Eine Bewässerung der über 100 Jahre alten Reben ist nicht möglich und „auch nicht nötig“, wie Victoria Ordóñez sagt. Die Erträge liegen mit 900 kg pro Hektar enorm niedrig. Trotzdem wird für den Voladeros ebenfalls nur der Vorlaufmost verwendet. Die anschließende Gärung und der zehnmonatige Ausbau auf der Feinhefe erfolgen in 500 Liter Holzfässern. 

Im Duft ist der Voladeros 2017 zurückhaltender als der zuvor genannte Monticara (kein Wunder, wer Moscatel kennt). Weniger blumig zeigt er sich, dafür dringen in der Aromatik mehr Kräuter durch. Am Gaumen ist er schmelzig-weich und saftig-mineralisch. Der Wein hat Grip und offenbart eine dezente Würze im langen Abgang. Das Holz ist fantastisch eingebunden und trägt zur beeindruckenden Komplexität bei.

Victoria Ordóñez – alt und neu zusammengebracht

Victoria Ordóñez – das ist zum einen eine Kellerei in der Großstadt, die mit modernen Techniken der Weinbereitung arbeitet. Zum anderen sind es alte Reben in wiederbelebten jahrhundertealten Lagen, die in traditioneller Handarbeit bestellt werden. Das Schlusswort überlasse ich der Weinmacherin: „Ich will mit den technischen Mitteln des 21. Jahrhunderts das Bestmögliche aus diesem Terroir herausholen“, bekennt sie und sagt weiter: „Málaga verfügt über Geschichte, autochthone Reben sowie über einzigartige Anbaumethoden. Das is es, was ein Terroir speziell und großartig macht.“

Übrigens auch ein Top-Wein: La Ola del Melillero 2017, 90% Pedro Ximénez, 10% Moscatel. Tolle Säure und mit gutem Trinkfluss.

Weitere Infos
Link zum Weingut: www.victoriaordonez.com
Bezugsquelle: www.vinos.de
Bildnachweis: Die Fotos 3, 4, 5, 6 in diesem Beitrag mit freundlicher Genehmigung von Bodegas Victoria Ordóñez.

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