Armenien: das älteste jüngste Weinland der Welt

In den vergangenen Monaten war ich viel unterwegs, habe zahlreiche Weinregionen und Events besucht, etwa das 100-jährige Jubiläum der DOCa Rioja, über dessen einzigartige Tastings ich hier im Weinkenner berichtet habe.

Zudem war ich Gast im Podcast Storecheck von Hendrik Thoma und leitete acht Masterclasses in Deutschland. Deshalb ist es auf Spaniens Weinwelten zuletzt etwas still geworden – mir fehlte schlichtweg die Zeit (und Ruhe), neue Blogs zu schreiben.

Nun komme ich von einer Reise aus Armenien zurück und dachte, es sei erstens wieder mal an der Zeit für einen Beitrag, der zweitens ausnahmsweise einmal nicht von Spanien, sondern eben von Armenien handelt: ein Weinland, das ich bis vor Kurzem gar nicht auf dem Schirm hatte und überhaupt ein Land, von dem ich mir zuvor wenig bis gar nichts vorstellen konnte.

Armenien ist etwa so groß wie Brandenburg und ist geprägt von Bergen und Hochebenen. Rund 90% der Landesfläche liegen auf über 1.000 Höhenmetern.

Zwischen Europa und Asien

Da ich diesbezüglich wohl kein Einzelfall bin, beginne ich mit der grundsätzlichen Erdkunde: Armenien liegt im Kaukasus und grenzt im Norden an Georgien, im Osten an Aserbaidschan, im Westen an die Türkei und im Süden an den Iran. Seine Hauptstadt Jerewan befindet sich auf 980 Metern Höhe, auf einem Breitengrad ähnlich wie Madrid. Ein Schulfach in Armenien – das finde ich interessant – ist Schach. Und mit Garri Kasparov kann das Land mit einer Legende dieses Sports aufwarten.

Der Grund für meinen fünftägigen Aufenthalt dort war aber nicht Schach, sondern der Concours Mondial de Bruxelles (CMB), ein renommierter internationaler Weinwettbewerb, zu dem ich als Juror eingeladen war, um Weiß-, Rot- und vor allem Schaumweine aus aller Welt zu bewerten. Ich gehörte zu mehr als 300 Juroren aus über 50 Ländern, die an dieser fantastisch organisierten Veranstaltung teilnahmen.

Das Verkosten und Bewerten von Weinen machte allerdings nur einen Teil dieser fünf Tage aus. Ergänzend hatte der armenische Weinverband ein Programm aus Events und Weingutsbesuchen zusammengestellt, das mich in jeder Hinsicht beeindruckte und bleibende Eindrücke hinterlassen wird.

Die Eröffnungsfeier des Concours Mondial de Bruxelles war eine spektakuläre Show in der Tempelanlage von Garni.

Denn Armenien ist von außergewöhnlicher Schönheit. Das Land bietet eine gewisse Exotik, andererseits wirkt es nicht völlig fremd. Hinzu kommt die große Freundlichkeit der Menschen. Bereits die Hauptstadt Jerewan mit etwas mehr als einer Million Einwohnern bietet ein pulsierendes Straßenleben mit zahlreichen Cafés, Restaurants, Weinbars und Geschäften. Man fühlt sich hier zugleich in Europa und in Asien — ein bisschen wie im Paris des Ostens.

Noch beeindruckender sind die weiten, kargen und erhabenen Landschaften des Südkaukasus, allen voran der Berg Ararat, der biblische, über 5.100 Meter hohe Gipfel, den man von vielen Stellen in Armenien aus sehen kann. Er liegt – sofern nicht von Wolken eingehüllt – schneebedeckt am Horizont.

Der biblische Berg Ararat (5.137 m) ist von vielen Orten aus sichtbar, gehört aber offiziell zur Türkei. Der höchste Berg Armeniens ist der erloschene Vulkan Aragaz mit 4.090 Metern.

Hochlagen prägen den Weinbau

Für den armenischen Weinbau sind Berge und Hochlagen ein entscheidender Faktor. Auf der Reise besuchten wir unter anderem am ersten Tag die Weinregion Vayots Dzor im Süden des Landes. Dort liegen die Weinberge in Höhen von bis zu 1.800 Metern. In diesen Hochlagen herrscht ein trockenes kontinentales Klima, mit starken Temperaturkontrasten zwischen Tag und Nacht sowie zwischen heißen Sommern und kalten Wintern. Die hohe Sonnenintensität am Tag sorgt für Reife, die Kühle in der Nacht für Frische in den Weinen.

Vulkanische und kalkgeprägte Böden tragen ebenfalls zu den grundsätzlich hervorragenden Weinbau-Bedingungen bei. Zudem sind die meisten Reben in Armenien wurzelecht, da das Land von der Reblaus nicht erreicht wurde. Einige Stöcke erreichen ein biblisches Alter von bis zu 150 Jahren. Insgesamt umfasst das Land rund 13.000 Hektar Rebfläche.

Auf 1.350 Metern im Weingut Noa in der Region Vayots Dzor. Das Klima ist kontinental mit starken Temperaturkontrasten zwischen Tag und Nacht sowie Sommer und Winter.

Rebsorten und Weine mit Charakter

Zwar werden in Armenien auch französische Rebsorten angebaut, doch die meisten der Weine, die ich probiert habe, stammten von autochthonen Rebsorten, von denen über 400 existieren – viele davon mit Namen, die nicht leicht auszusprechen oder zu behalten sind. Besonders gut gefallen hat mir die Rotweinsorte Areni, aus der etwa der hochelegante und wunderbar frische Karasi Collection Areni Noir 2019 vom Weingut Vozkevaz stammt. Gekeltert wird das Gewächs aus 130 Jahre alten Reben auf 1.600 Metern Höhe. Obwohl die Areni-Traube dicke Schalen hat, die Schutz vor den extremen Bedingungen in solchen Hochlagen bieten, ist der Wein hell und transparent – ein Zeichen für eine behutsame Extraktion und einen Ansatz der Weinbereitung, bei dem Frische und Trinkfluss im Vordergrund stehen.

Ein eleganter Rotwein mit Finesse und Spannung. Aus 130 Jahre alten Reben.

Einen Abends war ich außerdem mit meinem Freund Janek Schumann, ein Master of Wine, und zwei weiteren deutschen (Wein-)Freunden in einer Weinbar in Jerewan. Dort stellte Janek uns den Weißwein Voski 2023 vom Weingut Zorah vor, gekeltert aus den Rebsorten Voskehat und Garandmak. Er war geradezu Weltklasse: vielschichtig, spannungsgeladen, sehr lang und ausgesprochen charaktervoll.

Aufregender Weißwein aus den Trauben Voskehat und Garandmak.

Am selben Abend tranken wir auch den Schaumwein K2 Brut Nature 2019 vom Weingut Keush: taditionelle Methode, mehrere Jahre Hefelager, präzise, lang und mineralisch. Der Schäumer stammt aus über 100 Jahre alten, wurzelechten Reben der Sorten Khatouni und Voskehat, gewachsen auf 1.750 Metern Höhe. Er ist ein weiteres eindrucksvolles Beispiel dafür, welches Potenzial in den kalk- und vulkanisch geprägten Hochlagen sowie in den autochthonen Rebsorten Armeniens steckt.

Packender Sparkling im „Oxy“-Style. Die Trauben wachsen auf 1.750 m Höhe.

Armenien: Die Wiege des Weins

Umso erstaunlicher ist, dass Armenien international als Weinland quasi total unbekannt ist. Und das, obwohl sich hier die Wiege des Weins befindet. Zwar gilt Georgien oft als Ursprungsland des Weins, doch so eindeutig lässt sich das nicht sagen. Sicher ist, dass in dieser Kaukasusregion archäologische Hinweise auf eine frühe Domestizierung von Reben vor rund 11.000 Jahren gefunden wurden. Ob diese Domestizierung aber zuerst im heutigen Georgien, im heutigen Armenien oder in einer der angrenzenden Regionen geschah, lässt sich nicht mit letzter Sicherheit sagen.

Ein über 6.100 Jahre alter Weinkeller in einer Höhle nahe der Ortschaft Areni.

Wie alt die Weinkultur in Armenien ist, zeigte auch eine Höhle nahe der Stadt Areni, die ich und die anderen Juroren des CMB besucht haben. Dort fanden sich Überreste von Tonamphoren, die in den Fels eingearbeitet waren und mehr als 6.100 Jahre alt sind. Solche Amphoren heißen in Armenien übrigens Karas, nicht zu verwechseln mit den georgischen Quevri. Zwischen beiden gibt es einige Unterschiede. Armenische Karas sind in der Regel heller, weil sie einen höheren Kalkanteil aufweisen. Außerdem sind sie meist kleiner: Viele fassen etwa 1.000 Liter, während Quevri häufig ein Fassungsvermögen von rund 4.000 Litern haben.

Zudem werden die Karas-Amphoren in Armenien meist nur zu einem Drittel (und nicht vollständig wie in Georgien) in den Boden eingegraben. Der Hintergrund liegt auch in den unterschiedlichen Weintraditionen beider Länder. Georgien ist historisch stärker auf Weißwein und kühlere Gärbedingungen ausgerichtet, während Armenien eher für Rotweine bekannt war. Entsprechend wurden die Amphoren dort nicht so tief eingegraben, da Rotweine nicht so kühl vergoren werden wie Weißweine.

In Armenien werden die traditionellen Amphoren „Karas“ genannt. Hier im Weingut Voskevaz.

Die Folgen der Sowjetzeit

Ein wesentlicher Grund dafür, dass Georgien als Weinland bekannter ist und auch als Ursprungsland des Weins genannt wird, liegt in der Sowjetzeit. Im 20. Jahrhundert gehörten beide Länder zur Sowjetunion, und in der Planwirtschaft wurde festgelegt, welche Region was zu produzieren hatte. Georgien wurde für die Weinproduktion zuständig, Armenien für die Brandy-Herstellung. Durch diese in Moskau getroffene Entscheidung kam die über Jahrtausende gewachsene Weinproduktion in Armenien praktisch zum Erliegen. Bis heute dominiert im Land die Brandy-Produktion – die meisten der 13.000 Hektar Weinberge werden dafür genutzt.

Aber so langsam gewinnt die qualitätsorientierte Weinproduktion auch wieder an Bedeutung. Sie ist ein relativ junges Phänomen und setzte erst in den 2000er-Jahren erneut ein. Deshalb lautet der Werbespruch des Armenischen Weinverband auch „The Oldest Newest Wine Country in the World“.

Im Weingut Karas mit Blick auf den Ararat. Die Böden in Armenien sind häufig vulkanischen Ursprungs und enthalten oft auch Kalkstein.

Neue Dynamik im Weinbau

Oft sind es Armenier, die im Ausland zu Vermögen gekommen sind und nun zurückkehren, um in Weingüter zu investieren. Von den rund 10 Millionen Armeniern leben nur etwa drei Millionen im eigenen Land; während sieben Millionen zur Diaspora gehören, die sich auf der Welt verteilt, vor allem in Russland, USA und Frankreich. Einige von ihnen haben es im Ausland zu Vermögen gebracht und begonnen, in ihrem Heimatland Boutique-Weingüter aufzubauen.

Ein Beispiel dafür ist die Karas Winery, bei der die gesamte CMB-Entourage an einem Abend zu einer großen Party eingeladen waren. Es gab Live-Musik – eine Mischung aus Pop, Jazz und persischen Einflüssen – und tolle Weine wie den Sparkling Karas Extra Brut aus der Sorte Rkatsiteli. Das Weingut gehört Eduardo Eurnekian, einem Armenier, der in Argentinien zu Wohlstand gekommen ist und nun auch wieder in seiner Heimat investiert – unter anderem in dieses Weingut mit beeindruckender Architektur und weitläufigen Weinbergen.

Dies zeigt, dass sich in Armenien gerade etwas entwickelt. Angesichts der enormen Höhenlagen und seiner vulkanischen und kalkhaltigen Böden besitzt das Land großes Potenzial. Darüber hinaus faszinierte mich die Landesküche (ich nahm an fünf Tagen zwei Kilo zu), die europäische und asiatische Einflüsse verbindet, sowie die große Gastfreundschaft seiner Menschen. Es ist ein Land, das sich in vielerlei Hinsicht zu bereisen lohnt. Ich werde auf jeden Fall zurückkehren.

Die armenische Küche bietet viel Abwechslung und weist viele orientalische Einflüsse auf.

Weitere Infos:

Alle Fotos: © Thomas Götz, Spaniens Weinwelten

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