Kann ein Wein “ernsthaft” sein?

Vor zwei Jahren besuchte ich ein großes und bekanntes spanisches Weingut, von dessen Export Managerin ich empfangen und geführt wurde. Wie üblich verkosteten wir Weine – hauptsächlich Rot, zweimal Weiß und zwei Rosé: “Dieser (Rosé) ist für den amerikanischen Markt gemacht. Wir verkaufen ihn nur dort”, sagte sie zu mir. Um auf dem US-Markt mit einen Rosé überhaupt punkten zu können, klärte sie mich weiter auf, müsse er zwingend über eine helle Lachsfarbe verfügen. “Mit einem dunkleren Rosé brauchst du dort gar nicht aufkreuzen”. 

Der hellfarbene Rosé hatte einen blumigen Duft. Am Gaumen fühlte er sich weich und rund an. “Ein schöner Sommerwein”, kommentierte die Export Managerin und ich stimmte ihr zu. Mit 12,5% Alkoholgehalt war er im Vergleich leichter als jener Rosé, den das Weingut für den spanischen Markt produziert. Dieser Rosado war rötlicher in der Farbe, kräftiger im Körper und hatte 13,5 Volumenprozent.

Damals fand ich es interessant, dass Weingüter verschiedene Rosés für verschiedene Länder produzieren. Beide Weine schmeckten insofern gut, als dass sie nichts Unangenehmes an sich hatten und sie außerdem keine übertriebenen Fruchtbomben waren, wie es manch andere kommerzielle Rosés sind. Trotzdem fällt es mir schwer, solche auf einen Massengeschmack abgestimmten Weine “ernst” zu nehmen.

Was ist ein ernsthafter Wein?

Der Grund, weshalb ich von einer Begebenheit erzähle, die zwei Jahre zurückliegt, ist ein aktueller Artikel in der New York Times. Der von mir hochgeschätzte Weinkritiker Eric Asimov schlägt darin vor, wir mögen in der Weinsprache zukünftig ganz auf das Wort “ernsthaft” (engl.: serious) verzichten. Es sei zu sehr mit impliziten Urteilen behaftet. Was solle “ernsthaft” überhaupt bedeuten?, fragt er sich und die Leser.

Die Anregung bzw. Kritik von Asimov ist nachvollziehbar: Wenn man von ernsthaften Weinen spricht, dann unterstellt man damit automatisch, dass bestimmte andere Weine nicht ernsthaft bzw. unseriös sind.

Dennoch schrieb ich als Kommentar zum Beitrag, dass ich das Wort “ernsthaft” manchmal in Bezug auf Roséweine verwende. Einige spanische Rosés wie der Tondonia Rosado – fuhr ich fort – “wollen mehr sein und sind faktisch viel mehr als ein kaltes Sommergetränk”. So gesehen, fände ich den Gebrauch des Wortes “ernsthaft” bei Roséweinen nützlich.

Zugegeben, das Wort bleibt irgendwie unscharf. “Ernsthaft” beschreibt eben keinen riech- oder fühlbaren Zustand: Ein Wein kann fruchtig oder blumig duften, kann leicht oder schwer sein, kann sich am Gaumen cremig oder straff anfühlen. All das (und viel mehr) können wir sensorisch nachvollziehen. Aber ernsthaft? Wie duftet, schmeckt und fühlt sich “ernsthaft” an? Ernsthaft ist definitiv keine Empfindungskategorie.

In den folgenden Tagen habe ich darüber nachgedacht, was ein “ernsthafter” Wein sein könnte. Parallel habe ich ein wenig gegoogelt, um herauszufinden, wie andere das Wort benutzen. Das Magazin Falstaff verwendet es in einem Fall bei einem Rotwein für unter zehn Euro. Captain Cork und Die Zeit – wie ich – in Verbindung mit Roséweinen. Das Vinum Magazin wiederum in einem Beitrag über Rosé-Schaumweine.

Ferner habe ich den Asimov-Artikel in der New York Times erneut aufgerufen, um zu sehen, ob und was andere Leser kommentierten. Wie so oft fallen einige Kommentare in diesen Spalten dämlich oder an der Grenze zur Unhöflichkeit aus. Ein Leser schrieb immerhin, dass für ihn “ernsthaft” gleichbedeutend mit “komplex” sei.

Komplex ist auch so ein häufig verwendetes Wort in Bezug auf Wein, welches eher unscharf konturiert ist. Ein Wein, der unter anderem vielschichtig und facettenreich ist, wird gemeinhin als komplex bezeichnet. Ich bin aber nicht der Ansicht, dass es ein Synonym von ernsthaft ist.

Bei “ernsthaft” kommt es auf die Erwartungshaltung des Konsumenten und die Ambition des Winzers an.

Reden wir von einem ernsthaften Wein, dann spielen meiner Meinung nach zwei Faktoren eine entscheidend Rolle: Zum einen die Erwartungshaltung des Konsumenten und zum anderen die Ambition des Winzers.

Erwartungshaltung und Ambition betreffend, komme ich wieder zum Ausgangspunkt Roséwein zurück. Bei diesem Weintyp wird die Ernsthaftigkeit per se in Frage gestellt. Das hat sicherlich damit zu tun, als dass die meisten Konsumenten von einem Rosé gerade einmal erwarten, ein nettes und erfrischendes Sommergetränk zu sein. Oder haben Sie in einem Weinmagazin jemals einen Beitrag wie “Die 10 besten Rosé für den Winter” gelesen? Artikel zu den passenden Rosés für den Sommer gibt es hingegen wie Sand am Meer. Jedes Jahr im Mai werden sie neu aufgelegt.

Viele Erzeuger, so scheint es ergänzend, haben keine größere Ambition als das niedrige Anspruchsdenken der Konsumenten bei Roséweinen zu bedienen (wie einleitend beschrieben). Das ist absolut in Ordnung, schließlich ist Wein auch Business. Einigen Winzern und Winzerinnen ist dies hingegen zu wenig. Sie zeigen durchaus den Ehrgeiz einen Rosé von Format und mit eigenständigem Charakter zu keltern. Und tun dies auch. Solche Rosés als “ernsthaften Wein” zu bezeichnen, halte ich für angebracht.

Rosé Barranco Oscuro
Rosado a contracorriente – “Rosé gegen den Strom” – besagt das Etikett

Ganz im Ernst – fünf Rosé für jede Jahreszeit

Damit wir hier keinen rein theoretischen Diskurs führen, stelle ich im Folgenden fünf “ernsthafte” spanische Rosados vor, die Sie auch im Winter und selbst zu Feiertagen wie Weihnachten mit Vergnügen trinken können.

Barranco Oscoro – Salmónido 2018
Ein Rosé aus Pinot Noir. Eine Rebsorte, die es eigentlich kühl mag und in Spanien deshalb selten vorkommt. Winzer Manuel Valenzuela baut die Rebe auf über 1300 m Höhe in Andalusien an. Seinen Salmónido bezeichnet er als einen “Rosé gegen den Strom”. Der Wein ist vielschichtig, druckvoll und hat einen guten Säurezug.

El Hato y el Garabato – La Xefa 2018
In Arribes, an der Grenze zu Portugal, erzeugt José Manuel Beneitez spannende Weine wie seinen Rosado La Xefa aus den autochthonen Reben Juan Garcia und Doña Blanca. Der Wein aus über 100 Jahre alten Reben kommt staubtrocken, rauchig-mineralisch und mit Zitrusaromen daher. Wirklich interessant.

La Maldición – Clarete 2018
Streng genommen kein Rosé, sondern ein Clarete. Das ist ein Verschnitt aus weißen und roten Mosten – hier aus den Sorten Malvar und Tempranillo. Der hellrote Wein schmeckt spritzig und knackig. La Maldición ist ein Projekt von Marc Isart, bekannt als Weinmacher von Bernabeleva und früherer Teil von Comando G.  

Bentomiz – Ariyanas Romé Rosado 2018
Von der Weinmacherin Clara Verheij kommt dieser betont mineralische Rosé. Er entsteht im Hinterland der Costa del Sol in den Axarquia-Bergen. Das Terroir ist durch Steillagen, Schieferböden und mediterrane Winde gekennzeichnet. Einzigartig ist ferner die extrem seltene rote Sorte Romé, die nur in dieser Region vorkommt.

López de Heredia – Viña Tondonia Rosado Gran Reserva 2010
Der Kult-Rosado aus Spanien. Einziger Rosé der DOCa Rioja, der als Gran Reserva ausgebaut wird. 2010 ist der derzeit aktuelle Jahrgang. Trotz des Alters und einem 54-monatigen Ausbau in Holzfässern schmeckt er erstaunlich frisch und nicht nach Holz. Vollmundige, etwas mürbe Textur. Tiefgründig und außergewöhnlich.

Tondonia Rosé
Bei Viña Tondonia reift der Rosado für 4,5 Jahre in Holzfässern und weitere 4,5 Jahre in der Flasche (Foto: Dpto. Multimedia / © ICEX)

Abschließend noch ein paar Worte zu Corona. Man kommt in diesen Tagen kaum darum herum. Vermutlich gibt es in ganz Europa keinen einzigen Menschen, dessen Leben nicht in irgendeiner Weise vom Coronavirus betroffen ist. Macht es in dieser ernsten Lage noch Sinn über Wein zu schreiben? Für mich mehr denn je! Das Virus befällt nämlich nicht nur unsere Lungen, sondern auch unsere Köpfe. Und es ist wichtig, dass wir uns ab und zu mit anderen Themen beschäftigen. Auf Spaniens Weinwelten werde ich weiterhin wöchentlich Artikel publizieren. Besuchen Sie meinen Blog also gerne wieder, wenn Ihnen nach Abwechslung und leichteren Themen zumute ist, selbst wenn sie im Titel den Namen “ernsthaft” tragen.

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