Fünf Argumente für Airén

Klischees enthalten manchmal einen wahren Kern. Oft führen sie jedoch zu Schubladendenken und sind schlichtweg falsch. Ein Beispiel hierfür ist die Rebsorte Airén, die zu Unrecht einen schlechten Ruf hat.

Als ich vor nicht allzu langer Zeit einen deutschen Weinkritiker traf, erzählte ich ihm, dass ein spanischer Weißwein aus der Sorte Airén von Tim Atkin mit 100 Punkten bewertet worden war. Er verzog das Gesicht und sagte, dass ihm dafür die Fantasie fehle. Einen 100-Punkte-Wein aus Airén könne es seiner Meinung nach nicht geben.

Solche Reaktionen sind bezeichnend – Airén wird oft belächelt. Ich bin da ganz anderer Ansicht: Das negative Image dieser Rebsorte ist hauptsächlich auf die wirtschaftlichen Bedingungen zurückzuführen, unter denen ihre Weine entstehen – nicht aber auf die Eigenschaften der Sorte an sich. Als „Kronzeugen” stelle ich in diesem Beitrag fünf reinsortige Airéns vor, die exzellente Qualitäten in ihrer jeweiligen Preisklasse bieten. Zunächst aber lohnt sich ein Blick auf die Rebsorte und ihren Kontext.

Airén wird fast ausschließlich in Kastilien-La Mancha kultiviert und ist mit 186.000 Hektar Rebfläche die am häufigsten angebaute Weißweintraube Spaniens. In ihrer Heimatregion, die auf der zentralspanischen Hochebene südlich von Madrid liegt, nimmt sie 42 Prozent der gesamten Rebfläche ein.

Viele Sekte, die in Deutschland hergestellt werden, enthalten Airén

Ein echtes Problem besteht aus meiner Sicht darin, dass Kastilien-La Mancha vor allem Massenweine zu Niedrigpreisen produziert. Laut den Exportdaten für das Jahr 2024 wurde Wein aus der Region im Durchschnitt lediglich für 64 Cent pro Liter verkauft – Flaschenweine eingeschlossen. 

Die Tabelle zeigt die durchschnittlichen Exportpreise der 17 spanischen Regionen in 2023 und 2024. Nur die Extremadura exportiert noch billiger als Kastilien-La Mancha.

Den Hauptteil der Exporte von Kastilien-La Mancha machen Bulkweine aus, deren Durchschnittspreis pro Liter sogar unter 50 Cent liegt. In diese Kategorie fallen auch die meisten Airéns. So wurden im Jahr 2023 fast 220 Millionen Liter weißer Bulkwein von Kastilien-La Mancha allein nach Deutschland exportiert. Der Großteil davon war Airén.

Ein Hauptabnehmer dieser weißen Bulkweine aus Kastilien-La Mancha sind etwa deutsche Sektkellereien. Allerdings wissen die Konsumenten hierzulande nicht, dass sie häufig Airén trinken, wenn sie sich im Supermarkt einen Sekt kaufen, der die Angabe „Hergestellt in Deutschland“ enthält. Denn auf dem Etikett findet sich kein Hinweis, dass der Sekt mit Grundweinen aus anderen Ländern, bevorzugt Spanien, produziert wurde. Mehr dazu habe ich im Online-Magazin Spanish Wine Lover geschrieben und im Podcast Storecheck bei Hendrik Thoma erzählt.

Billigpreise führen zur Aufgabe alter Weinberge

Wenn ein Liter Wein im Export weniger als 50 Cent kostet, lässt sich leicht erahnen, wie niedrig die Traubenpreise ausfallen müssen. In Kastilien-La Mancha lagen sie während der Ernte 2025 meist zwischen 23 und 27 Cent pro Kilo. Daher setzten die meisten Weinbauern in der Region auf Menge: Mit Spaliererziehung und intensiver Bewässerung erzielen sie Erträge von 20.000 Kilo Trauben pro Hektar und mehr. 

Hingegen verschwinden alte Weinberge im Trockenfeldbau, die nur um die 3.000 bis 5.000 Kilo pro Hektar ergeben, zunehmend. Seit 2008 ist ihr Bestand in Kastilien-La Mancha um 161.000 Hektar zurückgegangen. Sie werden aufgegeben, da sie sich wirtschaftlich wegen der niedrigen Traubenpreise nicht rentieren. Dabei wären sie eigentlich viel besser für eine Region wie La Mancha geeignet, deren Name sich vom arabischen Wort „Al-Mansha” ableitet, was „trockenes Land” bedeutet. Eine starke Bewässerung, um hohe Erträge zu erzielen, ist dort schlichtweg nicht nachhaltig.

Der Weinberg Finca Villalobillos von Bodegas García de Lara. Alte Airén-Reben im Trockenfeldbau und extrem weite Pflanzabstände.

Niedrige Erträge als Voraussetzung für Top-Qualitäten

So problematisch die Entwicklungen im Hinblick auf den Massenweinbau in Kastilien-La Mancha sind, so hoffnungsvoll ist es, dass es inzwischen Winzer gibt, die aus den alten Airén-Weinbergen im Trockenfeldbau exzellente Weißweine herstellen. 

Denn der Airén, das hatte ich schon angedeutet, ist weitaus besser als sein Ruf. Erstens ist die Sorte trockenheits- und hitzeresistent, das heißt, sie passt in die Region. Zweitens treibt sie im Frühjahr spät aus und umgeht so die Fröste auf der Hochebene in Kastilien-La Mancha. Drittens kann sie trotz der hohen Sonnenintensität hervorragend Säure bewahren – Werte von über 6 Gramm pro Liter sind normal. Viertens hat sie moderate Alkoholgrade. Die meisten Weißweine liegen bei 12 bis 13 Volumenprozent. 

Neben diesen positiven Eigenschaften, ist auch der Ursprung des Airén interessant. Die Sorte stammt, wie auch PX und Macabeo, von der arabischen Tafeltraube Heben (Gibi) ab. Und von Heben abstammende Sorten sind meist nicht allzu aromatisch. Häufiger auftretende Primäraromen bei Airén sind etwa Apfel, weiße Blüten und Zitrus, aber meist sind diese Aromen nicht üppig, sondern eher dezent vorhanden.

Daher kommen andere Faktoren zum Tragen: Wenn man etwa entsprechende Böden, zum Beispiel Kalkstein, hat und gleichzeitig bei der Weinbereitung mikrooxidativ mit Fudern, Amphoren oder Zementtanks arbeitet, dann kann man mit Airén wunderbare Texturen am Gaumen erzielen und sehr vielschichtige, spannende Weine erhalten. Voraussetzung für Spitzenqualitäten sind zudem niedrige Erträge, wie sie Weinberge im Trockenfeldbau und alte Reben liefern.

Einer dieser Weißweine stammt von Bodegas Verum und dem Winzer Elías López Montero. Sein „Las Tinadas Airén de Pie Franco“ entsteht aus einem 1950 gepflanzten Weinberg (siehe Titelbild) mit wurzelechten Reben – der Begriff „Pie Franco“ bedeutet auf Spanisch „wurzelecht“. Die Buschreben wachsen auf Kalksteinböden und im Trockenfeldbau. Mit weniger als 5.000 Kilo pro Hektar steht der Ertrag im krassen Gegensatz zu den bis zu 30.000 Kilo, die andere Weinbauern in der Region im intensiven Weinbau mit Bewässerung erzielen.

Elias López zeigt mit seinem Airén Las Tinadas eine Alternative für den Massenweinbau in La Mancha auf.

Elías López reift seinen Las Tinadas vier Monate auf der Hefe in einem Fuder, anschließend weitere sechs Monate in 4.500-Liter-Tonamphoren und danach vier Monate im Stahltank. Der Wein präsentiert sich konzentriert, präzise und aromatisch, dazu ist er griffig, mineralisch und frisch im Mund, mit einem saftigen Zug im Abgang. Um die 17 Euro kostet er in Spanien.

Bei einem Tasting zu „nachhaltigen Weinen“ habe ich das Gewächs kürzlich auf der ProWein präsentiert und mich zuvor mit dem Winzer unterhalten. Für Elías López liegt das Hauptproblem in La Mancha darin, dass viele alte Weinberge im Trockenfeldbau aufgegeben werden, obwohl sie am besten dazu geeignet wären, hochwertige Weine zu ergeben. Stattdessen werde immer mehr bewässert, um höhere Erträge (und höhere Einkommen pro Hektar) zu erzielen. Tatsächlich wird seine Kritik von den Zahlen unterstützt. Im Jahr 1993 wurden nur zwei Prozent der Weinberge in Kastilien-La Mancha bewässert. Heute sind es 51 Prozent. 

Ein weiterer besonderer Airén aus La Mancha stammt von Bodegas García de Lara. Der „Finca Villalobillos Airén Pie Franco“ wird ebenfalls aus wurzelechten Reben aus einem 1935 gepflanzten Weinberg mit kalkigen Böden gekeltert. Er wird einzig im Stahltank auf der Hefe ausgebaut und reift anschließend einige Zeit in der Flasche, bevor er in den Handel kommt. Gerade diese längere Flaschenreife verleiht ihm Tiefe und Textur. Dazu verfügt er über eine anregende Aromatik von reifen Zitrusfrüchten und getrockneten Gräsern, und er hat eine schöne Präsenz und Intensität am Gaumen sowie eine tolle, saftige Frische.

Einer der spanischen Weißweine, mit dem besten Preis-Genuss-Verhältnis

Nur 8,50 Euro kostet der Finca Villalobillos Airén Pie Franco in Spanien. Das ist ziemlich unglaublich, wenn man die 90 Jahre alten Reben, den Trockenfeldbau und die daraus resultierenden niedrigen Erträge bedenkt. Der günstige Preis hängt wohl auch damit zusammen, dass es nicht einfach ist, einen Wein zu verkaufen, der aus Airén und aus La Mancha stammt. Beide haben, vorsichtig ausgedrückt, nicht den besten Ruf, was Qualitätsweine betrifft. Sowohl Bodegas Verum als auch García de Lara klassifizieren ihre Weine deshalb nicht als DO La Mancha (Qualitätswein), sondern lieber unter der Herkunft VT Castilla (Landwein), da der Name La Mancha zu sehr mit Billigware in Verbindung gebracht wird.

Unweit entfernt, auf der Hochebene von Ocaña, befindet sich das Weingut Mas Que Vinos. Auch dieses klassifiziert seine Weine als VT Castilla. Der reinsortige Airén Ercavio stammt von 40 bis 60 Jahre alten Buchreben im Trockenfeldbau auf 750 Metern Höhe. Der Ausbau erfolgt im Stahltank, und der Wein kommt jung auf den Markt. Er ist aromatisch und knackig-frisch – für mich ein toller Begleiter zu Tapas. Ein Weißwein für 8 Euro, der Trinkspass bereitet und sich im positiven Sinne leicht wegtrinken lässt.

Passt prima zu Tapas – der zitrisch-frische Ercavio.

Mit der deutschen Önologin Alexandra Schmedes, einer der drei Köpfe hinter Mas Que Vinos, habe ich mich 2024 für einen Report im Magazin Wein+Markt unterhalten. Auch sie kritisiert die Entwicklungen in La Mancha – insbesondere die Aufgabe der alten Weinberge – und ich zitiere sie gerne wieder:

„In den 1990er Jahren gab es EU-Subventionen, um Weinberge mit Drahtrahmen, Bewässerungssystem und überwiegend französischen Rebsorten wie Chardonnay und Syrah anzulegen. In den 2000er Jahren gab es dann aufgrund der Weinüberschüsse eine Rodungsprämie von 6.000 Euro pro Hektar, die von vielen Winzern angenommen wurde. Aber es mussten die alten Weinberge ausgerissen werden, weil die neuen ja erst wenige Jahre zuvor subventioniert worden waren“, so Schmedes.

Heute sei Más Que Vinos fast das einzige Weingut auf der Ocaña-Ebene, das sich auf autochthone Rebsorten und alte Buschreben im Trockenfeldbau spezialisiert hat. „Die anderen Winzer haben alle auf Massivanbau und Drahtrahmen umgestellt.“

Zwei wurzelechte Airén aus Jumilla

Für zwei weitere Airéns begeben wir uns nun in die südostspanische DO Jumilla. Die Kleinstadt Jumilla liegt in der Region Murcia, und das nach ihr benannte Weinbaugebiet ist 21.000 Hektar groß. Mehr als die Hälfte der Weinberge in der Appellation befinden sich allerdings in Kastilien-La Mancha. Und vor allem in diesem Teil finden sich noch alte, erneut wurzelechte Airén-Weinberge sowie ein paar Erzeuger, die daraus hochspannende Weißweine keltern.

Juanjo Cerdán, Bodega Cerrón, im 1920 gepflanzten Airén-Weinberg.

Dabei denke ich insbesondere an den Airén „El Cerrico“ von Bodegas Cerrón. Das ist jener Weißwein, dessen Jahrgang 2021 wie eingangs erwähnt die Höchstnote von Tim Atkin erhalten hat. Das Weingut befindet sich in einer extrem dünn besiedelten, rauen und windigen Gegend – in der höchstgelegenen Zone der DO Jumilla. Einige Weinberge liegen auf fast 1.000 Metern. Und obwohl die Entfernung zum Mittelmeer weniger als hundert Kilometer beträgt, ist hier bereits ein starker kontinentaler Einfluss spürbar, der sich in kalten Wintern, heißen Sommern und hohen Temperaturunterschieden zwischen Tag und Nacht bemerkbar macht. Gleichzeitig ist dies die trockenste Gegend der DO Jumilla. Im Schnitt fallen hier nur 250 mm Regen pro Jahr.

Hinter Bodega Cerrón stehen die Geschwister Juanjo, Carlos und Lucía Cerdán. Es ist eines dieser Projekte, die wirklich Mut für die Zukunft Spaniens machen. Sie sind Demeter-zertifiziert und besitzen mehrere alte Weinberge mit wurzelechten Reben, deren Weine sie unter dem Label „Stratum Wines“ vertreiben.

Einer dieser Weine ist der El Cerrico. Der Urgroßvater bepflanzte im Jahr 1920 die Lage mit Airén. Damals war der Weinberg vier Hektar groß, heute sind nur noch 900 wurzelechte Rebstöcke auf weniger als einem Hektar übrig geblieben. Den Wein bauen die Geschwister für knapp zwei Jahre in zwei 500-Liter-Eichenfässern aus. Mehr als diese Menge gibt der alte Weinberg nicht her. Das Ergebnis ist ein sagenhaft mineralischer und vielschichtiger Weißwein mit einem langen, animierend-salzigen Abgang. Das sogenannte „Mouth-Feel“ ist hier wirklich grandios. Tatsächlich erreicht dieser Airén burgundische Dimensionen, was sich auch im Preis von mittlerweile 130 Euro für die Flasche ausdrückt.

Airén, next Level. Bodega Cerrón testet die Grenzen des Airén aus und zeigt, wozu er fähig ist.

Rund 20 Kilometer von der Bodega Cerrón liegt die Finca Monastasia entfernt. Auch dieses Weingut verfügt über einen alten Airén-Weinberg mit wurzelechten Reben und einer Pflanzdichte von geringen 1.100 Reben pro Hektar. Der Jahrgang 2024 kommt auf eine Produktion von 2.500 Flaschen und kostet in Spanien um die 30 Euro.

Obwohl es sich um einen überdurchschnittlich warmen Jahrgang handelt, weist dieser Weißwein fast 7 Gramm Säure pro Liter und einen pH-Wert von 3,1 auf. Er wurde in Eichenfässern vergoren und ausgebaut, hat eine Textur irgendwo zwischen seidig und cremig, fühlt sich mineralisch und elegant im Mund an, ist sinnlich und anregend.

Ich habe dieses Gewächs kürzlich in einem Tasting auf der ProWein vorgestellt, und es hat so manchen Teilnehmer im positiven Sinne verblüfft. Von Airén würden die Wenigsten so viel Tiefe erwarten.

Auch von Finca Monastasia in der DO Jumilla kommt ein exzellenter, tiefgründiger Airén aus wurzelechten Reben.

Die Zukunft: weniger Volumen, mehr Wert

Ein Fazit dieses Beitrags könnte lauten, dass es keine minderwertigen Rebsorten per se gibt, wie wir manchmal denken. Das schlechte Image des Airén steht in Verbindung zu den Produktionsbedingungen in einer von billigen Massenweinen dominierten Region. Ein ähnliches Beispiel ist auch die Rotweinsorte Bobal, aus der in Südostspanien ebenfalls viele Bulkweine erzeugt werden. 

Glücklicherweise gibt es inzwischen Winzer in Kastilien-La Mancha, die zeigen, dass sich mit dem richtigen Ansatz – Trockenfeldbau, niedrige Erträge, mikrooxidativer Ausbau und/oder Flaschenreife – außergewöhnliche Qualitäten erzielen lassen. 

Die hier vorgestellten Weine sind einzigartig und vier stammen sogar von wurzelechten Reben. „Wurzelecht“ bedeutet in Spanien übrigens nicht, dass die Rebstöcke automatisch aus der Zeit vor der Reblaus stammen. Bis in die 1980er-Jahre hinein war es in einigen Gegenden Spaniens gängige Praxis, Weinberge mit wurzelechten Reben anzulegen. Erst seit dem EU-Beitritt Spaniens im Jahr 1986 ist dies verboten und die Verwendung amerikanischer Unterlagsreben obligatorisch.

Diese fünf Weißweine zeigen zudem eine Alternative für Kastilien-La Mancha auf: Sie lautet weniger Volumen, dafür mehr Qualität, weniger Billigware, dafür Weine zu angemessenen Preisen. Das ist es, was ich dieser Region für die Zukunft wünsche.

Alte Airén-Reben bei Bodegas Mas Que Vinos in der traditionellen Buscherziehung. Wie lange wird es noch viele solcher Weinberge in La Mancha geben?

Weitere Infos:

Die im Beitrag genannten Daten und Zahlen stammen aus Dossiers des spanischen Landwirtschaftsministeriums (MAPA) und der Organización Interprofesional del Vino de España (OIVE).

Bildnachweis: Titelbild, Bodegas Verum. Weitere Fotos von: Bodegas García de Lara, Finca Monastasia und Thomas Götz, Spaniens Weinwelten.

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