Die Weine von gestern, heute und morgen

Spanien ist ein faszinierendes Weinland, mit Weinbau am Mittelmeer und Atlantik, auf Hochebenen und in Bergen, und nicht zuletzt auf Inseln. Gerade die Kanaren erscheinen wie ein eigener kleiner Kontinent — mit ganz eigenständigen Weintraditionen, autochthonen Rebsorten und einem Mosaik an Mikroklimas, die von subtropisch-feucht bis kontinental-ultratrocken reichen.

Nachdem ich im vergangenen Herbst den einzigartigen Weinbau auf Lanzarote kennengelernt habe, komme ich nun vom „Island Wines Summit” auf Teneriffa zurück, einem zweitägigen Kongress, an dem über 150 Weinleute aus aller Welt teilnahmen und der sich mit den Besonderheiten von Inselweinen befasste. 

Regionen wie die Kanaren, Zypern oder Santorini zeichnen sich oft durch extreme Bedingungen aus, die unverwechselbare Profile hervorbringen: Weine, die durch geografische Isolation, spezifische Landschaften und lokale Rebsorten geprägt sind, was auf dem IWS in Vorträgen und Verkostungen von Größen wie Pitu Roca, Pascaline Lepeltier MS, Jamie Goode, Fernando Mora MW und Bernat Voraviu – um nur einige zu nennen – wunderbar zum Ausdruck kam. 

Inseln haben ihren eigenen Rhythmus und ihre eigene Mentalität. Ihre Distanz zum Festland sorgt für Unterschiede. Genau das macht Inselweine für Weinliebhaber, die Lust auf Andersartigkeit und Entdeckungen haben, so spannend.

Piedra Fluida: ein Weinberg über den Wolken

Nach dem Kongress verlängerte ich meinen Aufenthalt, um mit ein paar Freunden zwei Weingüter auf eigene Faust zu besuchen: eines war Piedra Fluida. Gabriel Morales, im Weingut für die Weinberge verantwortlich und außerdem Betreiber des Weinprojekts Tierra Fundida auf Teneriffa zusammen mit seiner Frau Loreto Pancorbo, führte uns in einen magischen Weinberg namens Los Frontones. Die Fahrt dorthin brachte uns mit dem Auto von der Nordküste mitten durch die Insel, vorbei am Teide-Vulkan, durch eine bizarre, mondähnliche Vulkanlandschaft auf die deutlich trockenere Südseite. Die letzten neun Kilometer legten wir auf einer holprigen Schotterstraße zurück, bevor wir den extrem abgelegenen Weinberg erreichten: Los Frontones liegt auf 1.690 Metern Höhe, in östlicher Ausrichtung, mit Blick auf den Atlantik und hinüber zur Insel Gran Canaria sowie auf den Teide im Hintergrund. Man fragt sich, wie vor rund hundert Jahren an diesem entfernten, steinigen Ort ein Weinberg angelegt wurde und warum.

Gabriel Morales, Weinbergsmanager von Piedra Fluida, hier vor einem über 100 Jahre alten Rebstock der Rotweinsorte Listan Prieto.

Die fünf Hektar sind zu 95 Prozent mit dem weißen Listán Blanco und zu fünf Prozent mit rotem Listán Prieto bepflanzt. Letztgenannte Sorte gelangte einst von den Kanaren nach Südamerika, wo sie etwa in Chile País heißt. Typisch für die Kanaren sind es wurzelechte Reben, deren Pflanzdichte in diesem Weinberg nur 600 bis 1.000 Reben pro Hektar beträgt. Der Ertrag liege im Schnitt bei etwa 1.000 Kilo pro Hektar, erzählt Gabriel Morales. Diese geringe Ausbeute liegt nicht nur am Alter der Reben, sondern auch an den armen vulkanischen Böden und vor allem am geringen Niederschlag: Hier fallen nur 100 bis 300 mm im Jahr. Das Klima im Inselinneren und in dieser Höhe ist kontinental, mit heißen Sommern und kalten Wintern. Die UV-Strahlung ist extrem, wie wir selbst spüren konnten: Sonnencreme ist unbedingt erforderlich. Während wir morgens an der Atlantikküste unter bedecktem Himmel bei kühlem Wetter losfuhren, knallt hier oben die Sonne. Zeitweise für Abkühlung sorgen Wolken, die immer wieder in Schwaden den Berg hochziehen und so etwas Feuchtigkeit und Frische in die Weinlage bringen.

Der Weinberg Los Frontones liegt auf fast 1.700 Metern Höhe – je nach Wetterlage über oder in den Wolken. Die Buscherziehung schützt die Trauben vor der hohen Sonnenintensität.

Aus diesem von der Welt entrückten Weinberg keltert das Weingut zwei interessante Weine. Grandios gefällt mir der Weißwein Los Frontones 2023, der aus dem Vorlaufmost der Trauben entsteht. Er ist zitrisch und aromatisch, hat ein vielschichtiges Mundgefühl, eine tolle Säure und Eleganz. Das Gewächs wird aus den Ganztrauben gepresst und im 1.500-Liter-Fuder ausgebaut, inklusive Spontanvergärung und acht Monaten auf der Hefe. Obwohl 2023 ein heißer Jahrgang war, hat es moderate 12,5% Alkohol, was beispielhaft zeigt, dass die meisten Weine aus den Kanaren selbst in heißen Jahren keinen übermäßig hohen Alkoholgehalt entwickeln.

Viel Mundgefühl, Eleganz und Frische: Der Weißwein Los Frontones 2023 wurde aus dem Vorlaufmost gekeltert.

Aus den gleichen Trauben, allerdings aus der zweiten Pressung, also dem Pressmost, stellt das Weingut außerdem einen Orange-Wein her: Der Piedra Fluida Orange 2024 zeichnet sich durch viel Grip am Gaumen und anregende, leicht herbe Kräuteraromen sowie Anklänge von Orangenschalen aus. Er hat nur etwa fünf bis zehn Tage Schalenkontakt, aber dennoch bereits die typische orange Farbe. Ausgebaut ist er im großen Holzfass. Dank seiner Struktur und Kraft eignet sich dieses Gewächs auch wunderbar für Fleischgerichte, vor allem Gegrilltes.

Viel Grip und Kräuteraromen: Der Orange Wine stammt vom selben Weinberg Los Frontones und von den gleichen Trauben, wurde jedoch aus dem Pressmost gewonnen.

Wir verkosteten beide diese Weine im Weinberg unter einem Schatten spendenden Baum. Ich war mit vier Freunden aus Irland, Schottland und Deutschland unterwegs, parallel dazu war auch eine Gruppe von Fotografen vor Ort. Die Stimmung hätte nicht besser sein können. Los Frontones ist einer der speziellsten Weinberge, die ich je gesehen habe, an einem außergewöhnlichen Ort. Piedra Fluida hat hier einen besonderen Schatz, einen historischen Weinberg unter seinen Fittichen. Das Weingut wurde vor fünf Jahren vom Deutschen Felix Becker gegründet. Er war erfolgreicher Unternehmer, verkaufte sein Geschäft und rief als Weinliebhaber dieses Weingut ins Leben. Insgesamt bewirtschaften sie 34 Hektar Rebland, die über die Insel verteilt sind. Es wird hochspannend sein, die Entwicklung zu verfolgen: Die Weinberge sind einzigartig, und mit Gabriel Morales und Loreto Pancorbo als Önologin sind die richtigen Leute beteiligt, um in Zukunft für Furore zu sorgen.

Im Hintergrund der 3.715 m Hohe Gipfel des Vulkans Teide.

Suertes del Marqués: Tradition und Avantgarde

Jonatan Garcia Lima ist in dieser Hinsicht einige Schritte weiter. Er hat bereits für viel Furore gesorgt und die Weinwelt aufgewirbelt. Kürzlich feierte sein Weingut Suertes del Marqués sein 20-jähriges Bestehen. In dieser Zeit hat es aufgezeigt, wozu die Kanaren in Bezug auf Fine Wine fähig sind. Die Weine sind von Feinheit und Frische geprägt, statt von Kraft und Extrakt und entsprechen daher überhaupt nicht dem Bild des schweren, opulenten Spaniers. „Eine Flasche Wein soll leergetrunken werden“, sagt Jonatan und meint damit, dass der Trinkfluss im Vordergrund steht. Er war und ist eine prägende Figur für das sogenannte Neue Spanien. Auch dank ihm gelten die Kanarischen Inseln – neben Gredos und Galicien – als Hotspot dieser Bewegung.

Jonatan Garcia Lima. Seine Weinberge liegen im Orotava-Tal nah am Atlantik im Norden von Teneriffa.

Das Weingut befindet sich in der DO Valle de la Orotava, einem von fünf DO-Gebieten auf Teneriffa. Hier, an der nördlichen Atlantikküste, ist das Klima ganz anders als im südlichen Teil der Insel. Das Regenaufkommen ist normalerweise deutlich höher und kann bis zu 1.000 mm im Jahr betragen. Dazu bläst der Nordwind Alisios ins Land. Die Weine aus den niedrigeren Lagen am Atlantik, der wie ein natürlicher Kühlschrank wirkt, sind daher oft leichter und frischer als jene aus den Hochlagen im Inselinneren, wo die Sonnenstrahlung viel intensiver ist. Während meiner fünf Tage auf Teneriffa ächzte Spanien und ganz Europa unter einer extremen Hitzewelle. An der Nordküste war es jedoch oft bewölkt und mit knapp über 20° Celsius geradezu frisch.

Zugleich hat das Orotava-Tal eine lange Weintradition. Bereits im 15. Jahrhundert wurden hier Weine gekeltert. Bis zum 17. Jahrhundert stieg die Produktion auf 14 Millionen Liter Wein. Heute sind es in Orotova nur noch etwa eine Million Liter Wein. Obwohl die Kanaren zuletzt einen gewissen Boom bei Fine Wine erlebt haben, ist ihre Rebfläche stark zurückgegangen. So kam die gesamte Inselgruppe im Jahr 2001 noch auf 20.000 Hektar Rebfläche. Heute sind davon nur 8.500 Hektar geblieben. Teneriffa ist dabei die Insel mit den meisten Weinbergen, etwa 3.500 Hektar. Insgesamt sind die Traubenpreise wegen der aufwändigen Weinbaubedingungen relativ hoch und Weinland ziemlich teuer: Ein Hektar in La Orotava koste rund 200.000 Euro, berichtet Jonatan. Das sind die höchsten Preise in ganz Spanien.

Weinberge von Suertes del Marqués in La Orotava. Mit wurzelechten Reben, im Schnitt rund 100 Jahre alt, auf vulkanischem Untergrund.

Jonatan selbst stammt nicht wirklich aus einer Weinfamilie. Sein Vater war ursprünglich Zimmermann und gründete in den 1960er Jahren ein Unternehmen. Damals begann der Tourismus auf Teneriffa anzuziehen und es wurden Hotels gebaut, sodass er ein erfolgreiches Geschäft führen konnte. Vom Gewinn erwarb der Vater Schritt für Schritt Weinberge. Ab 1986 begann er, Bulkwein für den lokalen Konsum zu erzeugen und Trauben an andere Weingüter zu verkaufen. 2006 gründeten die beiden schließlich das eigene Weingut Suertes del Marqués, das in der Folge so viel Ansehen erlangen sollte.

Sie bewirtschaften zwölf Hektar eigene Weinberge, deren wurzelechte Reben im Durchschnitt 100 Jahre alt sind. Zusätzlich kaufen sie Trauben von weiteren zwölf Hektar dazu. Prägend für Teneriffa, insbesondere das Orotava-Tal, ist das Erziehungssystem Cordón Trenzado: Hierbei entwickeln die Reben sehr lange, bis zu 15 Meter lange Arme, die ineinander verflochten sind, ähnlich wie bei einem dicken Seil. Die Pflanzdichte betrage bei diesem Erziehungssystem nur etwa 450 Reben pro Hektar, erklärt Jonatan, wobei ein Stock bis zu 20 Kilo Ertrag geben könne.

Früher lag der Grund für diese einzigartige Form der Rebenhaltung darin, dass man die langen Arme bewegen konnte und so im Weinberg gleichzeitig auch Kartoffeln anbauen konnte. Heute pflegt Suertes del Marqués dieses System vor allem aus Tradition. Es sei etwa dreimal so arbeitsintensiv wie die übliche Spaliererziehung und habe heutzutage keinen praktischen Nutzen mehr, erklärt Jonatan Garcia Lima. Doch Wein ist eben mehr als das, was im Glas ist. Wein ist auch Landwirtschaft, lokale Kultur und Geschichte, die es zu erhalten gilt.

Cordón Trenzado ist das einzigartige, traditionelle Erziehungssystem im Orotava-Tal.

Aus der Rebsorte Listán Blanco entstehen drei fantastische Weißweine, die seit Jahren zu meinen Favoriten zählen. Schon der Einstiegswein, der Trenzado 2024, verfügt über eine vibrierende Energie, viel salzige Mineralität, ist äußerst trinkanimierend und sorgt für einen geradezu wildwasserartigen Trinkfluss.

Eleganter und tiefer wird es dann beim Vidonia 2023, und eine nochmalige Steigerung bietet der Vidonia V.P. (das V.P. steht für Viñedos Proprios, also eigene Weinberge). Von diesem präsentierte der großartige Pitu Roca bei einem Tasting auf dem eingangs erwähnten Island Wines Summit den Jg. 2016. Dieser zehn Jahre alte Weißwein zeigte überhaupt keine Altersnoten, war tief, energiegeladen, elegant, salzig, saftig und lang. Drei Tage später probierten wir bei Suertes del Marqués auch den Vidonia V.P. 2023, der ebenfalls diese bemerkenswerte Vitalität, Tiefe und Länge hat. Es sind komplexe Weißweine ohne Frucht, wie die Sommelière Paz Levinson auf dem Island Wines Summit bemerkte. Und durch diese Absenz der Frucht entsteht mehr Raum für Mineralität, für salzige, würzige und erdige Noten.

Herausragende Weißweine aus Listán Blanco.

Dazu verkosten wir sieben Rotweine, von denen sechs aus Einzellagen stammen. So unterschiedlich sie auch sind, haben sie doch alle einen gemeinsamen Fokus: Frische und Eleganz. Es sind Rotweine mit transparenter Farbe, was zeigt, dass hier Wert auf wenig Extraktion und viel Präzision gelegt wird. Mal sind sie zur Hälfte, mal vollständig mit den Rappen vergoren, was ihnen Griffigkeit und Frische verleiht. Spontanvergärung und Minimal Intervention bei der Weinbereitung verstehen sich von selbst. Beeindruckt haben mich etwa der pfeffrig-herbale La Solana 2023 aus Listán Negro, der saftig-elegante El Esquilon 2021, ebenfalls aus Listán Negro, sowie der superfrische, griffige Santa Cruz 2022 aus Vijariego Negro. Das gesamte Portfolio ist empfehlenswert und glücklicherweise auch über mehrere Händler in Deutschland beziehbar.

Herausragendes Tasting.

Teneriffa: Vielfalt und Einzigartigkeit

Es gibt noch weitere spannende Winzer auf Teneriffa, allen voran Envinate, ebenso Borja Pérez und Iñaki Garrido. Für mehr als zwei Besuche hat es dieses Mal leider nicht gereicht. Mit Piedra Fluida und Suertes del Marqués habe ich jedoch bereits eine Ahnung von der großen Bandbreite Teneriffas bekommen. Während der fünf Tage mit Kongress und Weingutsbesuchen habe ich eine Insel voller Kontraste und Mikroklimas erlebt: einen recht feuchten Norden, einen sehr trockenen Süden und enorme Höhenunterschiede im Weinbau von 50 bis 1.700 Metern. Die Vulkaninsel ist fast schon ein eigener kleiner Kontinent und einige ihrer Weine sind enorm spannend. Es sind Weine, denen dank ihrer Einzigartigkeit die Gegenwart und Zukunft gehören – geboren aus der Vergangenheit, aus alten Weinbergen und Tradition.


Weitere Infos:

Alle Fotos: © Thomas Götz, Spaniens Weinwelten

Lesetipp für Nerds: Auf die vulkanischen Böden der Kanaren und das damit verbundene Thema von Reduktion im Wein geht Miguel Crunia, mit dem ich die beiden Weingüter besucht habe, in diesem Beitrag ein: https://galiciansommelier.substack.com

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