Málaga und sein vergessener Wein

Meine Lieblingsstadt in Andalusien ist Málaga. Das touristische Drehkreuz an der Costa del Sol verfügt zwar nicht über eine so romantische Altstadt wie Sevilla oder so sagenhaftes Weltkulturerbe wie Granada (Alhambra) und Cordoba (Mezquita). Der Geburtsort Pablo Picassos zeichnet sich aber durch eine heitere Weltoffenheit, zwei großartige Markthallen und viele erstklassige Kunstmuseen aus. In einigen Bars und Restaurants kann man zudem richtig Spaß haben.

Roof Top Bar im Alcazaba Premium Hostel
Roof Top Bars, wie jene auf dem Dach des Alcazaba Premium Hostel, sind in Málaga derzeit angesagt.

Ein Hauptgrund für die kosmopolitische und quirlige Atmosphäre ist der Mittelmeerhafen. Heute legen hier Yachten und Kreuzfahrtschiffe an, die kaufkräftige Touristen in die Altstadt spülen. Die Geschichte und Bedeutung des Hafens von Málaga reicht aber bis in die römische Antike zurück. Durch ihn ist der etwa 800 v. Chr. von Phöniziern gegründete Ort seit seinem Bestehen ein Umschlagplatz von Waren, Ideen und Kulturen. Der sogenannte Málagawein (Vino Málaga) spielte dabei für den Handel und Wohlstand der Stadt eine wichtige Rolle.

Einer der ältesten Weine auf dem europäischen Kontinent
Vino Málaga ist einer der ältesten Weine Europas. Wie der ihm ähnliche Sherry aus dem nicht weit entfernten Jerez wurde er bereits um 600 v. Chr. hergestellt und über das Mittelmeer in viele Länder transportiert. Produktion und Export erlebten im 18. und 19. Jahrhundert ihren Höhepunkt, Vino Málaga war eine Weltmarke. Dann vernichtete die Reblaus in den 1870er-Jahren nahezu alle Anbauflächen und setzte der Erfolgsgeschichte ein jähes Ende. Die Produktion brach ein, und Málagawein konnte in der Folge nie wieder die einstige internationale Beliebtheit und Bekanntheit zurückerlangen. Sherry kam und kommt nunmehr einzig diese Rolle zu.

Vino Málaga, Etiketten
Vino Málaga, Flaschenetiketten mit Patina. Hier in der Bodega La Odisea.

In Málaga selbst ist die Weinspezialtät nach wie vor beliebt und gehört zum Standardsortiment einer jeden traditionellen Weinbar (Bodega). Nicht selten steht der unerprobte Trinker in einer diesen Tavernen rätselnd vor einer Wand von um die dreißig Holzfässern, von denen jedes einzelne mit Namen wie Málaga Cream, Málaga Sol, Seco Añejo, Moscatel Dorado, Moscatel Guinda, Lacrima Christi, Pajarete, Pedro Ximénez oder Trasañejo gekennzeichnet ist. Was zum Teufel bedeuten diese Begriffe?

Vino Málaga zählt zu den Likörweinen
Um sich in dem Dickicht an Bezeichnungen zurechtzufinden, hier ein paar allgemeine Erläuterungen. Málagawein gehört in die Kategorie der Likörweine. Es handelt sich um einen mit Alkohol angereicherten (aufgespriteten) Wein, dessen Alkoholgehalt zwischen 15% und 22% Vol. beträgt. Manchem der Liköre wird ergänzend ein eingekochter Traubenmost – das Arrope – zur Süßung beigesetzt. Wie Sherry wird auch Málagawein im sogenannten Solera-System in Eichenfässern ausgebaut, bei dem ältere und jüngere Jahrgänge miteinander verschnitten werden.

Dass es sich beim Málagawein wie im deutschsprachigen Wikipedia zu lesen ist um einen „traditionsreichen Süßwein“ handelt, ist nicht ganz korrekt. Denn es gibt auch trockenen Vino Málaga, der dann als Seco firmiert. Die beiden dominierenden Geschmacksrichtungen sind allerdings Semidulce (dt.: halbsüß) und Dulce (dt.: süß).

Kellner in Bodega La Odisea
Dieser freundliche Kellner in der Taverne La Odisea lässt Interessierte gerne von seinen Schätzen probieren.

Was also bedeuten Namen wie Seco Añejo, Moscatel Dorado oder Málaga Cream konkret? Zumeist verweisen die Bezeichnungen auf ein oder zwei Charakteristiken aus folgenden fünf Parametern:

  1. Auf die Alterung im Holzfass
    Pálido (bis 6 Monate), Málaga (6-24 Monate), Noble (2-3 Jahre), Añejo (3-5 Jahre), Trasañejo (über 5 Jahre)
  2. Auf die Rebsorten
    Die Weinspezialität wird einzig aus Moscatel- oder Pedro Ximénez-Reben gewonnen, die im Umland von Málaga wachsen.
  3. Auf die Menge des enthaltenen Arrope
    Arrope ist ein eingekochter Traubenmost, ein Konzentrat, das manchen Málagaweinen zur Süßung beigegeben wird. Arrope wirkt sich zudem auf die Farbe aus – je mehr davon, desto dunkler wird der Wein.
    Dorado oder das englische Wort Golden bezeichnen einen Süßwein ohne Arrope-Zugabe. Rojo Dorado oder die hierfür ebenfalls verwendete deutsche Bezeichnung Rotgold enthält max. 5% Arrope. Weitere Stufen sind: Oscuro oder das englische Brown (5-10%), Color (10-15%), Negro oder das deutsche Wort Dunkel (über 15%).
    Warum die deutschen und englischen Begriffe? Das hat mit der jahrhundertealten Internationalität Málagas zu tun. Sein Wein war insbesondere in englisch- und deutschsprachige Länder ein Exportschlager, und nicht wenige Händler und Weindistributoren aus diesen Ländern kamen nach Málaga und ließen sich dort nieder. So beherbergt die Stadt zum Beispiel seit 1830 einen englischen Friedhof, die erste und älteste christliche, nicht-katholische Ruhestätte ganz Spaniens.
  4. Auf den Süßegrad
    Bei Bezeichnungen wie Dulce, Cream, Pale Cream, Lacrima oder Pajarete haben wir es stets mit einem Süßwein zu tun, oftmals mit deutlich über 100 g/l Restzuckergehalt. Auch Seco (trocken) fällt in diese Kategorie, dann handelt es sich freilich um einen Wein mit wenig Restzucker.
  5. Auf bestimmte Herstellungsverfahren
    Der Wein mit dem Namen Lacrima Christi (die Tränen Christi) verweist beispielsweise auf eine ganz spezielle „Technik“. Die Trauben werden nicht gepresst, sondern so lange aufgehängt, bis der Saft aus ihnen fließt und in einen Behälter tropft.

Variationen des Vino Málaga
Málagawein gibt es in vielen Variationen: von trocken bis süß, von hell leuchtend bis ölig-dunkel.

Stadtbesuchern, die erstmals die Likörspezialität probieren, empfehle ich interessehalber drei Gläser zu bestellen: einen Seco Añejo (trocken, mit 3-5 Jahre Fasslagerung), einen Moscatel Dorado (halbsüß, ohne Arrope-Zugabe) sowie einen Málaga Cream oder Lacrima Christi (süß). So können Sie alle drei relevanten Geschmacksrichtungen verkosten.

Zum Seco esse ich als Tapas gerne einen Ensalada Málaguena, zubereitet aus Orangen, Kartoffeln, Zwiebeln, Oliven und gesalzenem Kabeljau. Zu den beiden Süßweinen passt hervorragend eine Käseplatte. Auch hier können wir ganz bei Málaga bleiben, denn ich der Umgebung wird vorzüglicher Käse gerahmt.

Ensalada Málaguena
Ein Tapas-Klassiker in Málaga: der Ensalada Málaguena, hier in La Odisea. 

Drei Bodegas und ein Museum für Málagawein
Die beiden bekanntesten Tavernen, die auch in jedem Reiseführer stehen, sind El Pimpi und Antigua Casa de Guardia. Das nahe beim Picasso-Museum gelegene El Pimpi ist ein Touristenmagnet, in dem zur Hausmarke Málaga Virgen beispielsweise ein sehr guter, frisch geschnittener Ibérico-Schinken serviert wird. Der Ort ist toll, riecht aber schon auch sehr nach touristischer Folklore.

Das nahe der zentralen Markthalle gelegene Antigua Casa de Guardia ist die älteste Weinbar der Stadt. Seit 1840 fließt hier der Málagawein aus großen Eichenfässern und in all seinen Variationen von trocken bis süß, von hell schimmernd bis ölig-dunkel in die Gläser. Sitzplätze gibt es nicht, auch keine Registrierkasse. Alles spielt sich vor und hinter einem langen Holztresen ab, auf dem die Kellner mit Kreide die Preise für das bestellte Flüssige vermerken. Am Ende wird zusammengezählt und natürlich in Cash bezahlt.

Varianten von Málagawein zu Käse und Wurst
Zu den verschiedenen Málagaweinen passen eine Platte regionaler Käse- und Wurstwaren ganz prima.

Mit der Familie meiner Frau waren wir um Weihnachten herum in der Wein- und Tapasbar La Odisea. Diese rustikal eingerichtete Bodega ist weitaus weniger touristisch frequentiert als die zuvor genannten Lokale. Die Taverne verfügt aber über ein nicht minder beeindruckendes Sortiment an Málagaweinen und zudem über eine prima Auswahl an trockenen Weiß- und Rotweinen aus den Anbaugebieten DO Málaga und DO Sierras de Málaga. Der Genussfaktor in Bezug auf Flüssiges war also voll gegeben, dazu aßen wir klassische Tapas wie Ensalada Málaguena, Boquerones en vinagre (Sardellen, mariniert in Essig und Knoblauch) und Croquetas de rabo de toro (Kroketten, gefüllt mit Gehacktem vom Ochsenschwanz).

Wer nach einer Tour durch die ein oder andere traditionelle Weinbar seinen Gefallen am Málagawein gefunden hat, dem sei ferner ein Besuch des örtlichen Weinmuseums nahegelegt. Das Museo del Vino Málaga taucht in die Geschichte der legendären Spirituose ein und unterhält zudem einen angeschlossenen Weinshop.

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2 Kommentare

  1. Jaaa, Malaga schreibt sich mit drei >a< und jedes öffnet den Mund, um das zu genießen, was dieser Blog beschreibt: Die älteste Bodega mit den süßesten, halbsüßesten und süßtrockensten Weinen, die eine unvergleichliche Trunkenheit bewirken, einen süßen heidnischen Rausch, der einen in magischen Kontakt mit dem Boden bringt und uns mit der sengenden Sonne versöhnt , die… – okay, okay, das klingt dick aufgetragen? Aber was, wenn nicht die Übertreibung, kann uns die Erinnerung an unseren Besuch in der Bodega im Wonnemonat Mai letztes Jahr besser wiederbringen, lieber, werter Tom? Nein, Dein schöner Artikel über die Bodega kann das weit besser, und macht hoffentlich noch mehr Menschen Lust auf einen Besuch – Salute!

    1. Lieber Richard, Danke für deinen wonnevollen Kommentar. Gerne und gut erinnere ich mich an unser trunkenes Stelldichein in der Antigua Casa Guardia. Und das Beste daran ist, dass wir uns dieses Jahr wieder in Málaga sehen und das auf’s Neue wiederholen können.
      Beste Grüße, Tom

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