Weinbau am Limit — die einzigartigen Weine von Lanzarote

Auf Lanzarote in einem hoyo

Schwarz ist das Land, blau die See, weiß die Häuser, gleißend die Sonne und kräftig der Wind. Lanzarote ist surreal fremdartig, eine Insel geboren aus dem Feuer, die sich vor 25 Millionen Jahren infolge von Vulkanausbrüchen aus dem Atlantik erhob. Und wie das Land, so der Wein: Auch er ist aus dem Feuer entstanden. Bis zum 18. Jahrhundert wurden auf Lanzarote vor allem Weizen und Hopfen angebaut. Dann überzog ein gewaltiger Vulkanausbruch von 1730 bis 1736 die Insel mit Lava und Asche. 

Erst nach diesem Ausbruch begannen die Leute damit, Wein zu kultivieren. Und sie machten sich die lebensfeindliche Umgebung sogar zu eigen: An manchen Stellen hinterließ die erstarrte Lava metertiefe Risse in der Erde. In diese Löcher – Chabocos genannt – pflanzten sie Reben und erzogen sie als Pergola. Der Vorteil der unterirdischen Rebenhaltung liegt darin, dass die Rebe auf diese Weise vor dem Alisios-Wind geschützt ist, der von Nordosten regelmäßig über das flache Land fegt. Ohne Windschutz wäre es auf Lanzarote unmöglich, Reben zu halten.

Juan José Otamendi, Co-Eigentümer des Weinguts El Grifo, neben einem „Chaboco“. In den Erdlöchern zwischen erstarrten Lavafelsen werden die Reben als Pergola erzogen.
Chaboco auf Lanzarote
In diesem „Chaboco“ befindet sich eine einzige, rund 160 Jahre alte Moscatel-Rebe in Pergola-Haltung. Bis zu 20 Kilo Ertrag ergibt der Rebstock pro Lese, erklärt das Weingut El Grifo.

An der Grenze des Möglichen

Die erstarrte Lava wird Malpaís (schlechtes Land) genannt, weil auf ihr nichts wächst, abgesehen von den wenigen Reben in den Chabocos. Dort wo die Erde hingegen mit Vulkanasche bedeckt ist, haben die Winzer auch eine kreative Lösung gefunden. Mit Schaufeln graben sie Löcher – sogenannte Hoyos – bis sie auf einen lehmig-kalkigen Unterboden stoßen, in den sie die Reben pflanzen können. Dabei kommt in jedes Loch jeweils nur ein Rebstock, wie die Fotos unten zeigen.

Wie weit die Winzer graben müssen, hängt davon ab, wie tief der Oberboden aus Vulkanasche ist. Manche Löcher sind drei Meter tief und haben einen Durchmesser von zehn Metern. So entstehen Weinberge mit einer extrem niedrigen Pflanzdichte mit in manchen Fällen nur 250 Reben pro Hektar. Zum Vergleich: In der DOCa Rioja liegt die Pflanzdichte – im Reglement festgelegt – bei 2.850 bis 10.000 Reben pro Hektar.

Die in Vulkanasche gegrabenen Löcher heißen „Hoyos“. Die Winzer graben so lange, bis sie auf einen fruchtbaren Unterboden stoßen, in den sie die Reben pflanzen können. Manche dieser Hoyos sind bis zu drei Meter tief.

Entsprechend gering sind die Erträge: Das Weingebiet DO Lanzarote umfasst 1.900 Hektar Rebland. 2024 ernteten die Winzer lediglich 1,38 Millionen Kilo Trauben. Das sind durchschnittlich 726 Kilo pro Hektar. Im Jahr 2023 hingegen war die Lese mit 3,35 Millionen Kilo Trauben und einem Schnitt von 1.763 Kilo pro Hektar übermäßig gut. Im Vergleich zu anderen Weinregionen ist das aber immer noch sehr wenig.

Aus diesem Grund sind die Traubenpreise auf Lanzarote auch die höchsten in ganz Spanien. Im Schnitt lag der Kilopreis für die weiße Malvasia Volcanica – mit über 70% Anteil die Hauptrebsorte auf der Insel – während der Weinlese 2025 bei vier Euro. Günstige Massenweine sind unter diesen Bedingungen natürlich nicht zu erzeugen.

Weinberg auf Lanzarote mit den sogenannten Hoyos
Kleine Steinmauern verhindern, dass der Alisios-Wind die Löcher nicht wieder mit Aschesand vollbläst. In jedem Loch wächst eine Rebe, auf Lanzarote sind sie wurzelecht.

Darüber hinaus errichten die Winzer um jedes Loch herum niedrige, halbkreisförmige Steinmauern, sogenannte Socos. Diese Mäuerchen sind nach Nordosten ausgerichtet, damit der von dort kommende Wind nicht den ganzen Sand in die Löcher bläst. Nichtsdestotrotz müssen die Winzer einmal im Jahr jedes Loch wieder mühsam von Hand bzw. mit der Schaufel reinigen.

Es wird immer schwieriger, die junge Generation für diese Arbeit zu begeistern. Laut OIVE werden 48% der Weinparzellen auf den Kanarischen Inseln von über 65-jährigen Winzern bewirtschaftet – mehr als in jeder anderen spanischen Region. Weil aufgrund von Überalterung und einem Mangel an Nachfolgern viele Parzellen aufgegeben werden, ist es umso wichtiger, dass eine junge Generation nachwächst, die sich für den Weinbau begeistert und die schwierigen Bedingungen auf Lanzarote nicht scheut. Schließlich bietet die Insel ein weltweit einzigartiges Weinerbe und somit ein Alleinstellungsmerkmal.

Genussvoller Abend in der Weinbar La Sede

Umso erfreulicher war das Tasting in der Weinbar La Sede, das Susanne Zinn für unsere fünfköpfige Gruppe durchführte. Die gebürtige Hamburgerin lebt seit zwei Jahrzehnten auf Lanzarote. Sie arbeitet als Immobilienmaklerin und hat vor drei Jahren gemeinsam mit ihrem Partner Eduardo und ihrem Sohn Dennis die Weinbar La Sede eröffnet. Leidenschaftlich und kenntnisreich kredenzte sie uns von Mineralität geprägte Weiß- und Rotweine von jungen lanzarotischen Weingütern bzw. Winzern wie Jable de Tao, Titerok-Akaet und David Fernández. Charaktervoll, energiegeladen und ungezähmt sind ihre Gewächse. Den vorzüglichen Einstieg ins Tasting bildete der knackig-frische Pet-Nat „Nubium Metodo Ancestral Blanco“ von Bodega Tinajo. Er bietet Trinkspass, wie das bei Pet-Nat generell der Fall ist, ist aber auch interessant und anspruchsvoll.

Dazu erhielten wir „Sharing Plates“ aus Susannes Küche, die fabelhaft auf das Weinangebot abgestimmt waren. Besonders gut haben mir die würzigen Cochinita-Tacos geschmeckt, die wunderbar mit der pointierten Säure der Weine aus Lanzarote harmonierten. Wer die Insel einmal besuchen sollte, für den oder die ist diese Vinothek quasi Pflichtprogramm und der ideale Ort, sich einen Überblick über die Vielfalt der Kanarischen Weine zu verschaffen. Wirklich beeindruckend ist auch das Angebot an spannenden, teils weniger bekannten Rioja-Erzeugern. Susanne Zinn hat einen zweiten Wohnsitz in der baskischen Rioja und kennt sich dort entsprechend gut aus.

Tolle Weine aus Lanzarote. In der Weinbar La Sede.
Halloween-Abend in der Weinbar La Sede. Dazu hochklassige und eigenständige Weißweine von Titerok-Akaet, Jable de Tao und David Fernández.
Wir genossen verschiedene Teller zum Teilen, wie hier den Lachs.

Je mehr Asche, umso besser

Vom Ausflug in die Weinbar zurück in den Weinberg: Trotz aller Mühsal bieten die in Vulkanasche gegrabenen Löcher (Hoyos) auch viele Vorteile: Zum Beispiel fangen sie Regenwasser hervorragend auf und absorbieren so viel Morgennebel wie möglich. Nebel und Tau sind tatsächlich die wichtigsten „Wasserquellen“ für die Reben auf Lanzarote, denn das jährliche Regenaufkommen liegt bei verschwindend geringen 50 bis 180 mm. Auf gerade einmal 15 bis 25 Regentage kommt die Insel im Jahr.

Nicht zuletzt spielt auch die Beschaffenheit der Vulkanasche – Rofe oder Picon genannt – eine wichtige Rolle. Sie leitet Wasser an den darunter liegenden Lehm- und Kalkboden ab, in dem die Reben wurzeln, und trägt außerdem dazu bei, das Wasser zu speichern. „Unsere Vulkanasche schützt vor Erosion und vor Verdunstung und hält das Wasser besser im Weinberg. Sie erfüllt damit eine ähnliche Funktion wie grüne Bodendecker in anderen Weinregionen, nur dass sie selbst kein Wasser verbraucht“, erklärt Victor Haro vom Weingut El Grifo. Die besten Weinlagen auf Lanzarote seien deshalb jene mit einem tiefen oberen Ascheboden, so Haro weiter.

Je tiefer der obere Ascheboden, umso besser wird die Feuchtigkeit im Weinberg gespeichert. Als beste Weinlagen auf Lanzarote gelten demnach jene mit einer dicken oberen Schicht aus Vulkanasche.
Mit internationalen Kollegen und El-Grifo-Team in der Weinlage Finca Ramón.

Ein gespriteter Süßwein von 1881

Anlässlich der 250-Jahr-Feier von Bodegas El Grifo verbrachte ich fünf Tage als Teil einer eingeladenen Journalistengruppe auf Lanzarote. Neben den spektakulären Weinbergen besichtigten wir auch die Kellerei. El Grifo ist das älteste Weingut der Kanaren. In den dicken Mauern der originalen Bodega von 1775, die heute ein Weinmuseum ist, erzählen alte Fässer, historische Fotos und Weinpressen von den alten Zeiten. In den 1980er Jahren errichtete das Weingut zudem eine moderne Kellerei, in der es seither die Weine vinifiziert. Ergänzend machen ein Kakteengarten, eine Weinbar und die für Lanzarote typische Architektur mit Flachdächern und weiß getünchten Fassaden das gesamte Anwesen überaus reizvoll.

Ein Höhepunkt des El-Grifo-Besuchs war die Verkostung von vier gespriteten Süßweinen aus Malvasia Volcanica. Solche mit Weingeist verstärkte Süßweine sind die traditionellen Weine der Kanaren. Heute machen sie zwar nur noch einen geringen Teil der Produktion aus, aber früher waren sie ein Exportschlager. So bezieht sich der Name der berühmten Canary Wharf in London auf den Handel mit den Kanarischen Inseln. Vor allem wurden Bananen eingeführt, aber eben auch Wein.

Wir verkosteten jeweils den Jahrgang 2018, 1997 und 1881 – zugegeben ein ziemlich großer Zeitsprung. Der vierte Süßwein im Tasting, der Canari, stellt eine Cuvée der Jahrgänge 1997, 1970 und 1954 dar.

Generell war beim Verkosten leicht und deutlich festzustellen: Je älter die gespriteten Weine waren, desto komplexer und konzentrierter waren sie, desto mehr Säure hatten sie, desto weniger süß schmeckten sie, und desto länger war ihr Abgang. Während der hochfeine Canari für rund 100 Euro im Handel erhältlich ist, wird der Malvasia 1881 praktisch nicht verkauft, wenn überhaupt, dann an spezielle Restaurants für um die 6.000 Euro pro Flasche. Seine Frische, Textur und Konzentration sind atemberaubend. Dazu bietet er anregende Noten von Bitterschokolade und Orangenzeste. Das Gewächs reift in einem Sherry-Fass; im Stil erinnert es jedoch mehr an einen eleganten Madeira als etwa an einen opulenten Oloroso-Sherry.

Der Canari ist ein gespriteter Süßwein-Blend der Jahrgänge 1997, 1970 und 1954. Rechts, ohne Etikett, die Malvasia von 1881.
Stefano vom El-Grifo-Sales-Team mit einem gespriteten Süßwein von 1997. Gekeltert aus Malvasia Volcanica, der Hauptrebsorte auf Lanzarote.

Winterernte als Antwort auf den Klimawandel?

Lanzarote liegt im Atlantik auf dem 29. Breitengrad, nur 125 km von der afrikanischen Küste entfernt, auf der Höhe von Südmarokko und Westsahara. Wenn die heißen Saharawinde von dort herüber wehen, sind die Bedingungen für Menschen, Flora und Fauna extrem. Beliebter bei den Winzern ist der kühle und feuchte Alisios-Wind aus dem Norden. Da Lanzarote ziemlich flach ist, der höchste Berg der Insel erhebt sich nur auf 670 Meter, kann er fast ungehindert über die Insel ziehen.

Trotz dieser Abkühlung macht sich auch auf Lanzarote der Klimawandel bemerkbar, etwa mit extremer werdender Hitze im Sommer. Dies hat das Weingut El Grifo zu einer einschneidenden Maßnahme bewegt: „Wegen des Klimawandels wird es für uns immer schwieriger, die Produktionsmenge aufrechtzuerhalten. So entstand die Idee, den Zyklus zu ändern und die Ernte in den Winter zu legen“, erklärt Önologin Elisa Ludeña. 

Normalerweise erfolgt bei El Grifo der Rebschnitt im Januar, und die Weinlese findet im Juli und August statt. Vor vier Jahren begann das Weingut aber damit, in einem Testprojekt den Zyklus zu ändern: In einigen Parzellen führt es den Rebschnitt nun im September und Oktober aus und erntet die Trauben im Februar und März. Selbst während der Wintermonate gibt es auf Lanzarote genug Sonne und Wärme, dass die Trauben ausreifen. „Wir haben damit den gleichen Zeitplan wie die Weingüter auf der südlichen Halbkugel, obwohl wir auf der nördlichen Halbkugel liegen“, sagt Ludeña.

Glaubt an die Vorteile der Winterlese: Önologin Elisa Ludeña, hier mit dem tollen trockenen Weißwein „El Grifo Lias“.

Bisher ist El Grifo das einzige Weingut auf Lanzarote, das eine Winterernte durchführt. Die Produktion ist noch gering: Vom Weißwein „Seco Colección“ werden aus der Sommerernte rund 100.000 Flaschen gekeltert. Sein Pendant „Vendimia de Invierno“ aus der Winterernte kommt bisher nur auf 2.000 Flaschen. Allerdings fielen die zwei letzten Ernten im Sommer 2024 und 2025 so desaströs in der Menge aus, dass die Bodega langfristig die gesamte Ernte in den kühleren und tendenziell feuchteren Winter verschieben will. „Wir hoffen, dass die Winterernte eine Antwort auf den Klimawandel sein kann“, sagt Weingutsbesitzer Fermín Otamendi.

Bei einem weiteren Tasting hatte unsere Gruppe die Gelegenheit, jeweils einen Weißwein aus der Sommer- und Winterernte 2024 parallel zu verkosten. Beide stammten aus demselben Weinberg, aus zwei nebeneinander liegenden Parzellen, und wurden auf die gleiche Weise im Stahltank aus der Rebsorte Malvasia Volcanica gekeltert. Auffällig war, dass der Wein aus der Sommerernte (Seco Colección 2024) mehr tropische Fruchtnoten zeigte, während der Wein aus der Winterernte (Vendimia de Invierno 2024) mehr Zitrus und einen salzigeren Abgang aufwies. Mit jeweils 13% Alkoholgehalt, einem pH-Wert von 3,2 und knapp über 7 Gramm Säure pro Liter waren die technischen Daten bei beiden Weinen sehr ähnlich. Es wird interessant zu sehen sein, wie sich dieses Projekt entwickelt und ob vielleicht auch andere Weingüter auf Lanzarote auf eine Winterlese umstellen.

Weinberg von Bodegas El Grifo. Vorne: Reben für die Winterlese nach dem Rebschnitt im Oktober. Im Hintergrund eine Parzelle mit belaubten Reben im Zyklus der Sommerlese.

Erstmals Reblaus auf den Kanaren entdeckt

Weinkenner wissen, dass die Rebgärten der Kanarischen Inseln wurzelecht sind. Lange Zeit blieb die Inselgruppe von der Reblaus verschont. Nun aber wurde der Schädling im August 2025 erstmals in mehreren Weinbergen entdeckt. Der Befall ist momentan auf die Inseln Teneriffa und El Hierro beschränkt. Die Frage nach dem Warum und Woher ist Gegenstand von Spekulationen, und es ist auch noch zu früh, das genaue Ausmaß des Reblaus-Befalls einzuordnen. Bis Mitte Oktober waren 80 von 5.190 durchgeführten Proben positiv. Um eine weitere Ausbreitung zu verhindern, haben die Behörden ein strenges Transportverbot für Trauben und Pflanzenmaterial zwischen den sieben Hauptinseln der Kanaren erlassen. 

Auf Lanzarote hoffen die Winzer derweil, dass ihre Insel und ihre bis zu 200 Jahre alten wurzelechten Reben verschont bleiben. Eine Ausbreitung des Schädlings könnte den Winzern die wirtschaftliche Existenz entziehen. Und der Welt würde ein einzigartiges Weinkulturerbe verloren gehen.

Im Timanfaya Nationalpark, Lanzarote
Im Timanfaya Nationalpark, dem Zentrum des großen Vulkanausbruchs von 1730 bis 1736.

Weitere Infos:

Alle Fotos: © Thomas Götz, Spaniens Weinwelten

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