Ich fahre häufig die Strecke zwischen Andalusien und Madrid – die meist ziemlich leere Autobahn A4 über den Bergzug Despeñaperros, vorbei an Valdepeñas und über die Hochebene von La Mancha. So häufig, dass ich mir einmal zur Aufgabe gemacht habe, in jeder einzelnen Raststätte entlang des Hin- und Rückwegs mindestens einmal einzukehren. Es gibt aber derart viele Gasthäuser auf den 400 Kilometern, dass ich – ähnlich wie bei meinen Neujahrsvorsätzen – dieses Ansinnen aufgegeben habe.
Stattdessen komme ich gerade von einen Besuch zurück, den ich schon seit über einem Jahr machen wollte: Ich fuhr den kleinen Umweg von der Autobahn zur Bodegas García de Lara, die sich 45 Autominuten südlich von Madrid auf der Hochebene von Ocaña in der Provinz Toledo befindet. Ich lernte das Weingut 2025 auf der Fenavin-Messe kennen und fand ihre Gewächse so gut und interessant, dass ich es mir unbedingt vor Ort anschauen wollte. Empfangen wurden wir – ich war mit Familie unterwegs – von Maria García de Lara, die die Bodega seit 2017 zusammen mit ihrem Bruder Miguel betreibt.
Vier Generationen und 150 Jahre Weinbau
Die Weingeschichte der Familie reicht jedoch viel weiter als bis 2017 zurück, nämlich bis ins 19. Jahrhundert. Die Urgroßeltern von Miguel und Maria errichteten 1878 eine Bodega in der Ortschaft Villarrubia de Santiago. Die Weinbereitung erfolgte in einem unterirdischen Keller in Tonamphoren. Das war für die damalige Zeit typisch: In der Region hat nahezu jedes Dorf eine Vielzahl unterirdischer Weinkeller. Diese sind jedoch nicht mehr in Gebrauch, sondern – wie auch bei García de Lara – halb verfallen. Bedenkt man die Nähe zur Metropole Madrid, schlummert hier bei entsprechender Renovierung womöglich ein echtes Potenzial für den Weintourismus.
In den 1930er Jahren wurde der unterirdische Keller dann von einer ebenerdigen Kellerei abgelöst. Statt Tonamphoren kamen nun Betonamphoren bei der Weinbereitung zum Einsatz, die damals in Mode waren. Die Eltern von Maria und Miguel produzierten Wein unter der Marke García Nieto, ehe sie das Weingut in den 1980er Jahren schlossen. Auch dieser Teil der Bodega (Foto unten) ist heute nicht mehr in Betrieb.
Den Weinbau gab die Familie García de Lara jedoch nie auf. Sie bewirtschaftete ihre bis zu 91 Jahre alten Weinberge kontinuierlich weiter und verkaufte die Trauben an regionale Erzeuger – bis Miguel und María das Weingut 2017 unter dem Familiennamen wiederbelebt haben. Die heutige Kellerei befindet sich im charmanten Innenhof des traditionellen Anwesens. Die Weinbereitung erfolgt nun nicht mehr in Ton- oder Betonamphoren, sondern in Stahltanks und Holzfässern.
Alte Weinberge mit Airén und Cencibel
Selbstverständlich fahren wir auch in einige Weinberge. Die ältesten Reben sind über 90 Jahre alt und stammen noch aus der Zeit des Großvaters. Zuerst besuchen wir einen 1960 gepflanzten Weinberg in traditioneller Buschreben-Erziehung. Die Rebstöcke werden bei dieser Erziehungsform einzeln und niedrig am Boden gehalten. So bilden sie ein dichtes Blätterdach, das nicht nur den Trauben reichlich Schatten und Schutz vor der intensiven Sonnenstrahlung spendet, sondern auch den Kaninchen, von denen wir bei der Weinbergsbegehung gleich mehrere aus ihrer Siesta verscheuchen.
Der Weinberg ist mit Cencibel bepflanzt, einem regionalen Klon des Tempranillo, der sich an das extreme Hochlagenklima und die Sonnenintensität in La Mancha angepasst hat, was sich etwa in seinen kleinen Beeren und dicken Schalen zeigt. Entsprechend kann die Sorte konzentrierte und strukturierte Weine ergeben.
Wir befinden uns auf knapp 800 Metern Höhe und in der Mancha herrscht ein trockenes, kontinentales Klima mit starken Temperaturkontrasten zwischen Tag und Nacht sowie zwischen Winter und Sommer. Es ist der 23. September, bereits zur Mittagszeit zeigt das Thermometer 34°C an. Nachts kann es um diese Jahreszeit auf 10°C fallen.
Die Hauptsorte bei García de Lara ist der weiße Airén. Obwohl die Traube in Kastilien-La Mancha derzeit auf 180.000 Hektar, das sind 20 Prozent der gesamten Rebfläche Spaniens, angebaut wird, ist sie weitgehend unbekannt.
Am Vorabend meines Besuchs moderierte ich beispielsweise ein Tasting in Madrid mit vierzehn spanischen Weinliebhabern und präsentierte dabei unter anderem einen Airén von Bodegas García de Lara. Die Mehrheit der Teilnehmer hatte noch nie von der Rebsorte gehört. Der Grund für diese Unbekanntheit liegt darin, dass Airén überwiegend als Bulkwein exportiert oder zur Herstellung von Destillaten sowie als Kochwein in Tetrapacks verwendet wird. Der Name der Sorte taucht auf Etiketten so gut wie nie auf, weshalb selbst die meisten Spanier die Traube nicht kennen.
Dabei ist Airén eine großartige Rebsorte. Das schlechte Image rührt mehr von den Produktionsbedingungen in La Mancha (Massenweine), als dass es mit seiner Qualität zu tun hätte. Denn die Sorte bringt viele Vorteile mit sich: Sie ist hitze- und trockenheitsbeständig und treibt relativ spät aus. Somit umgeht sie die Frühjahrsfröste auf der Hochebene, die bis Anfang Mai auftreten können. Die Trauben verfügen zudem über eine tolle Säure und einen mittleren Zuckergehalt. Insbesondere aus den alten Weinbergen mit niedrigen Erträgen sowie auf Kalkstein-Böden kann der Airén vielschichtige Weißweine mit griffiger Textur hervorbringen.
Bemerkenswert sind auch die vielen Parzellen mit wurzelechten Rebstöcken (spanisch: pie franco). Sie finden sich in La Mancha und Spanien nicht nur aus der Zeit vor der Reblaus. Einige wurzelechte Weinberge wurden noch bis in die 1980er Jahre angelegt. Erst seit dem EU-Beitritt des Landes im Jahr 1986 sind bei der Pflanzung von Weinbergen amerikanische Unterlagsreben gesetzlich vorgeschrieben.
Salzig-mineralischer Airén, geschmeidiger Cencibel und ein Underdog
Aktuell keltert das Weingut 25.000 Flaschen pro Jahr. Die Trauben stammen aus alten Weinbergen im Trockenfeldbau. Darüber hinaus verkauft die Bodega die Mehrheit ihrer Trauben an Großproduzenten in der Region. Insgesamt bewirtschaftet García de Lara 35 Hektar, davon 20 mit Airén.
Mit dieser kleinen Produktion steht das Weingut für ein anderes La Mancha. Denn eigentlich ist die Region stark von riesigen Betrieben und Genossenschaften geprägt, die Dutzende, mitunter sogar Hunderte Millionen Liter Wein pro Jahr erzeugen. Da der Name La Mancha oft mit billiger Massenware in Verbindung gebracht wird, entscheiden sich kleinere Weingüter, die im mittleren und gehobenen Preissegment tätig sind, oft für andere Herkunftsbezeichnungen. Die Weine von García de Lara kommen etwa als „Vino de la Tierra de Castilla“ (Landwein) in den Handel. Ich bin ein großer Fan von ihnen. Alle Gewächse zeigen Frische, Balance und Eigenständigkeit. Drei davon möchte ich abschließend hervorheben.
2024 Finca Villalobillos Airén Pie Franco
Dieser sortenreine Airén stammt aus 91 Jahre alten, wurzelechten Reben, gewachsen auf Kalkstein und Sand. Das Weingut verwendet nur den Vorlaufmost und baut ihn im Stahltank aus. Er ist anregend zitrisch in der Nase, am Gaumen überaus frisch und spannungsgeladen und mit seidiger Textur. Der salzig-mineralische Abgang macht ihn zu einem fabelhaften Essensbegleiter. Bei unter 10 Euro ist auch das Preis-Genuss-Verhältnis bemerkenswert.
Es gibt von diesem Airén auch eine im Barriquefass ausgebaute Version (siehe Foto oben mit goldener Kapsel). Auch dieser hat ein zitrisches und salzig-mineralisches Profil, zeigt aber im Verglich mehr Fülle und Cremigkeit am Gaumen. Mir persönlich gefällt der rein im Stahltank ausgebaute Airén (grüne Kapsel) besser, da er klarer, direkter und mit mehr Punch herüberkommt.
2022 Finca Villalobillos Tinto de la Pampana Blanca
Tinto de la Pampana Blanca ist eine Rotweinsorte, die einzig in Kastilien-La Mancha vorkommt und dort auf 8.600 Hektar wächst. Bei García de Lara sind etwas über drei Hektar wurzelechte Reben von 1950 im Anbau. Der Wein reift 12 Monate im Holzfass, das hervorragend eingebunden und geschmacklich überhaupt nicht spürbar ist.
Stattdessen tritt in der Nase eine knackige Johannisbeer-Frucht hervor, gefolgt von fabelhafter Frische und Saftigkeit am Gaumen. Die Säure ist hier eindeutig das strukturgebende Element, während sich die Tannine im Hintergrund halten. Der Wein hat zwar 14,5% Alkohol, er wirkt durch seine Frische, seinen mittleren Körper und seinen Trinkfluss aber leichter. Dazu bietet er einen eigenständigen Charakter.
2023 La Cueva Colorá Cencibel
Dieser sortenreine Cencibel (Tempranillo) aus einem 66 Jahre alten Weinberg wird spontan vergoren und reift 12 Monate im Holzfass. Trotz nahezu identischer Weinbereitung hat er ein völlig anderes Profil als der zuvor beschriebene Tinto de la Pampana Blanca – ein Zeichen dafür, dass die Rebsortentypizität bei beiden Weinen prima zum Vorschein kommt.
Dieses Gewächs hat eine reife, dunkle Frucht, ist rund und weich am Gaumen und besitzt elegante Tannine als strukturgebendes Merkmal. Kurzum: Der Wein ist vergleichsweise dichter und konzentrierter, hat aber nichtsdestotrotz eine schöne Frische und tiptop Spannung.
Weitere Infos:
Bezugsquelle in Deutschland: wirwinzer.de
Alle Fotos: © Thomas Götz, Spaniens Weinwelten










