Terra Alta – Garnacha im Plural

Nass und kühl ist es im katalanischen Anbaugebiet Terra Alta an einem 1. September eigentlich nie. Doch genau so zeigte sich das Wetter, als ich samt Familie und Importeur Martin Müller die Weingüter Edetària, Herència Altés und Celler Alimara besuchte. Nichtsdestotrotz wurde es ein großartiger Tag mit fabelhaften Weinen.

Terra Alta ist das südlichste Anbaugebiet Kataloniens und kommt auf eine Größe von etwa 6.100 Hektar. Das “Hohe Land” ist ferner eines von wenigen mediterranen Anbaugebieten, in dem weiße Rebsorten ebenso stark vertreten sind wie rote Trauben. Das Verhältnis liegt ziemlich genau bei 50 zu 50. Den Weißweinen kommt in diesem Gebiet also eine wichtige Rolle zu. Neben der Rebsorte Macabeo ist vor allem die Garnacha Blanca (weiße Grenache) der Star im Gebiet: Sie wird auf 1400 Hektar kultiviert, was die größte Dichte dieser Sorte weltweit darstellt.

Garnacha Blanca, alter Rebstock, bei Celler Edetària. D.O. Terra Alta
Garnacha Blanca, alter Rebstock, bei Celler Edetària.

Darüber hinaus verfügt Terra Alta über eine interessante Bodenstruktur aus mal kalkigen, mal lehmigen, mal sandigen, mal etwas von allem enthaltende Böden, was zu unterschiedlichen Ausdrucksweisen und zur Vielfalt der Weine beiträgt. “Abgerundet” wird das Terroir durch zwei vorherrschende Winde: Der eine aus dem Norden ist trocken und kühl. Jener aus dem Osten – vom Mittelmeer kommend – ist feucht. Beide Winde sorgen dafür, dass die Weinberge im Sommer nicht überhitzen und die Trauben nicht zu schnell überreifen. Die Winde mildern also das heiße mediterrane Klima ab, was ebenso auf die gemäßigten Höhenlagen zutrifft: Durch die Höhe von 350 bis 550 Metern ist in Terra Alta bereits ein kontinentaler Einfluss mit abkühlenden Nächten zu spüren.

Tapàs genannter Boden: Grobkörniger Sandstein mit Tonmaterialien. Hier bei Edetària. D.O. Terra Alta
Tapàs genannter Boden: Grobkörniger Sandstein mit Tonmaterialien. Hier bei Edetària.

Celler Alimara – Five Years After

Die größte Vorfreude löste bei mir der Besuch bei Celler Alimara aus. Vor fünf Jahren lernte ich den Winzer Andy McLeod in Andalusien kennen. Der Schotte gelangte einst eher zufällig nach Katalonien ins Anbaugebiet Terra Alta, verliebte sich in dessen Landschaft und Weine … und gründete ein Weingut.

Damals in Andalusien hatte Andy einige Muster seines noch nicht abgefüllten ersten Jahrgangs 2016 mit dabei, die wir mit gemeinsamen Freunden verkosteten. Nun gab es ein Wiedersehen und natürlich haben wir dabei seine aktuellen Weine probiert. 

Mit Andy McLeod, Celler Alimara, D.O. Terra Alta
V.l.n.r.: Sofia und Emily, Teil der Spaniens-Weinwelten-Familie, Andy McLeod und Martin Müller von Vino & Alma.

Celler Alimara befindet sich im Ort Batea, eines der Zentren der Weinproduktion in Terra Alta. Die Kellerei gehörte vormals Herència Altés (von denen später noch die Rede sein wird). Als Andy McLeod den Keller kaufte, übernahm er Teile des Equipments. Neben Stahltanks zur temperaturregulierten Gärung gehören größere Holzfuder und ein Betontank dazu. In eben diesem Zementgefäß landen die Garnacha-Blanca-Trauben für seinen hochinteressanten Orange Wine Amb Pells 2020. Andy McLeod vergärt den Wein mit natürlichen Hefen spontan und belässt ihn fünfzig Tage im Kontakt mit den Schalen. Der Feinschliff erfolgt beim Ausbau im Holzfuder.

“Orange Wine?”, mögen sich einige Leserinnen und Leser fragen. Eine kurze Definition kann diesbezüglich lauten: Ein Orange Wine wird aus weißen Trauben gekeltert und dabei (wie ein Rotwein) auf der Maische vergoren. Die Maische besteht neben dem Saft aus Fruchtfleisch, Kernen und Schalen. Durch den Kontakt mit den Häuten, in denen sich die Farbpigmente befinden, verfärbt sich der Most orange (mal mehr, mal weniger). Orange kann man also nach Rot, Rosé und Weiß als vierte Weinfarbe ansehen.

Alternativ ist im Englischen manchmal von einem “skin-contact wine” die Rede, also von einem “Wein mit Schalenkontakt”. Mir gefällt dieser Ausdruck besser, weil er sich auf die Methode der Weinbereitung bezieht. Nicht jeder Orange Wine sieht nämlich orange aus, was auf Amb Pells von Celler Alimara ebenso zutrifft: Ohne den Hintergrund der Weinbereitung zu kennen, würde man ihn mit seiner goldgelben Farbe für einen Weißwein halten. Ob orange oder weiß ist letztlich auch egal. Der Wein ist jedenfalls klasse. Er hat eine sehr frische und klare Nase, und am Gaumen fühlt er sich geschmeidig, tiptop balanciert und gut strukturiert an. Dazu hat er frische Fruchtaromen wie Mandarine zu bieten. Im Abgang ist er dezent bitter – es ist eine schöne Bitterkeit, die zu Komplexität und Länge beiträgt. Spannend und charaktervoll!

Betontanks erleben in Spanien ein Revival, hier bei Celler Alimara.
Betontanks erleben in Spanien ein Revival, hier bei Celler Alimara.

Die Weinberge, die Andy McLeod für sein Alimara-Projekt kaufte, wurden früher übrigens von Celler Edetària bestellt (zu diesem Weingut ebenfalls gleich mehr). Aus Zeitgründen und weil es gerade “Cats and Dogs” regnete, verzichteten wir auf einen Besuch der Lagen. Andy wusste jedenfalls zu berichten, dass er sich gerade in der Umwandlungsphase auf biologischen Anbau befindet. In zwei Jahren kann er seine Weine auf den Etiketten als Bio ausweisen.

Aus Parzellen mit im Schnitt 35 Jahre alten Garnacha-Blanca-Reben gewinnt Andy McLeod den erstklassigen Weißwein El Senyal Blanc 2020. Als Önologe steht ihm mit Andrew Halliwell übrigens ein weiterer Brite bei der Weinbereitung zur Seite. Sie bauen das Gewächs teils im Holzfuder, teils im Betontank aus. Im Ergebnis steht eine sehr schöne und elegante Expression der Garnacha Blanca: El Senyal Blanc hat eine seidige Textur, dazu eine prima Balance aus frischer Säure und gelber Fruchtaromatik und einen mineralischen Unterton. Dieser Wein zeigt die tolle Entwicklung auf, die das junge Weingut in fünf Jahren genommen hat. In Zukunft will er diesen Weißwein – basierend auf den Erfahrungen mit seinem Orange Wine – nach dem Entrappen für 24 bis 48 Stunden im Kontakt mit den Schalen belassen, erzählt uns Andy. Er erhofft sich davon nochmals mehr aromatische Intensität. Wir dürfen gespannt sein.

Klasse Weine aus Garnacha Blanca, Macabeo, Garnacha Tinta und Cariñena
Klasse Weine aus Garnacha Blanca, Macabeo, Garnacha Tinta und Cariñena

Als wir Andy McLeod und sein Garagenweingut Celler Alimara verließen, regnete es draußen immer noch. Für ihn, den Winzer, ist Regen zur Erntezeit eine echte Bedrohung. Es erhöht die Gefahr von Pilzkrankheiten eines bis dahin exzellenten Jahrgangs 2021. Wir dagegen wurden nur ein bisschen nass. Also was soll’s! Zur Aufmunterung hören wir ein kurzes Musikstück, danach geht es weiter mit Edetària.


Celler Edetària – die rare Peluda und ein Blanca-Hammer

Jedes Weingebiet hat seine Pioniere und “quality leader”, wie es im Englischen gerne heißt. Und für Terra Alta trifft dies auf den Winzer Joan Angel Lliberia und dessen 2003 gegründetes Weingut Celler Edetària zu.

Der Himmel zeigte sich während unsres Besuchs in Sachen Regen gnädig. Ergo gingen wir in die Weinberge, wo die Lese der weißen Rebsorte Viognier bereits im Gange war. Von den insgesamt sechzig Hektar Rebfläche sind bei Edetària allerdings hauptsächlich die autochthonen Trauben Garnacha Blanca, Macabeo, Garnacha Tinta, Cariñena und Garnacha Peluda im Anbau.

Letztgenannte Garnacha Peluda ist eine besonders interessante Sorte. Es handelt sich bei ihr um eine natürliche Mutation der in Katalonien und Spanien weit verbreiteten Garnacha Tinta. Ja, auch in der Weinwelt gibt es Mutationen, sie sind allerdings ungefährlich. Optisch erkennt man die Peluda-Rebe daran, dass die Unterseite ihrer Blätter mit einem Flaum behaart ist (Peluda bedeutet “Haar”). Was die Eigenschaften der Traube betrifft, so heißt es gemeinhin, dass sie über einen Tick mehr Säure und etwas weniger Zuckergrade als ihre Mutterrebe Garnacha Tinta verfügt. Bei den vom Klimawandel verursachten, steigenden Temperaturen im mediterranen Raum ist das freilich nicht von Nachteil.

Trotzdem kommt die Garnacha Peluda laut Joan Angel Lliberia in ganz Katalonien nur auf 66 Hektar im Anbau. Einige davon gehören ihm. Aus Reben, die sein Großvater vor über sechzig Jahren pflanzte, keltert er den sortenreinen Rotwein Finca La Personal. Der moderate 8-monatige Ausbau in 500-l-Eichenfässern verleiht dem 2016er-Jahrgang etwas Würze. Im Allgemeinen dominiert aber eine rotbeerige Primärfrucht, dazu ist das Gewächs erdig-mineralisch und sehr frisch. Ein Klassewein mit einem saftigen Zug.

Joan Angel Lliberia, hier in einem Weinberg mit Garnacha-Blanca-Reben
Joan Angel Lliberia, hier in einem Weinberg mit Garnacha-Blanca-Reben

Eine Benchmark für die Rebsorte Garnacha Blanca ist darüber hinaus der Lagenwein Finca La Terrenal. Er entstammt aus Weinparzellen mit Lehmböden, die Wasser gut speichern können und so in besonders heißen Sommern für weniger Trockenstress bei den Reben sorgen. Nicht zuletzt sind die knorrigen Stöcke über sechzig Jahre alt. Das heißt, sie haben ein tieferes Wurzelwerk als junge Reben. Deshalb finden sie während extremen Hitze- und Dürrephasen in tieferen Schichten Feuchtigkeit und Nährstoffe, was ebenfalls Trockenstress verhindert und eine gleichmäßigere Reifung der Trauben begünstigt. Alte Reben sind somit – neben Höhenlagen und der Anpassung der Arbeit im Weinberg – ein wichtiger Faktor, wie der spanische Weinbau den Herausforderungen durch die Klimaerhitzung begegnen kann.

Der Ausbau von Finca La Terrenal findet in 350- und 500-l-Eichenfässern statt. Zuhause probiere ich eine Flasche des 2017er-Jahrgangs, die mir Joan Angel Lliberia mit auf den Weg gab. Kurz gesagt: Er hat alle Eigenschaften, die einen Spitzenwein auszeichnen: aromatische Intensität, Frische, Balance, Komplexität und Länge. Seine seidige Textur entwickelt viel Grip und sorgt für ein super Mundgefühl. Obendrauf gibt’s den langen Abgang, in den sich eine animierende salzige Note mischt. Und sind da etwa ein leichter Petrolton und Honigsüße wie beim Riesling wahrnehmbar? Das ist einfach brutal gut. Ich kenne keine bessere Garnacha Blanca.

Weinberge von Celler Edetària, typisch für Terra Alta ist die Terrassenstruktur

PS: Die hier besprochenen zwei Weine gehören der absoluten Top-Riege im Portfolio von Edetària an. Bei allen vierzehn Gewächsen, die das Weingut keltert, ist man als Weinliebhaber mehr als gut aufgehoben. Bereits die “Via Terra”-Weinlinie bietet einen günstigen und ausgezeichneten Einstieg.

Herència Altés – ein brillanter Anfang und ein Anklang von Jerez

Zu den Qualitätsleadern in Terra Alta müssen fernerhin Herència Altés gezählt werden. Ihr Einstiegswein Garnatxa Negra (so heißt die Garnacha Tinta in Katalonien) gehört zu den Favoriten meines Vaters, was ich gut nachvollziehen kann. Denn dieser Rotwein spielt mindestens eine Liga höher, als die 7 bis 8 Euro, die er im Handel kostet. Der neue 2019er-Jahrgang, den wir verkosten, ist dabei noch besser, geradliniger und präziser geraten als seine Vorgänger.

Das Weingut wird von Nuria Altés und Rafael de Haan geleitet. Die beiden sind ein Paar – sie stammt aus Terra Alta, er ursprünglich aus England. Vor etwa zehn Jahren begannen sie unter dem Namen Herència Altés Weine zu keltern – damals noch im Keller, in dem heute Andy McLeod mit Celler Alimara tätig ist. 2016 erbauten sie dann ihre neue, viel größere Kellerei nahe der Ortschaft Gandesa, inmitten einer reizvollen Landschaft aus terrassierten Weinbergen. Ihr Bestand an alten Reben ist beeindruckend und der gesamte Weinbau findet biologisch statt.

Rafael de Haan, hier mit alten Garnacha-Blanca-Reben.
Rafael de Haan in einem Weinberg mit alten Garnacha-Blanca-Reben.

Herència Altés arbeiten gerne mit Betontanks und mit Fudern. Sie vergären die Trauben häufiger mit den Rappen und sie verzichten auf eine übermäßige Extraktion. Vermutlich kommen ihre Rotweine wie La Xalamera 2019 (aus Garnacha Tinta) und La Pilosa 2018 (aus Garnacha Peluda) deshalb so präzise, fein und reintönig daher. Für mich sind diese roten Gewächse unübertroffen im Gebiet. Wobei die Arbeit im Keller nicht alles ist – die Weinberge spielen mindestens eine genauso wichtige Rolle. La Xalamera stammt beispielsweise von Trauben aus einer Lage mit 25 Jahre alten Buschreben und kalkhaltigen Böden. Der Weinberg liegt auf 450 Metern Meereshöhe und ist nach Nordosten ausgerichtet. Außerdem ist die Lage besonders starken Winden ausgesetzt, weiß Rafael de Haan bei der Verkostung zu erzählen. Diese Faktoren bedingen ein kühleres Mikroklima, was sich wiederum in einer lebhaften Frische im Wein übersetzt.

In Terra Alta führt natürlich kein Weg an der Garnacha Blanca vorbei. Das ist auch bei Herència Altés so. Wir probieren sortenreine Weiß-, Orange- und Süßweine, die durch die Bank fabelhaft sind. Den Orange Wine Trementinaire 2017 bauen sie über mehrere Jahre oxidativ in Holzfässern aus. Er erinnert an die leichte Version eines Amontillado, ist wahnsinnig aromatisch, elegant und komplex.

Im Gegensatz dazu achten Rafael de Haan und Nuria Altés bei den Weißweinen sehr sorgfältig darauf, dass der Traubensaft nicht oxidiert (die Garnacha Blanca gilt als besonders oxidationsanfällig). Zum Beispiel entrappen sie ihr Lesegut nicht, sondern pressen stattdessen die ganzen Trauben, damit der Saft keinem Luftkontakt ausgesetzt ist. Besonders packend finde ich dabei die Garnacha Blanca Benufet 2019, die sie einzig im Betontank ausbauen. Der Weißwein wirkt anfangs vornehm zurückhaltend und ist nicht allzu fruchtig. Schnell zeigt sich, dass er superfrisch und saftig-mineralisch ist und seidig über den Gaumen läuft. Die Trauben stammen aus drei Weinbergen – einer davon heißt Benufet und wurde von den Eltern von Nuria Altés gepflanzt. Das “Erbe von Altés” (so übersetzt sich der Name des Weinguts) lebt also fort.

Drei von vielen Topweinen von Herència Altés
Drei von mehreren Topweinen von Herència Altés

Soweit von meinem bzw. unserem Tag in Terra Alta. Das war ehrlich ein Garnacha-Flash: die Blanca, Tinta und Peluda als Weiß-, Orange-, Rosé-, Rot- und Süßwein. Mal oxidativ, mal reduktiv ausgebaut. Mal in Beton, mal in Fudern, mal in Barriques gelegen. Mal mit, mal ohne Stängel vergoren. Ich komme auf jeden Fall wieder, keine Frage. Für jemanden wie mich, der sich als “Garnachista” bezeichnet, ist Terra Alta ein Paradies.


Weitere Infos:

Alle Beitragsfotos: © Spaniens Weinwelten

Bezugsquellen:
Celler Alimara: spanien-shop.com
Edetària: vinopolis.de
Herència Altés: vinoalma.de

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