Jumilla – drei Tage, drei Weine

Jumilla

Im November war ich zu einer Pressereise in die DO Jumilla eingeladen, ein Weinbaugebiet in Südostspanien, dessen Landschaft geradezu unwirklich anmutet. Unsere kleine Gruppe besuchte 13 Weingüter in drei Tagen. Nun, wo ich diese Zeilen schreibe, kommen mir die Erzeuger Casa Castillo, Cerrón und Olivares in Erinnerung. Ihre Weine stehen für ein sehr eigenständiges Jumilla.

Es war nicht das erste Mal, dass ich nach Jumilla kam. Schon 2018 besuchte ich Weingüter und schrieb etwa über Bodegas Juan Gil. Aber so tief wie an diesen drei Tagen bin ich noch nie in das 22.500 Hektar große Anbaugebiet eingetaucht. Zirka 40 Prozent der Rebfläche der D.O. befinden sich in der Region Murcia und 60 Prozent in Kastilien-La Mancha in der Provinz Albacete. Und eben dort, irgendwo im gefühlten Nirgendwo, hatte ich die eindrücklichste Begegnung …

Bodega Cerrón – El Cerrico 2021

Airén der Extraklasse.

Nahe der Ortschaft Fuente Álamo treffen wir Juanjo Cerdán. Er betreibt mit seinen Geschwistern Lucia und Carlos in vierter Familiengeneration die Bodega Cerrón. Es ist eine einsame Gegend, ein raues und windiges Land und die höchstgelegene Zone in der DO Jumilla. Einige Weinberge befinden sich auf fast 1000 Metern Höhe. Bis zum Mittelmeer nach Alicante beträgt die Entfernung zwar nur 90 Kilometer, das Klima hat aber dennoch einen starken kontinentalen Einschlag, der sich in kalten Wintern und heißen Sommern und hohen Temperaturunterschieden zwischen Tag und Nacht bemerkbar macht.

Laut Juanjo Cerdán befinden wir uns zudem im trockensten Teil der generell trockenen DO Jumilla. Im Schnitt 250 mm beträgt der jährliche Niederschlag. Die 20 Hektar Weinberge bewirtschaften Juanjo und seine Geschwister biodynamisch; ihre Weine sind Demeter zertifiziert. Sie machen das aus Überzeugung, nicht weil “Bio” gerade in Mode ist. Bereits ihre Eltern waren in den 1990er Jahren die ersten in Fuente Álamo, die auf biologische Landwirtschaft setzten.

Mit Juanjo Cerdan in Jumilla
Juanjo Cerdán

Die positive Energie von Juanjo Cerdán ist mitreißend. Er studierte Betriebswirtschaft und entschied sich 2011 zurückzukommen, um mit seinen Geschwistern den elterlichen Betrieb zu übernehmen. “In unserm Ort herrscht die Meinung vor, dass man weggehen und studieren muss, um eine gute Zukunft zu haben”, sagt Juanjo Cerdán. “Aber man kann auch hier eine Zukunft haben. Mit unserm Projekt wollen wir unser Erbe und unsere Landschaft bewahren.”

Das Erbe von Fuente Álamo sind vor allem die alten Weinberge mit wurzelechten Reben, die Juanjo, Carlos und Lucia in ihrem wegweisenden Projekt “Stratum Wines” rekultivieren. Den atemberaubenden Rotwein “La Calera del Escaramujo” gewinnen sie zum Beispiel aus einer Kalkstein geprägten Einzellage, die zuvor zwanzig Jahre verlassen war. Die kühle Frische, die elektrisierende Mineralität, der straffe Zug, die Griffigkeit, Schlankheit und Vielschichtigkeit dieses sortenrein aus Monastrell gekelterten Weins legen eine neue Dimension für Jumilla dar.

Mit Juanjo Cerdan, Christina Müller und David Schwarzwälder vor einem alten Monastrell-Rebstock.
Abends wird’s kalt. Mit Juanjo Cerdan, Christina Müller und David Schwarzwälder vor einem alten Monastrell-Rebstock.

Jener Weinberg, mit dem die drei Geschwister ihr Projekt Stratum Wines begannen, ist hingegen mit der Weißweintraube Airén bestockt. Der Urgroßvater pflanzte die Reben im Jahr 1920. Von der einst vier Hektar großen Lage sind noch 900 wurzelechte Stöcke auf weniger als einem Hektar übrig. Sie ergeben Erträge für gerade einmal zwei 500-Liter-Fässer, erzählt uns Juanjo Cerdán. Vor dem Ausbau in den Eichenfässern erfolgt die Spontanvergärung für den Weißwein El Cerrico in Tonamphoren.

Übrigens war die Airén in den 1980er Jahren mit 500.000 Hektar Fläche (allein in Spanien) die meist angebaute Rebsorte der Welt. Seither ging ihr Bestand auf 200.000 Hektar zurück, wie die Zahlen des spanischen Landwirtschaftsministeriums für das Jahr 2021 ausweisen. Trotz dieser nach wie vor riesigen Anbaufläche ist die Weißweinsorte wenig bekannt, denn die Traube wird vorrangig zur Herstellung von Weinbrand und Bulkwein verwendet.

Mit El Cerrico zeigen die Cerdáns nun das offensichtlich große Potenzial einer lange Zeit belächelten Rebsorte auf. Diese Art von vollmundigem Weißwein mit seidiger Textur, komplexer Aromatik und großem Spannungsbogen bezeichnet man gerne als “burgundisch”. Eine solche Zuschreibung wird dem charaktervollen Gewächs aber nicht gerecht, weil es absolut eigenständig ist. Was für eine Bereicherung für die Weinwelt!

Wurzelechte Airén-Rebe im 1920 angelegten Weinberg. In Jumilla.
Wurzelechte Airén-Rebe im 1920 angelegten Weinberg. Der Boden enthält überwiegend Kalkstein und etwas Lehm.

Casa Castillo – Las Gravas 2021

Wenn die Bodega Cerrón gerade dabei ist, das Potenzial und die Wirklichkeit der Airen vorzuführen, so kann man wohl sagen, dass der Winzer José Maria Vicente dies mit der Rotweinsorte Monastrell bereits gemacht hat. Um ihn und sein Weingut Casa Castillo zu besuchen, verlassen wir die Provinz Albacete und fahren zurück in die Region Murcia. Das 420 Hektar große Anwesen liegt auf 600 bis 750 Metern Höhe und befindet sich etwa zehn Kilometer von der Stadt Jumilla entfernt.

Die Familie von José Maria Vicente erstand das Grundstück im Jahr 1941. Ihren Lebensunterhalt bestritten sie damals mit der Herstellung von Produkten aus Espartogras. 1991 gründete José Maria Vicente dann das Weingut. Nach einer anfänglichen Liaison mit Rebsorten wie Tempranillo und Cabernet Sauvignon fokussierte er sich immer mehr auf autochthone mediterrane Sorten, insbesondere Monastrell. Heute ist die Rotweintraube bei Casa Castillo zu achtzig Prozent im Anbau. Das entspricht ziemlich genau dem Anteil, den sie in der gesamten DO Jumilla einnimmt. Überdies macht die Garnacha etwas über zehn Prozent der 170 Hektar Rebland von Casa Castillo aus. Grandios ist etwa die sortenreine Garnacha “El Molar”.

José Maria Vicente, Pionier in Jumilla
José Maria Vicente

Der älteste Weinberg aus dem Jahr 1942 ist mit wurzelechten Monastrell-Reben bestockt. Wurzelecht übersetzt sich auf Spanisch als “Pie Franco”. Und eben so heißt auch der Rotwein aus dieser Lage. Der Jahrgang 2020 erhielt – als erster Wein aus der Levante überhaupt – 100 Parker-Punkte von Luis Gutierrez. Während unseres Besuchs verkosten wir den 2021er aus dem Fass. Man spürt die urwüchsige Kraft und Länge, insgesamt ist der junge Wein aber noch aromatisch verschlossen und karg.

Am meisten beeindruckt mich die Fassprobe von Las Gravas 2021. Das Tannin ist zwar noch spröde, aber der Gripp und die intensive Mineralität sind schlichtweg packend. Ich kenne freilich ältere, bereits abgefüllte Jahrgänge: Las Gravas hat bei aller Eleganz stets auch etwas Ungezähmtes und Wildes sowie eine kreidige Mineralität an sich. Für mich ist es der charakterstärkste Wein von Casa Castillo, was etwas heißen will, denn die Weine von José Maria Vicente sind durchgängig eigenständig.

Einer der Weinberge von Las Gravas.
Einer der Weinberge von Las Gravas. Kalkstein pur.

Mit einem Fokus auf Frische und Trinkbarkeit, auf Spannung und Finesse zählt José Maria Vicente zu den Wegbereitern des neuen Spaniens. Zweifellos gehört er zu den bedeutendsten Winzern des Landes. In seinen Weinen zeigt er nicht die heiße, sondern die anregende Seite des Mittelmeers auf – soll heißen: die florale, balsamische und kräuterige Seite. Eleganz und Intensität gehen Hand in Hand.

Es mutet seltsam an, dass José Maria Vicente außerhalb von Jumilla bei den Winzerkollegen mehr Bedeutung und einen größeren Einfluss zu haben scheint, als in seiner Heimatregion. Abgesehen von Bodega Cerrón, die dieser Stilistik folgen und sie sogar noch weiter vorantreiben, scheint die Mehrzahl der Weingüter in Jumilla immer noch auf sehr reife, dunkelfruchtige und schwere Rotweine zu setzen. “Der Prophet gilt nichts im eigenen Land”, lautet ein bekanntes Sprichwort.

Fassproben der beiden Topweine Pie Franco und Las Gravas.

Bodegas Olivares – Dulce Monastrell 2017

Wie vielseitig Jumilla sein kann, beziehungsweise ist, offenbart darüber hinaus der beispiellose Süßwein “Dulce Monastrell” von Bodegas Olivares. Mit Weinmacher Pascual Olivares Guardiola und Exportleiterin Ana Maria Martínez fahren wir in beeindruckend schöne, bis zu 900 Meter hoch gelegene Weinberge. Von den 260 Hektar, die das Weingut bewirtschaftet, sind 125 Hektar mit wurzelechten Reben bestockt. Ebenso wie Bodega Cerrón und Casa Castillo praktiziert Bodegas Olivares ausschließlich Trockenfeldbau, die Reben werden also nicht bewässert.

Apropos wurzelecht: Seit dem EU-Beitritt Spaniens im Jahr 1986 ist es gesetzlich verboten, neue Weinberge mit wurzelechten Reben anzulegen. Davor aber war es möglich und legal. Und da in Jumilla viele sandige Böden existieren, die die Reblaus nicht mag, verfügt das Gebiet über einen recht hohen Bestand an Weinbergen mit wurzelechten Reben, die im Laufe des 20. Jahrhunderts gepflanzt wurden. Wurzelechte Reben in Spanien stammen demnach nicht zwangsläufig aus der Vor-Reblauszeit im 19. Jahrhundert, wie oftmals angenommen wird.

Bodeagas Olivares gehören 125 Hektar mit wurzelechten Reben in Jumilla.
Bodeagas Olivares gehören 125 Hektar mit wurzelechten Reben.

Die trocken ausgebauten Rotweine von Bodegas Olivares gefallen mir durch die Bank ausgezeichnet. Wir probieren sie stimmungsvoll am Rande eines Weinbergs und im Schatten eines Pinienhains. Der erwähnte Süßwein legt eine Schippe drauf und ist eine Offenbarung. Er hat eine wunderbare Balance aus kühler Frische und aromatischer Intensität, die Anklänge von Minze, Schokolade und Thymian enthält. Das Geschmacksbild wirkt glasklar, das Tannin fein, und der Wein fühlt sich weniger süß an, als die 230 Gramm Restzucker vermuten lassen. Es gibt keinen vergleichbaren Süßwein dieser Art aus dieser Rebsorte und Region.

Seit 1996 ist der “Dulce Monastrell” das Flaggschiff im Sortiment von Olivares. “Wir gewinnen ihn aus den höchstgelegenen Weinbergen und den ältesten Reben”, erzählt mir Pascual Olivares, während ich bei der Autofahrt neben ihm sitze. “Die Höhe bedeutet mehr Frische im Wein, und die alten Reben ergeben mehr Konzentration.”

Pascual Olivares Guardiola

Im Schnitt 65 Jahre alt sind die Reben für den “Dulce Monastrell”, erzählt Pascual Olivares. Natürlich, ist man geneigt zu sagen, handelt es sich um wurzelechte Exemplare. Die Erträge liegen bei um die 1000 Kilogramm je Hektar, so der Winzer. Die Trauben ernten sie in der Regel im November. Der Ausbau des auf 16 Volumenprozent angereicherten Süßweins erfolgt einzig im Betontank. Ehe das Gewächs in den Handel geht, reift es mindestens zwei Jahre in der Flasche. Nur in den besten Jahrgängen – vier- bis fünfmal je Dekade – werde der Wein erzeugt, sagt Pascual Olivares.

Einzigartiger Süßwein aus Monastrell.
Einzigartiger Süßwein aus Monastrell.

Bei derart guten Weinen bekommt man Appetit. Unsere Gastgeberinnen von der DO Jumilla ließen nichts aus und spendierten uns an den drei Tagen auch das ein oder andere Frühstück und Abendessen. Diesbezüglich abschließend ein paar Hinweise …

Essen und Trinken in Jumilla

Murcia hat einige interessante kulinarische Spezialitäten zu bieten, etwa “Mojama”, ein filetierter, in Salz gehärteter Thunfisch. Mit ein paar Tropfen Olivenöl drauf und Mandeln dazu mundet er vorzüglich. Mir persönlich zu streng schmecken hingegen die “Huevas” – gepresste und gesalzte Fischeier. Aber naja, man sollte sie dennoch einmal probieren. Meine drei Favoriten in der Rubrik Essen und Trinken waren diese …

Lokale Spezialität: Allerlei Getier im "Gazpacho Jumillano" im erstklassigen Restaurant der Bodega Madrid Romero.
Lokale Spezialität: Allerlei Getier im “Gazpacho Jumillano” im erstklassigen Restaurant der Bodega Madrid Romero. Unbedingt hingehen!

Best Churros in town: Churreria Sota in Jumilla.
Best Churros in town: Churreria Sota. Die Churros sind superknusprig und die heiße Schokolade göttlich.

Best wine bar in town: Los Tres Soles in Jumilla.
Best wine bar in town: Los Tres Soles. Inhaber Pepe Carrión serviert zudem fabelhafte Tapas. Eine Bar mit viel Atmosphäre.

Eine gute Küche, auch wenn auf dem Foto wenig davon zu sehen ist, bietet ferner das Restaurant San Augustin.

Weitere Infos:

Alle Beitragsfotos: © Thomas Götz, Spaniens Weinwelten

Vielen Dank an Carolina Martínez Origone, Esther González de Paz und Maria José Ayala von der DO Jumilla für die so sympathische Betreuung an den drei Tagen.

Zur Website der DO Jumilla geht es über diesen Link.

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