Die Hochlage macht’s

Was für deutschen und österreichischen Wein der Südhang mit möglichst viel Sonneneinstrahlung ist, das ist in Spanien die Hochlage. Sonne und Hitze gibt es auf der iberischen Halbinsel reichlich, mancherorts sogar zu viel. Um beste Qualitäten erzeugen zu können, benötigen Reben aber einen Wechsel aus heißen Tagen und kühlen Nächten. Spanien profitiert diesbezüglich von dem Umstand, dass es mit einer Durchschnittshöhe von 625 Metern nach der Schweiz das zweithöchste Land Europas ist.

Bodegas Ysios in Rioja
Die durch Architekt Santiago Calatrava weltbekannte Weinkellerei Ysios und deren Rebflächen in Rioja Alavesa liegen an einem Ausläufer der Kantabrischen Berge auf etwa 650 Höhenmetern (Foto: Dpto. Multimedia / © ICEX).

Die Höhe schenkt den Trauben Säure und Tannine
Eine wichtige Voraussetzung für einen guten Wein ist meines Erachtens die ausgewogene Balance aus Frucht und Säure. Ein Wein, der als reiner Fruchtdrops daherkommt, ist langweilig. Einer der nur aus Säure besteht und keine wahrnehmbaren Fruchtnoten besitzt, schmeckt nicht.

Zur Entwicklung von Frucht und Zucker benötigen Reben am besten viel Sonne. Um ergänzend Tannine und Säure herausbilden zu können, ist es wichtig, dass der Rebstock bei Nacht seine Höchstleistung herunterfährt und eine Ruhepause einlegt. Dazu braucht es kühle Nächte.

Frucht und Zucker geben dem Wein seinen Körper und einen Teil seines Aromenspektrums. Tannine und Säure bescheren ihm ferner Eleganz und Frische. Die Kombination all dieser Elemente und Eigenschaften lässt mich von einem „saftigen“ Wein sprechen. Ich verwende diesen Begriff auch in anderen Artikeln häufiger.

Signifikante Temperaturschwankungen – die den Reben guttun – existieren in vielen Teilen Spaniens nur aufgrund entsprechender Hochlagen. Im nördlichen Rioja, der renommiertesten Weinregion des Landes, finden sich Rebflächen bereits auf einer Meereshöhe von bis zu 750 Metern. In den trockenen und heißen Sommern sorgt dieser Umstand für kühle Nächte und dafür, dass die Trauben nicht frühreif werden, sondern langsam reifen und all ihre Aromen herausbilden können.

Zum Vergleich: Die höchsten Weinberge Deutschlands liegen auf der Schwäbischen Alb und in der Bodenseeregion am Hohentwiel auf rund 550 Metern Meereshöhe. In Spanien geht es aber noch viel höher als im Rioja.

Atauta Tal in Ribera del Duero
Eine der einsamsten und kühlsten Ecken Spaniens ist die Provinz Soria im Weingebiet Ribera del Duero. Im Hochplateau des Atauta-Tals wächst Wein auf einer Höhe von bis zu 1.100 Metern (Foto: Pablo Neustadt / © ICEX).

Weite Teile Zentralspaniens liegen auf einem Hochplateau
Nördlich und nordwestlich von Madrid erstrecken sich auf einer Hochebene in der Region Kastilien-Leon gleich mehrere bedeutende Appellationen wie Bierzo, Tierra de León, Ribera del Duero, Toro oder Rueda. Auf Höhen zwischen 600 und 1.100 Metern profitieren heimische Rebsorten wie Mencia, Godello, Prieto Picudo, Verdejo und natürlich Tempranillo von den Temperaturschwankungen zwischen Tag und Nacht. Diese klimatische Situation stellt die Basis für international preisgekrönte Weine wie beispielsweise jene von Dominio de Pingus (Lagen in bis zu 840 m. ü. NHN) oder Emilio Moro (bis 1.000 m. ü. NHN).

Begibt man sich südlich von Madrid nach Kastlien-La Mancha und weiter südöstlich nach Murcia, so finden sich ähnliche, teilweise noch extremere Wetterbedingungen. Anbaugebiete wie La Mancha, Valdepeñas, Manchuela oder Jumilla erstrecken sich über endlos anmutende, staubtrockene Weiten auf bis zu 1.000 Metern Höhe. Rund 2.800 Sonnenstunden pro Jahr und im Sommer Tagestemperaturen von bis zu 45 Grad im Schatten gibt es hier. Steigt man im August aus dem Auto, fühlt es sich an als blase einem heiße Luft aus einem Fön ins Gesicht. Nachts kann es hingegen empfindlich abkühlen, im Herbst und Winter sogar schneien. Für autochthone Reben wie Tempranillo und Monastrell sind diese Temperaturunterschiede zur Bildung von Frucht, Gerbstoffen und Säure ideal.

Hochlage in Jumilla
Auch das Weingebiet Jumilla in der autonomen Region Murcia befindet sich auf einer Hochebene, in der die Tage heiß und die Nächte mitunter kalt sind (Foto: Fernando Briones / © ICEX).

In den andalusischen Bergen zieht der Tau vom Mittelmeer hoch
Im Gegensatz zu den vom kontinentalen Klima dominierten Regionen Kastilien-Leon, Kastilien-La Mancha und Murcia ist Andalusien von einem mediterranen Klima geprägt. Da wir von Hochlagen sprechen, sind hier insbesondere die Provinzen Málaga und Granada zu nennen.

In den Anbaugebieten Málaga und Sierras de Málaga gedeiht rund um das wunderhübsche Städtchen Ronda sowie in der landschaftlich nicht minder reizvollen Axarquia auf einer Höhe von bis zu 850 Metern unter anderem die Moscatel-Traube, aus der einige der sogenannten Málaga-Süßweine mit einer herrlichen Süß-Säure-Balance entstehen. Weinmacher wie Telmo Rodríguez oder die Bodegas Bentomiz sind hier mit an erster Stelle aufzuführen. Wohlgemerkt, wir befinden uns im Hinterland des Mittelmeers, auf dem Breitengrad von nordafrikanischen Städten wie Tunis und Algier.

Weinberg von Barranco Oscuro
Ein Weinberg von Barranco Oscuro in der andalusischen Sierra de la Contraviesa. Das Weingut kultiviert Reben in biologischem Anbau auf bis zu 1.300 Metern Meereshöhe (Foto: Fernando Madariaga / © ICEX).

Am höchsten geht es in der Provinz Granada und deren Ausläufern der Sierra Nevada hinauf. Ich wohne hier auf etwa 1.000 Metern Höhe in der Alpujarra, zwanzig Kilometer Luftlinie vom Mittelmeer entfernt. Selbst im Sommer frischt es bei Nacht auf. Nochmals eine Bergkette näher in Richtung Mittelmeer liegt die Sierra de la Contraviesa, wo das Weingut Barranco Oscuro Sorten wie Tempranillo, Moscatel und Garnacha auf bis zu 1.350 Metern in biologischem Anbau kultiviert. Eine Autostunde davon entfernt, erntet Horacio Calvente in der Sierra de Los Guájares auf bis zu 1.400 Höhenmetern sein Lesegut, aus dem sein sogenannter Bergwein aus 120 Jahre alten Moscatel-Rebstöcken hervorgeht. Ein separater Artikel zum Mountain Wine der Bodegas H. Calvente existiert schon auf diesem Blog.

Die Besonderheit dieser andalusischen Hochlagen ist die Nähe des Meeres. Da es selten regnet, erhält die Rebe ihre Feuchtigkeit durch den Morgennebel, der die Südhänge der genannten Sierras heraufzieht und als Tau niedergeht. Dieser Reif dient einerseits zur Wasserversorgung während der heißen Monate, andererseits kühlt er die Weinberge insgesamt ab und lässt sie zur Ruhe kommen. So lassen sich selbst im südlichsten Zipfel unseres Kontinents frische und elegante Weine herstellen.

Bodegas H. Calvente, Weinernte in den Bergen Andalusiens
Die Bodegas H. Calvente erntet im südlichen Andalusien auf einer Höhe von 700 bis 1.400 Metern (Foto: © Bodegas H. Calvente / Global Image Project S.L.).

Mein Weintipp zur Hochlage
Eine Trinkempfehlung möchte ich abschließend geben, weil sich der Name des Weins direkt auf seine Hochlage bezieht und er außerdem sehr gut schmeckt. Der Wein heißt „912 de altitud“, also auf deutsch „912 Höhenmeter“. Ich genoss diesen Tropfen im Sommer, als ich mit Freunden in einem feudalen Anwesen an der Costa Tropical zum Abendessen war. Wir erlebten gerade eine Hitzewelle. Das heißt, zum Dinner gegen 21 Uhr herrschten Temperaturen von weit über dreißig Grad und eine extrem hohe Luftfeuchtigkeit. Der Maître empfahl uns als Essensbegleiter nicht etwa einen Rosado oder Weißwein, sondern eben jenen Rotwein aus dem Ribera del Duero. Er servierte diesen sortenreinen Tempranillo kalt, um die 12 Grad. Im Glas tranken wir ihn kühl bei geschätzt 14 Grad, und dieser Wein zeigte dabei eine wunderbare Leichtigkeit, Säure und Frische. Wie gesagt, die Hochlage macht’s.

Hier die Angaben zum Wein:
Bodegas Veganzones | 912 de altitud | Tierra Arcillosa | Tempranillo | DO Ribera del Duero | ca. 7 Euro

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2 Kommentare

  1. Hallo Thomas Götz, schön in Ihren spanischen Weinwelten zu lesen. Mich würde noch interessieren in welchem feudalen Anwesen an der Costa Tropical Sie da waren. Frohes 2017 und schönen Gruß!

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