Großartige Weine mit grässlichen Etiketten

Es ist eine Binsenweisheit, dass das Äußere nicht immer Aufschluss über das Innere gibt. Das trifft auf den Menschen genauso wie den Wein zu. So mancher kreativ und hübsch ummantelte Tropfen entpuppt sich beim Trinken als belangloser Allerweltswein. Es geht aber auch anders herum: Hinter einer scheußlichen Hülle verbirgt sich hin und wieder ein ausgezeichneter Wein. Ich frage mich dann stets, warum einige Winzer und Weingüter – die derart viel Zeit, Arbeit und Hingabe in die Qualität ihres Weins stecken – offenbar völlig ignorant und fahrlässig bei der Gestaltung ihren Flaschenetiketten vorgehen.

In den vergangenen Monaten habe ich zielgerichtet spanische Weine mit unansehnlichen Etiketten verkostet. Ein paar schmeckten wie sie aussahen. Die meisten waren gut, aber nicht derart speziell, dass ich sie als großartig ausweisen würde. Nun bin ich endlich soweit jene Weine zu küren, bei denen die Kluft zwischen hervorragendem Geschmack und mieser Verpackung besonders eklatant ist. Hier sind meine Top-3 der großartigen spanischen Weine mit grässlichen Etiketten.

Platz 3: Bodegas Borsao, Crianza Selección 2013

Der Wein: Die Winzergenossenschaft Borsao im aragonesischen Anbaugebiet Campo de Borja versteht es ausgezeichnete Tropfen – vornehmlich aus der Garnacha-Rebe – zu keltern. Auch dieser Verschnitt aus 75% Garnacha, 20% Syrah und 5% Mazuelo (Carinena) mit seinem Duft nach reifen Beeren gehört in diese Kategorie: Er kombiniert Kraft und Weichheit, Dichte und Eleganz. Ein samtiger Allrounder, den man zu kräftigen Fleischgerichten ebenso trinken kann wie zu Tortilla oder Gemüsesuppen und ihn dabei stets passend und schmackhaft findet. Mit 15% Vol. ist er zwar ein Schwergewicht, jedoch keinesfalls plump und behäbig, sondern fühlt sich frisch und leicht am Gaumen an.

Borsao, Crianza Selección
Öde pur. Niemand hat die Absicht eine … Qualität zu kommunizieren.

Das Etikett: Dieses Label ist schrecklich unkreativ und einfallslos. Man hat das Gefühl die Wörter wurden ohne Nachzudenken auf das Etikett geklatscht. Dienst nach Vorschrift würde ich dem Designer attestieren, eine reine Pflichterfüllung. Als modernen Minimalismus kann man den Entwurf auch nicht durchgehen lassen – dazu ist der Schrifttyp mit den Serifen viel zu traditionell und es gibt zu viele Schriftgrößen und -farben. Einem einfachen Supermarktwein für 1,99 Euro könnte man eine derartige Uninspiriertheit verzeihen. Allerdings keinem Qualitätswein für 8,90 Euro, der bei einem angesehenen Wettbewerb, in dem die besten Garnachas der Welt gekürt werden, eine Goldmedaille erhält. Dazu kommt eine funktionale Störung: Die winzige schwarze Schrift auf dunkelrotem Hintergrund lässt selbst mein rechtes Adlerauge (Sehstärke laut Augenarzt: 130 Prozent) schwach aussehen. Ein klarer Fall von innen hui und außen pfui!


Platz 2: Garcia de Verdevique – Tinto Crianza 2010

Der Wein: Ein klasse Naturwein aus einer der höchsten Weinlagen Europas. Vater und Sohn Antonio Garcia ernten die Tempranillo-Reben in der andalusischen Sierra de la Contraviesa auf 1.150 bis 1.400 Metern Meereshöhe. Neben der Hochlage sind es biologischer Anbau, eine Gärung mittels Naturhefen sowie der Verzicht auf Filtrierung, die den Wein speziell machen: Er schmeckt vollmundig und opulent, ist beerig und prima ausbalanciert, was Tannin, Säure und Frucht angeht. Seine Finesse und Komplexität ist auch dem weltbekannten Gourmetrestaurant Noma in Kopenhagen nicht entgangen. Es kredenzt den 2006er Jahrgang. Neben Noma steht auch meine spanische Familie auf diesen Wein. Wir trinken ihn häufig, er ist in den Geschäften der Alpujarra für günstige sechs Euro zu haben, im mitteleuropäischen Fachhandel kostet die Flasche schnell mal das Doppelte.

Garcia de Verdevique, Crianza 2010
Achtung: kein Heavy Metal, sondern Naturwein.

Das Etikett: Dunkel und düster präsentiert sich dieser Wein. Das Motiv mit den grellen schwarz-rot Kontrasten könnte jedem Death-Metal-Album gut zu Gesicht stehen – es hat etwas Diabolisches. Aber warum Slayer und nicht Led Zeppelin? Die Weinberge liegen in einer traumhaft schönen und abgeschiedenen Bergregion, und das Land wird aufgrund seiner Steilheit mit Pferden umgepflügt. Dazu kommen biologische Landwirtschaft und eine natürliche Weinbereitung. Mehr Romantik geht eigentlich kaum! Wieso kommt all diese Schönheit und Natürlichkeit nicht zum Vorschein? Dieses Label lässt mich ratlos zurück.


Platz 1: Bodegas Castro Ventosa, Mencia Vintage 2012

Der Wein: Violettrot schimmert diese reinsortige Mencia aus dem Bierzo im Glas. Von Starwinzer Raul Pérez vinifiziert, offenbart dieser tiefgründige Wein eine satte und intensive Frucht. Unterlegt mit vegetabilen und animalischen Aromen wie gekochter Kohl und Trüffel entfaltet sich seine Komplexität auch am Gaumen: Saftig und fleischig präsentiert sich der Wein im Mund, gesunde Tannine und feine Säure machen ihn lebendig und temperamentvoll. Der Abgang ist lang und nachhaltig und lässt die 11,50 Euro, die ich bezahlt habe, fast schon günstig erscheinen und mich für einen Moment glücklich sein – wenn da nicht dieses Etikett wäre.

Castro Ventosa Vintage
Zu allem Überfluss wurde auch noch das Etikett falsch aufgeklebt.

Das Etikett: Hierbei handelt es sich um ein Prachtexemplar an Scheußlichkeit und Dilettantismus. Das Label ist überladen mit reingequetschten Informationen und sogar falsch aufgeklebt, so dass ein Teil des Textes verdeckt ist. Grässliche Pinkfarben, dazu die goldene Schrift auf pinkfarbenem Hintergrund und ein altertümlicher Schrifttyp beim Fließtext vervollständigen die Liste ästhetischer Verfehlungen, Designverbrechen und Inkonsequenz. Modern, traditionell, klassisch? Dieses Etikett hat von allem etwas und von allem nichts. Es weiß nicht, was es sein soll, es ist im wahrsten Sinne des Wortes „charakterlos“ und somit das krasse Gegenteil von seinem Wein. Fazit: Servieren Sie Gästen diesen schönen Wein am besten in der Karaffe und verstecken Sie die Flasche!


Nur in Bezug auf die Etiketten: Das Kabinett des Schreckens
Nur in Bezug auf die Etiketten: Das Kabinett des Schreckens.

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