Bodegas Ysios – Schein und Wein

Spaniens Vorzeigeregion Rioja wartet nicht nur mit bekannten Weinen, sondern auch einer imposanten Weinarchitektur auf. Seit den 1990er Jahren durften sich berühmte Architekten wie Zaha Hadid, Philippe Mazières oder Frank Gehry in diversen Projekten austoben und repräsentative Kellereien und Räume errichten, die für alle sichtbar dokumentieren, dass das Anbaugebiet Rioja in der Weltliga des Weins angekommen ist.

Ysios Weinkellerei, Rioja, Detailaufnahme
Bodegas Ysios in Rioja Alavesa (Foto: Dpto. Multimedia / © ICEX)

Ein prominentes Beispiel dieser insgesamt postmodern und futuristisch geprägten neuen Weinarchitektur des Riojas ist der Entwurf von Santiago Calatrava für Bodegas Ysios. Von 1998 bis 2001 erbaut, wird das architektonische Wahrzeichen in der Presse gemeinhin als „Kathedrale des Weins“ oder „modernes Gotteshaus“ bezeichnet, was auf seine Form zurückzuführen ist, die Calatrava der Silhouette des Kantabrischen Gebirges, an das die Bodega mit ihren 65 Hektar Rebland heranreicht, nachempfunden haben will.

Imponierende Gebäude wie dieses haben den Weintourismus im Anbaugebiet Rioja in den vergangenen zwei Jahrzehnten deutlich angekurbelt. Gleich drei sogenannte Weinstraßen (Ruta del Vino) führen durch das 61.000 Hektar große nordspanische Anbaugebiet. Luxus-Hotels, Top-Restaurants und architektonisch spektakuläre Kellereien wie zum Beispiel jene von Bodegas Baigorri, Bodegas CVNE oder eben Ysios erwarten die Reisenden.

Ysios Kellerei, Rioja, Gesamtaufnahme
An den Ausläufern des Kantabrischen Gebirges gelegen (Foto: Dpto. Multimedia / © ICEX)

Der einzigartige Ysios-Bau geht einher mit einem distinguierten Selbstverständnis des Weinguts. Sucht man auf Google nach der offiziellen Webseite, so landet man nicht etwa bei Bodegas (deutsch: Weingut bzw. Kellerei) Ysios, sondern beim „Club Ysios“. Betritt man die Seite jenes Club Ysios, dann kann man darauf nicht einfach mal ein paar Weine online bestellen, nein!, man muss dafür zuerst einem Club beitreten, dessen Mitgliedern Exklusivität und Privilegien wie der Zugang zu gesonderten Clubräumen in der Kellerei versprochen werden. Die Mitgliedschaft, von der es vier Arten gibt (Classic, Gold, etc.), ist gekoppelt an eine bestimmte Weinabnahme. Die Eintrittskarte in den Club gibt es beginnend bei der Order von sechzig Flaschen (Classic); die dreihundert Flaschen der „Private Collection“ mit personalisierten Etiketten stellen dann nochmals eine gehobenere Zugehörigkeit dar.

Ysios Kellerei. Innen.
Rund 2.500 Barriquefässer beherbergt die Kellerei (Foto: Blanca Berlín / © ICEX)

Ich habe meinen Wein ganz schnöde in einem spanischen Supermarkt gekauft. Auch keine sechzig Flaschen, sondern nur einen Roten: die Reserva 2008, ein sortenreiner Tempranillo, der zu fünfzig Prozent in neuen Barriques aus französischer Eiche sowie des Weiteren in belegten Fässern aus amerikanischer und ungarischer Eiche ausgebaut wird. Die dreißig Jahre alten Reben wachsen auf rund sechshundert Höhenmetern am Fuße des Kantabrischen Gebirges in einem atlantisch-kontinentalen Klima – gekennzeichnet durch regenreiche kalte Winter (auch Schnee ist keine Seltenheit) und trockene heiße Sommer. Die kalkhaltigen Lagen sind typisch für das Rioja Alavesa, dem baskischen Teil des Weingebiets. In den Kalkböden enthaltenes Kalziumcarbonat gilt als einer der wichtigsten Bodenbestandteile für die Weinqualität, seine Alkalinität begünstigt unter anderem die Versorgung der Rebe mit mineralischen Nährstoffen. Ferner zeichnen sich Kalkböden als gute Wasserspeicher aus, was in heißen Sommern mit langen Trockenphasen kein Nachteil ist.

Offensichtlich gibt es Leute, die das anders sehen, aber auf mich wirkt das elitäre Gehabe mit dem Club für ein einzelnes Weingut eher zweifelhaft. Solche Clubs gibt es freilich viele, nicht nur beim Wein: Ich war einst in Berlin selbst Mitglied solcher „elitärer“ Zirkel, beispielsweise ein Club im Auswärtigen Amt, und ich fühlte mich gebauchpinselt, weil ich zu etwas Zugang hatte, den andere nicht hatten, aber irgendwie ist es auch lächerlich. Wir haben es hier nicht mit organisch gewachsenen Milieus zu tun, sondern mit künstlichen Szenen (den Zugang gibt es über Geld), die das Ego von Wohlhabenden bedienen. „Einbildung ist auch eine Bildung“, pflegte mein Vater früher ironisch zu sagen. Bei meinen Recherchen für diesen Beitrag konnte ich leider nicht herausfinden, von wem und wann erstmals eine Clubmitgliedschaft für ein einzelnes Weingut in ähnlicher Form angeboten wurde. Falls es jemand von Ihnen – liebe Leser und Leserinnen – weiß, wäre ich für einen Hinweis sehr dankbar, denn ich selbst habe keine Ahnung wie alt dieses Phänomen ist.

Ysios Reserva 2008
Reserva 2008, 100% Tempranillo

Angesichts der von Ysios praktizierten Exklusivität würde es mich nur allzu sehr freuen, wenn ich an den Weinen etwas aussetzen könnte. So in etwa nach dem Motto „mehr Schein als Sein“ oder „der Inhalt hält nicht, was die Verpackung verspricht“. Dem ist aber leider nicht so. Bei der Reserva 2008 haben wir es mit einem überaus saftigen, vortrefflich ausbalancierten Rotwein zu tun. Die Frucht zeigt sich klar und sauber in der Nase und ist straff im Mund. Gerbstoffe und Säure sind fein eingebunden im Abgang. Es handelt sich für meinen Geschmack um einen rundum gelungenen Wein, der auch am dritten Tag und nach reichlich Luftkontakt nichts von seiner animierenden Frische und Finesse verliert. Der Tropfen hält einigermaßen, was die Architektur verspricht. Falls wer Mitglied werden will: www.clubysios.com

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