Viñedos Verticales – die Gipfelstürmer

Begibt man sich in der Provinz Málaga in die Weinberge, dann kommt man sich zuweilen wie ein Gipfelstürmer vor. Gerade waren wir in der Axarquia mit dem Weinmacher Vicente Inat unterwegs, und er hat uns dabei einige Parzellen seines großartigen Projekts Viñedos Verticales gezeigt.

Mit Familie und Vicente Inat von Vinedos Verticales in der Axarquia
Mit der Familie und Vicente Inat in der Axarquia …

Der Name heißt ins Deutsche übersetzt „Vertikale Weinberge“, was durchaus wörtlich zu verstehen ist, denn einige Weinlagen in der Axarquia haben ein Gefälle von über 70 Prozent. Allein wegen dieses steilen Geländes können die Rebgärten nicht mit Maschinen bearbeitet werden. Alle Tätigkeiten im Weinberg werden vielmehr unter mühsamen Bedingungen von Hand erledigt. Unter anderem deshalb sind die Weinmacher der Axarquia für mich so etwas wie die Helden ihres Fachs. 

Viñedos Verticales zählen wiederum zu den besten ihres Fachs. Für Vicente Inat, der zudem als Önologe für zwei Weingüter in der Serrania de Ronda tätig ist, handelt es sich um ein „sehr persönliches Projekt“, wie er sagt. Mit Juan Muñoz von Bodegas Dimobe hat er den passenden Partner gefunden, um seine Ideen und Vorstellungen von Wein eins zu eins umzusetzen.

Seit nunmehr 2015 erzeugen die beiden Weinmacher charaktervolle Gewächse aus den autochthonen Sorten Romé, Moscatel, Doradilla und PX. Es sind Weine, die sich in der Stilistik durch Frische, Persönlichkeit und Eleganz auszeichnen.

Unterwegs mit Vicente Inat von Vinedos Verticales
… auf holprigen Schotterwegen …

Viñedos Verticales – frische Weine aus Hochlagen am Mittelmeer

Mit Jeeps ging es für mich und Familie vergangene Woche mit Vicente und Andres, dem Sohn von Juan Muñoz, in die Berge der Axarquia. Auf Schotterstraßen über die spitzen Bergkämme zu fahren, mutet fast abenteuerlich an. Ebenso fasziniert mich die Weite und Freiheit dieser mediterranen Bergwelt stets aufs Neue.

Ein wichtiger Faktor im Weinbau in der Axarquia sind die Höhenlagen. Obwohl nur wenige Kilometer von der Costa del Sol entfernt, befinden sich einige Parzellen auf fast 1000 m Höhe. Diese Höhenlagen sind einer der Gründe, weshalb die Weine von Viñedos Verticales so frisch daherkommen: Denn Höhenlagen bedeuten kühle Nächte. In solch kühlen Nächten können die Trauben bzw. deren Beeren ihre Säure besser herausbilden und konservieren. Und Beeren mit guten Säurewerten ergeben wiederum gut strukturierte und frische Weine.

Berg-Wein-Welt in der Axarquia
… eine faszinierende Wein-Berg-Welt am Mittelmeer entdecken.

Einer jener frischen Weißweine ist La Raspa 2018. La Raspa bedeutet „die Fischgräte“. Vielleicht heißt der Wein so, weil er in seiner salzig-mineralischen Art sich hervorragend als Begleiter zu Fisch eignet und am Ende nur die Gräten übrig bleiben. Ich weiß es nicht. Mit fabelhaften 6,2 g/l Säure schmeckt dieser Weißwein jedenfalls enorm saftig und trinkanimierend. Für Frucht sorgt die Rebe Moscatel de Alejandria (80%); den Körper bringt die seltene Sorte Doradilla (20%) mit sich. Klasse!

Cool Climate aus Andalusien

Auf unserer Tour besuchen wir zuerst eine Romé-Parzelle. Jene Romé ist eine autochthone Rotweinsorte der Provinz Málaga. Laut Auskunft des Kontrollrats der D.O. Málaga y Sierras de Málaga wird sie derzeit auf weniger als fünf Hektar kultiviert. 

Früher wurde die Romé in der Axarquia einzig als Verschnittrebe eingesetzt, um den Mosten mehr Farbe zu verleihen. Heute keltern Viñedos Verticales aus der raren Rebe den sortenreinen Rotwein El Camaleón. Dessen Vergärung und Ausbau finden im 2000-Liter-Eichenfuder statt. Die Jahrgänge 2017 und vor allem 2018 sind enorm saftig sowie mit feiner roter Frucht, lebhafter Säure und elegantem Tannin ausgestattet. 

Vicente Inat von Vinedos Verticales zwischen Romé-Reben
Vicente Inat zwischen selten angebauten Romé-Reben

2018 war für andalusische Verhältnisse ein kühles und regenreiches Jahr. Der El Camaleón dieses Jahrgangs enthält auch deshalb für einen mediterranen Rotwein relativ geringe 12,5% Alkoholgehalt und mutet in seiner Aromatik atlantisch kühl an. Wir haben es quasi mit einem Cool-Climate-Wein vom Mittelmeer zu tun. Das ist hochfein und sehr spannend.

Der Weinname El Camaleón – das Chamäleon – hat mit der Romé selbst zu tun. Vicente Inat zeigt uns Trauben, deren Beeren ganz unterschiedliche Reifegrade und Farben besitzen. An ein und derselben Traube sind sie mal gelbgrün, mal pink, mal dunkelrot. Darüber hinaus kommen Chamäleons in der Axarquia zahlreich vor.

Allgemein sind die Beeren der Romé dicht und fest aneinander gepresst. Das macht die Trauben anfälliger für Pilzbefall. Zugute kommt hierbei das trockene Klima der Axarquia und eine stetige Brise vom Mittelmeer, welche Schimmelpilze verhindern. Folglich ist die Romé eine klassische mediterrane Rebe. In einem kühleren und feuchten Klima könnte sie keine gesunden Trauben entwickeln.

Romé-Traube mit ganz unterschiedlich gefärbten Beeren
Romé-Traube mit ganz unterschiedlich gefärbten Beeren

Auf Schiefer gewachsen – ein trockener Moscatel aus dem Brandyfuder

Das Gelände der Axarquia ist nicht nur steil, sondern auch steinig. Genauer gesagt sind es arme Schieferböden, die für mineralische Moste sorgen. Vicente Inat fährt uns zu einem Weinberg mit Meeresblick. Die Parzelle ist mit Moscatel de Alejandría bestockt und wird von einem 87-jährigen Weinbauern bestellt, von dem Viñedos Verticales die Trauben zur Weinerzeugung erhalten. 

Was wir hier zu sehen bekommen, ist ein „Boden ohne Boden“. Damit meine ich, dass es diesem Schieferboden an einer fruchtbaren oberen Schicht fehlt. Die Reben wachsen quasi auf Stein und in Stein hinein. Für mich grenzt es an ein Wunder, wie Pflanzen auf einem derart harten Untergrund, in einem derart trockenen Klima und ohne Bewässerung gedeihen können. Weinreben sind echte Überlebenskünstler.

Moscatel-Reben auf Schieferböden
Moscatel-Reben auf Schieferböden (Phylittschiefer, span.: filitas)

Aus dem Lesegut und aus jenem von zwei weiteren Parzellen wird der imposante Weißwein Filitas y Lutitas gewonnen. Er besteht zu 90% aus Moscatel und zu 10% aus Pedro Ximénez. Wie die zuvor genannten Weine von Viñedos Verticales enthält er weniger als ein Gramm Restzucker.

Das Besondere ist der oxidative Ausbau des Weins in einem über 100 Jahre alten, 3300 Liter fassenden Holzfuder, in dem früher Brandy reifte. Solche alten Holzfässer sind die traditionellen Behältnisse der Weinbereitung in Andalusien, sagt Vicente Inat. Warum also nicht einen Moscatel-Most darin vergären und für zehn Monate auf der Feinhefe liegen lassen?

Bei der Rebsorte Moscatel ist eigentlich ein Bukett aus tropischer Frucht und blumigen Noten typisch. Am Gaumen sind die Weine tendenziell eher kurz. Genau umgekehrt verhält es sich bei diesem Weißwein: Die 10% PX-Anteil sowie der oxidative Ausbau „erden“ das Gewächs. Der Filitas y Lutitas – sowohl Jahrgang 2016 als auch 2017 – ist weniger intensiv im Duft. Dafür hat er viel Körper, Struktur, Komplexität, Länge und einen mehr (2016) oder weniger (2017) ausgeprägten Fino-Sherryton. Ein Top-Wein abseits der üblichen Geschmacksmuster.

Filitas y Lutitas 2016, Vinedos Verticales
Filitas y Lutitas 2016. Außergewöhnlicher Weißwein aus dem Brandyfuder

Ein natürlicher Süßwein aus in der Sonne getrockneten Trauben

Andalusien. Das Land des Lichts und der Sonne. Für Süßweine und ebenso zur Erzeugung von Rosinen werden in der Axarquia seit Generationen die Trauben vollreif geerntet und zum Trocknen in der Sonne ausgelegt. Die Beeren verlieren dabei an Flüssigkeit, und gleichzeitig erhöht sich die Konzentration an Zucker.

Wie dieses „asoleo“ genannte Verfahren genau funktioniert und warum das so gemacht wird, habe ich einmal in diesem Artikel ausführlich beschrieben.

Asoleo bei Vinos Jarel
Asoleo in der Axarquia. Abends werden die Traubenteppiche mit Planen überdeckt.

Wie es sich für Málaga gehört, keltern auch Viñedos Verticales einen Süßwein aus in der Sonne getrockneten Trauben. Das Lesegut hierfür kommt von über 100 Jahre alten Rebstöcken der Sorte Moscatel de Alejandría.

Der Noctiluca 2018 ist ein natürlicher Süßwein mit nur 10% Alkoholgehalt. Natürlicher Süßwein (spanisch: Naturalmente Dulce) bedeutet, dass er nicht mit Weingeist angereichert ist, wie zum Beispiel die Sherrys oder die traditionellen Vinos de Málaga. Um den natürlichen Fruchtzucker im Wein zu erhalten, wird die Gärung stattdessen durch Kältezufuhr gestoppt. Bis auf minus zwei Grad kühlt der Most herunter. Gärhefen hören bei diesen Temperaturen auf zu arbeiten. Das würde ich ebenfalls tun. Im Noctiluca bleiben so etwa 180 Gramm Restzucker erhalten.

Jener Süßwein duftet nach reifer Birne und Rosinen. Er fühlt sich wieder sehr frisch an (7,2 g/l Säure) und umschmeichelt den Gaumen mit einer weichen, cremigen Textur. Wie bei allen anderen Weinen von Viñedos Verticales findet die Weinbereitung in der Kellerei von Bodegas Dimobe im Ort Moclinejo statt.

In der Dimobe-Weinkellerei in Moclinejo
In der Dimobe-Weinkellerei in Moclinejo

In eben dieser Kellerei beschließen wir unsere Tour. Mit Vicente, Juan Muñoz und seinem Sohn Andres probieren wir einige Moste des gerade geernteten 2019er-Jahrgangs, darunter auch einen sortenreinen Garnacha. Dieser neue Rotwein ist bald Teil der Weinlinie von Viñedos Verticales und wir dürfen wahrlich gespannt sein.

Viñedos Verticales und ein ganz eigenes Terroir

Die Axarquia bietet Hochlagen am Mittelmeer, Schieferböden, autochthone Rebsorten und eine spezifische Weingeschichte und -kultur. Die Region stellt somit ein „Terroir“ im besten Sinne des Wortes dar. Es handelt sich um ein unverwechselbares und einzigartiges Weingebiet.

Die Weine von Viñedos Verticales, von Vicente Inat und Juan Muñoz, erzählen von diesem Terroir und bringen es bemerkenswert zum Ausdruck.


Link zum Weingut: www.vverticales.es

Weinlinie von Vinedos Verticales

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