Die Korkeichenwälder der iberischen Halbinsel

Vor etwa sieben Jahren nahm ich in Berlin in einem Kreis überwiegend hochrangiger Diplomaten an einer Degustation deutscher Weine teil. Ich erinnere mich noch gut, wie plötzlich eine Diskussion entflammte, denn zwei der anwesenden Winzer hatten es tatsächlich gewagt Flaschenweine mit Drehverschluss zu präsentieren. Geht gar nicht, so das Credo von ein paar Anwesenden.

Der Aufstieg des Schraubverschlusses in den 1990er-Jahren hatte damit zu tun, dass zu dieser Zeit eine nicht unbeträchtliche Menge verkorkter Flaschen einen Weinfehler aufwiesen. Schlecht verarbeiteter Naturkork kann TCA abgeben, ein chlorhaltiger Kohlenwasserstoff, der den Wein muffig-moderig erscheinen lässt. Viele deutsche Winzer stiegen deshalb auf Drehverschlüsse um, und die darauf folgenden Auseinandersetzungen um Korken vs. Schraubverschluss wurden eine Zeit lang ähnlich emotional und unversöhnlich geführt, wie sie heute in der Weinwelt um das Thema Naturwein kreisen.

Entkorken der Weinflasche
Das Entkorken der Flasche ist für manche Connaisseure bis heute ein unverzichtbares Weinritual (Foto: © APCOR / DKV).

Im traditionsbewussten Spanien gab und gibt es keine Diskussion um den Naturkorken. Drehverschluss? Bei Rotweinen absolut undenkbar und maximal bei Weißweinen im niedrigeren Preissegment möglich. Denn spanische Weinkonsumenten verbinden mit einem Schraubverschluss geringe Qualität. Das ist natürlich Quatsch, aber so ist es nun einmal. Ein Korken muss sein!

Korkeichenwälder: einzigartige Kulturlandschaft auf der iberischen Halbinsel
Kork ist allerdings auch ein faszinierendes Naturprodukt, das aus der Rinde von Korkeichen gewonnen wird. Der Rohstoff stellt auf der iberischen Halbinsel einen nicht unbedeutenden Industriezweig mit über 40.000 Arbeitsplätzen dar und hält darüber hinaus eine jahrhundertealte Natur- und Kulturlandschaft am Leben.

Dehesa, Korkeichenwald in der Extremadura
Weitläufige Korkeichen-Waldlandschaft, hier in der spanischen Extremadura (Foto: Matías Costa / © ICEX).

Dehesa heißen in Spanien die Korkeichenwälder, die sich in den Regionen Andalusien und Extremadura auf einer Fläche von über 500.000 Hektar erstrecken. Diese abwechselnd luftig und dicht bewachsenen Waldlandschaften liefern dreißig Prozent des weltweit genutzten Korks. Das benachbarte Portugal besitzt sogar noch mehr solcher Waldflächen (dort werden sie „Montado“ genannt) und kommt auf einen Weltmarktanteil von über fünfzig Prozent. Somit stammen mehr als achtzig Prozent des weltweit geernteten und verarbeiteten Korks von der iberischen Halbinsel.

Ibérico-Schweine durchziehen die Dehesa
Halbwild lebende Ibérico-Schweine durchziehen die Korkeichenwälder und ernähren sich von Eicheln. Von den Tieren kommt der weltbekannte Ibérico-Schinken (Foto: Matías Costa / © ICEX).

Die Korkeichenwälder Spaniens und Portugals sind jedoch nicht nur Rohstofflieferanten. Sie dienen unter anderem als Weideland für die halbwild gehaltenen Ibérico-Schweine und stellen zudem wichtige Lebensräume für bedrohte Tier- und Vogelarten wie beispielsweise den Iberischen Luchs, den Spanischen Kaiseradler und den Mönchsgeier dar. Zahlreiche Zugvögel, wie etwa 60.000 Kraniche, überwintern allein in der spanischen Dehesa. Ferner beheimaten die Wälder tausende endemischer Pflanzenspezies – Farne, Heidekräuter, Pilze. Und selbst in der Reisebranche gelten die äußerst artenreichen Ökosysteme als zunehmend attraktive Destination für sanften Tourismus und naturnahen Urlaub.

Kraniche in einem Korkeichenwald
Kraniche überwintern gerne in den artenreichen Korkeichenwäldern (Foto: © APCOR / DKV).

Korkgewinnung: Alle neun Jahre kann eine Korkeiche geschält werden
Die Korkeiche ist der einzige Baum, den man schälen kann, ohne dass er Schaden nimmt. Ehe es soweit ist, muss er mindestens zwanzig Jahre wachsen, um eine Höhe von 1,50 Metern und einen Mindestdurchmesser von siebzig Zentimetern zu erreichen. Im Folgenden kann die nachwachsende Rinde regelmäßig alle neun Jahre und bis zu einem Alter von etwa 150 Jahren frisch abgezogen werden. Je nach Alter des Baums liegt der Ertrag bei zwanzig bis sechzig Kilo Kork pro Schälung.

Korkeichen können nicht maschinell beerntet werden. Man benötigt dazu zwei spezialisierte Arbeiter, von denen einer fachkundig die Schnitte setzt und der andere die Schale von den Stämmen löst. Zurück bleibt ein nackter Baum, der auf’s Neue beginnt eine Rinde zu bilden. Erst ab der dritten Schälung – also etwa im Alter von vierzig Jahren – besitzt der Kork jedoch die Qualität, die zur Herstellung von Flaschenkorken erforderlich ist. Die Hälfte des weltweit vorrätigen Korks wird zu Korken verarbeitet. Die andere Hälfte wird bspw. in der Bauindustrie zu Isolierungszwecken und für Bodenbeläge oder in der Modebranche bei der Herstellung von Schuhen und Taschen verwendet.

Ernte der Korkrinde
In der Regel zwei Arbeiter entfernen die Rinde einer Korkeiche (Foto: © APCOR / DKV).

Korkenproduktion: ein Herstellungsprozess über viele Monate
Ist die Rinde „geerntet“, beginnt der Herstellungsprozess: Zuerst wird sie sechs bis 24 Monate unter freiem Himmel gelagert. Dies dient dem Zweck das Material bei gleichzeitig guter Luftzirkulation zu trocknen. Danach wird die Korkrinde gedämpft und auf Edelstahlpaletten abgelegt. Die Korkschalen verlieren in diesem Bearbeitungsschritt ihre Wölbung und werden zu Platten. Nach weiteren Monaten der Lagerzeit wird der Kork zur Desinfektion in heißem Wasser für etwa eine Stunde gekocht. Dämpfen und Kochen gewährleisten zugleich eine höhere Elastizität – ein nicht unwichtiges Kriterium für das spätere Endprodukt.

Korkrinden beim Lagern
Korkrinden lagern vor der Weiterverarbeitung für mindestens sechs Monate im Freien (Foto: © APCOR / DKV).

Nach der dem Kochen folgenden Trocknungsphase von etwa drei Wochen wird der Kork von erfahrenen Arbeitern in Bezug auf seine Qualitätsstufen sortiert. C-Ware geht an die Bauindustrie für Fußböden und zur Dämmung. Das beste Material wird für Korken verwendet. Die Platten werden im weiteren Herstellungsprozess in passgerechte Teile zugeschnitten, aus denen nun das Objekt der Begierde gestanzt wird. Allein Spanien produziert auf diese Weise jährlich rund 3 Milliarden Flaschenkorken; Portugal kommt im selben Zeitraum sogar auf die astronomisch klingende Zahl von 10 Milliarden Stück.

Korkplatte wird zugeschnitten
Korkplatte, die für das spätere Ausstanzen der Korken zugeschnitten wird (Foto: © APCOR / DKV).

Hochwertige Ganzstückkorken als idealer Verschluss für lang lagernde Weine?
Die aufwändige Ernte und Herstellung macht Naturkork zur teuersten Verschlusssache von Weinen. Je nach Güte kostet ein Stück 13 Cent bis 1 Euro. Kunststoffkorken (4 bis 12 Cent) und Schraubverschluss (2 bis 50 Cent) sind deutlich preiswerter.

Die höchste Elastizität und Qualität besitzen die sogenannten Ganzstückkorken. Es gibt auch preislich günstigere Naturkorken, die aus mehreren Schnitzen geleimt oder gepresst werden. Diese Exemplare weisen zumeist aber nicht die Qualität eines Ganzstückkorkens auf.

Ein weiterer wichtiger Qualitätsfaktor beim Naturkorken ist seine Unversehrtheit. Jeder Weintrinker kennt das: Bei manchen Korken finden sich Risse, die sogenannten Lentizellen. Je mehr ein Korken von solchen Lentizellen durchzogen ist, umso schlechter. Denn er durchnässt dann leichter und lässt schneller Flüssigkeit durch. Er kann aber auch einfacher austrocknen und bröselig werden, was ebenfalls negative Auswirkungen auf den Wein haben kann.

Qualitätskontrolle bei Korken
Bevor Korken zu den Weinproduzenten gelangen, durchlaufen sie verschiedene Qualitätskontrollen (Foto: © APCOR / DKV).

Andersherum gesagt: Ein nahezu lentizellenloser Ganzstückkorken ist der hochwertigste Stopfen für Weine, die lange Lagerzeiten erfordern. Denn er passt sich in seiner Elastizität jeden Unebenheiten im Flaschenhals an, und seine Zellwände erlauben immer noch einen minimalen Luftaustausch, der zur optimalen Reifung lang lagernder Weine wichtig ist. Ein luftdichter Schraubverschluss kann diesen Vorzug nicht bieten, auch wenn manche Meinungen besagen ein Drehverschluss wäre genauso gut, da sich Luft bereits in der Flasche befinde.

So lässt sich folgern, dass der Drehverschluss für Weine die jung getrunken werden die wohl ökonomisch sicherste Variante für Winzer wie Endkunden ist, weil er Weinfehler durch Trichloranisol (TCA) und somit „Ausschussware“ vermeidet. Für viele Jahre bzw. Jahrzehnte in der Flasche reifende Weine gibt es als Verschluss vermutlich nichts besseres als einen hochwertigen Naturkorken. Am Ende ist es womöglich eine Frage des Stils, damit hat Weingenuss ja auch zu tun. Und in puncto Charme ist der Naturkorken gewiss unerreicht.

Korken
Naturkork diente schon den alten Griechen im 5. Jh. v. Chr. als Verschluss von Weinamphoren. Heute entstehen Korken als gestanzte Ganzstücke oder aus Schnitzen gepresst (Foto: Fernando Madariaga / © ICEX).

Nicht zuletzt unterstützt die Verwendung von Naturkorken den Erhalt der artenreichen Ökosysteme und der einzigartigen Kulturlandschaft der Korkeichenwälder auf der iberischen Halbinsel. Ohne ökonomischen Nutzen würden Dehesa und Montado schnell verschwinden und ihre Flächen beispielsweise zu Olivenhainen umgewandelt werden. So bewirkt das Weintrinken selbst Gutes, und glücklicherweise kann man sagen: Es gibt den Korken immer noch. Zum Wohl!


Linkempfehlung:
Eine informative Webseite zum Themenkomplex Korkeichenwälder, Korkernte und Korkenproduktion betreibt der Deutsche Kork-Verband: http://natuerlichkork.de

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2 Kommentare

    1. Lieber Dr. Frank Kuebart,
      vielen Dank für Ihren Kommentar! Ich gestehe, dass ich vor meinem Artikel eher ein Freund des Drehverschlusses war. Bereits während ich den Artikel geschrieben habe, hat sich meine Meinung umgekehrt, weil wie Sie schon sagen die Korkeichenwälder sehr bedeutende Naturreservate sind. Und darüber hinaus wichtige Kulturlandschaften, würde ich hinzufügen.
      Erst kürzlich – nach der Entstehung des Artikels – bin ich erstmals durch einen dieser endlos anmutenden Korkeichenwälder gefahren. Ein großartiges Erlebnis! Das war nahe Ronda in Andalusien. Ein paar der dortigen Winzer haben mir auch erzählt, dass die Verwendung von Naturkorken für sie eine Selbstverständlichkeit ist – und das nicht nur wegen der Verschlusssache für ihren Wein, sondern eben auch, weil der Kork eine jahrhundertealte Landschaft und eine regionale Industrie am Leben hält.
      Auch habe ich neulich zufällig einen Korkfabrikanten aus La Mancha kennengelernt, der mich eingeladen hat seine Fabrik zu besuchen. Der Einladung werde ich natürlich nachkommen und somit bleibt das Thema Kork/Korken auf diesem Blog präsent.
      Herzliche Grüße
      Thomas Götz

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