Auf nach Rueda – ein Weißweingebiet als Dependance

Spanien ist ein großes Weinland, und Wein ist ein großer Wirtschaftsfaktor in Spanien. Während in Deutschland in der Halbzeitpause von Fußballspielen vor allem Auto- und Biermarken für sich werben, sind es in Spanien nicht selten Kampagnen für bestimmte Weine, die über den Bildschirm flimmern. Dieses Beispiel sagt vielleicht am meisten über den Stellenwert des Weins in Spanien im Vergleich zu Deutschland aus.

Eine der Boom-Regionen Spaniens ist die D.O. Rueda in Kastilien-León, bekannt für Weißweine aus der Verdejo-Rebe. Am gesamten spanischen Weinmarkt hält Rueda elf Prozent Anteil und liegt bei den Absätzen somit hinter Rioja an zweiter Position. Betrachtet man nur die Weißweine, so kommen jene aus Rueda sogar auf satte 41 Prozent Marktanteil und sind landesweit die klare Nummer Eins. Diese Zahlen nennt der Kontrollrat der D.O. Rueda.

D.O. Rueda, vor Gebäude des Kontrollrats
Steintafel vor dem Sitz des Kontrollrats in der Kleinstadt Rueda.

Grade hatte ich einen bekannten ehemaligen deutschen Fernsehjournalisten bei mir zu Gast, der zweitweise in Spanien lebt. Als das Thema Wein aufkam, meinte er, bei Weißweinen kaufe er sich immer einen Rueda. Allein diese Aussage zeigt, dass das Anbaugebiet nicht wenigen Konsumenten als Synonym für spanischen Weißwein gilt. Und wenn der Fernsehjournalist einfach nur Rueda sagt und keine weiteren Spezifizierungen – zum Beispiel bei Weingütern oder Rebsorten – vornimmt, so liegt das möglicherweise daran, dass es so etwas wie einen bestimmten übergreifenden Rueda-Stil gibt, nämlich frische, saftige und säurebetonte Weißweine aus Verdejo, die in der Regel jung getrunken werden.

Marqués de Riscal war in den 1970er Jahren das erste ruhmreiche Weingut von außerhalb, welches das Potenzial der Region für besondere Weißweine entdeckte. Rueda liegt auf dem kastilisch-leonesischen Hochplateau auf einer Höhe zwischen 700 und 850 m. ü. NHN und ist kalten Wintern sowie trockenen heißen Sommern ausgesetzt. Gerade weil die Reben in diesem Klima leiden, ergeben sie filigrane Weißweine mit knackiger Säure.

Weinberg Caserio de Duenas
Weinberg von Finca Caserio de Dueñas bei Villaverde de Medina.

1980 wurde die Qualitäts- und Herkunftsbezeichnung D.O. Rueda eingeführt. Weitere bekannte Weinmarken und Weingruppen folgten dem Beispiel von Marqués de Riscal und verlegten eine Dependance nach Rueda, darunter so klingende Namen wie Pernod Ricard, PradoRey, Protos und Marqués de Cáceres. In diese illustre Riege reihen sich die Grupo Palacio 1894 und deren Finca Caserio de Dueñas ein. Das Weingut besuchte ich vergangene Woche im Rahmen einer Pressereise.

Finca Caserio de Dueñas – irgendwo im Nirgendwo 
Begrüßt wurden wir von Almudena Alberca, angehende Master of Wine und für die Weinbereitung bei drei Weingütern der Grupo Palacio verantwortlich. Almudena führte uns zuerst auf eine Anhöhe, von der aus wir eine weite, menschenleere Landschaft und die 300 Hektar Weinberge überblicken konnten. Im Jahr 2000 wurden die Rebstöcke gepflanzt.

Pressegruppe bei Caserio de Duenas
Mit Mario Muñoz und Almudena Alberca unterwegs bei Finca Caserio de Dueñas.

Eine verrückte Saison sei es heuer gewesen, mit Frosttagen im Frühjahr und Hitzewellen im Sommer, erzählt Almudena. Normalerweise betrügen im Juli und August die Temperaturunterschiede zwischen Tag und Nacht deutlich über zwanzig Grad, was den Vorteil mit sich bringe, dass sich die Reifezeiten der Trauben verlängerten und die Beeren in den kühlen Nächten die für einen ausbalancierten Wein wichtige Säure herausbilden könnten. Nicht so dieses Jahr, weshalb die Ernte bereits Ende August – zwei, drei Wochen früher als gewöhnlich – begann. Almudena musste kurzfristig ihren Urlaub abbrechen, um rechtzeitig zur Lese vor Ort zu sein.

Finca Caserio de Dueñas ist ein überaus romantisch anmutendes Weingut auf einem ehemaligen Gutshof bei Villaverde de Medina. Briten würden sagen, es liege „in the middle of nowhere“, so einsam ist die umliegende Gegend. Die Patina des Ortes und die moderate Größe des Weinkellers deuten kaum auf eine global agierende Weingruppe hin.

Weinkeller, Caserio de Duenas
Finca Caserio de Dueñas: dieses Jahr wird im Keller erstmals mit Beton-Eiern experimentiert.

In der luftigen und schattigen Eingangshalle, die sich zu einem großen Innenhof hin öffnet, fand die Verkostung statt. Degustationen scheinen bei fast allen Weingütern in Rueda einem gewissen Ritual zu folgen: Den Einstieg bildet in der Regel ein reinsortiger Sauvignon Blanc. Es folgt ein Verschnitt aus 85% Verdejo und 15% Sauvignon Blanc. Darauf ein sortenreiner Verdejo, zumeist mit vier bis sechs Monaten Hefestandzeit. Der letzte Wein ist stets ein im Eichenfass vergorener und ausgebauter Verdejo. Diese „Blanco Fermentado en Barrica“ mögen gut gemacht sein, erscheinen mir persönlich aber zu fett im Mund und nehmen für mein Gefühl dem Verdejo genau das, worin sein Reiz besteht: Frische, Kick, Saftigkeit. Deshalb mein Tipp: Ignorieren Sie die holzlastigen „BFBs“ und stürzen Sie sich auf die filigraneren Verdejos. Für meinen Teil werde ich es auf diesem Blog zukünftig so halten.

Almudena Alberca
Almudena Alberca, Önologin bei Grupo Palacio 1894

Besonders interessant schmeckt von Finca Caserio de Dueñas der Verdejo Superior 2016. Seine Trauben entstammen aus drei Lagen mit verschiedenen Höhen und Böden bei Segovia, La Seca und Villaverde de Medina. Der Wein besitzt Eleganz und ein feines Säurespiel, und fünf Monate Hefestandzeit verleihen ihm eine unaufdringliche Cremigkeit. Seine zehn Euro ist er allemal wert. Man solle ihn entweder jetzt jung oder ab 2020 trinken, meinte Almudena. Das zweite und dritte Jahr könne bei Verdejo kompliziert sein, fügte sie an, ohne den Punkt näher zu erklären. Meine Vermutung: Die Frische geht in diesen „Zwischenjahren“ bereits etwas verloren, während Reifearomen noch nicht zum Ausdruck kommen.

Finca Montepedroso – eine Vertikalverkostung
Diese angestellte Vermutung kann ich faktisch unterlegen, denn einen Tag später hatten wir bei Finca Montepedroso eine Vertikalverkostung mit verschiedenen Jahrgängen desselben Verdejo-Weines – wir probierten 2010, 2012, 2014 und 2016. Dazu gleich mehr.

Finca Montepedroso, Rueda
Finca Montepedroso, von Architekt Paco Varella 2008 errichtet.

Finca Montepedroso gehört Familie Martinez Bujanda, die mit Viña Bujanda, Finca Valpiedra und Finca Antigua weitere namhafte Weingüter in Rioja (seit 1889) und La Mancha besitzt, in denen vornehmlich Rotweine gekeltert werden. Auf der Suche nach einem idealen Standort zur Erzeugung von Weißweinen entschied sich die Familie für Rueda. Somit thront seit 2008 die von Architekt Paco Varella im Industriestil erbaute Weinkellerei auf einer Anhöhe nahe der für die Weinregion namensgebenden Kleinstadt.

Mit 25 Hektar Rebland ist Finca Montepedroso für Rueda-Verhältnisse klein. Die Jahresproduktion liegt bei etwa 120.000 Flaschen. Drei Parzellen befinden sich in unmittelbarer Nähe zur Bodega und verfügen über eine unterschiedliche Bodenbeschaffenheit: weiter unten im Tal ist es Lehm, oben auf der Anhöhe eine steinige Unterlage.

Marta Martinez Bujanda
Marta S. Martinez Bujanda zeigte uns Finca Montepedroso.

Ein einziger Weißwein wird jedes Jahr auf dieselbe Weise erzeugt: 100 Prozent Verdejo, mit autochthonen Hefen vergoren, Ausbau im Stahltank, fünf Monate Hefestandzeit. Genau nach meinem Geschmack, was ebenfalls für die Architektur gilt. Transparent und luftig kommt das Gebäude daher. Seine großen Fensterfassaden geben den Blick frei auf die umliegende Landschaft und verbinden gekonnt Innenräume wie Weinkeller und Empfangssaal. Geradezu grazil fühlt sich das Betongewebe an, und so verwundert es nicht, dass Finca Montepedroso als Kulisse für einen Katalog der exklusiven Möbelmarke Roche Bobois diente.

Selten war ich in einem Verkostungsraum, der obwohl schlicht und auf das Wesentliche reduziert, eine derart erhabene Wirkung hatte. Unsere Gruppe saß an einem langen Tisch vor einer Fensterfront mit Ausblick auf den Weinberg aufgereiht. Trotz den elf anwesenden Personen fühlte ich mich allein mit den Weinen und der Umgebung.

Finca Montepedroso, Keller
Weinkeller von Finca Montepedroso mit Durchblick zum Eingangssaal.

Interessant – irgendwie auch logisch – war zu sehen wie die Verdejos von 2016, 2014, 2012 bzw. 2010 mit den Jahren zwar an Frische verlieren, dafür aber an Volumen gewinnen. Darüber hinaus gibt es Klimafaktoren, die jeden einzelnen Jahrgang prägen. Der 2010er zeigt Aromen von reifem Steinobst und leicht oxidative Noten. Er fühlt sich voll und breit im Mund an und verfügt über Tiefgang. Ich mag diesen Wein, er ist ein gutes Beispiel dafür, dass Verdejos nicht zwingend jung getrunken werden müssen, sondern auch über Reifepotenzial verfügen. Der 2012er wiederum schmeckt im Vergleich langweilig und flach.

Eine gute Struktur aus Säure und Mineralik sowie eine animierende Saftigkeit offenbarte der Jahrgang 2016. Ich rieche und schmecke Hefe, Kräuter und Früchte. Dieser Wein hat Biss und Balance und liegt mit sieben Euro in einem ausgezeichneten Preis-Leistungs-Verhältnis. Der 2014er fällt dazu ab.

Finca Montepedroso, Verdejo, verschiedene Jahrgänge
Finca Montepedroso, Verdejo, Jg. 2016, 2014, 2012, 2010

Je jünger bzw. älter, umso besser? Zumindest trifft diese These für mein Empfinden auf die hier beschriebene Vertikalverkostung zu. Im Anschluss daran lud uns Marta Martinez Bujanda zu einem köstlichen Lunch ein, zubereitet von Sternekoch Miguel Ángel de la Cruz. Raffinierte Gerichte wurden freilich vom hauseigenen Verdejo 2015 begleitet. Auch wenn zur geschmorten Backe vom Iberico-Schwein ein paar meiner Kollegen das Wort Rotwein flüsterten bzw. insgeheim dachten, entpuppte sich der Weißwein dank Grip und Geschmeidigkeit als ebenbürtiger Begleiter.

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