Cuatro Rayas – Stille Wasser sind tief

Als riesengroße Kooperative wird man in der Weinszene gleich zweifach skeptisch beäugt. Da gibt es zum einen den romantischen Trend zum kleinen Erzeuger, zum „ehrlich“ arbeitenden Familienbetrieb, der das Land mit den eigenen Händen bestellt und im eigenen Kellerchen einen charakteristischen „Terroir-Wein“ erzeugt. Zum anderen leben wir in einer durch und durch auf Individualität gepolten Gesellschaft, in der das Wort „Genossenschaft“ bei manchen Personen fast schon allergische Reaktionen auslöst.

Aber klein ist nicht automatisch gut, und groß ist nicht automatisch schlecht. Und gemeinschaftlicher Zusammenschluss bedeutet nicht automatisch Beliebigkeit. Das beste Beispiel ist die Agrícola Castellana: 16 Millionen Flaschen im Jahr erzeugt die Winzergenossenschaft. Das ist enorm viel. 2.300 Hektar Rebland bewirtschaften ihre 300 Mitglieder, was im Schnitt pro Familie weniger als acht Hektar ausmacht. Das ist einzeln betrachtet wiederum wenig. Viel oder wenig ist im Grunde auch egal, denn man sollte ein paar Weine dieser Kooperative trinken, weil sie schlichtweg großartig sind.

Cuatro Rayas
Agrícola Castellana, 1950er, als Genossenschaft noch nicht uncool war. 

Als ich neulich auf einer Pressereise in der D.O. Rueda war, habe ich bei einem Abendessen Alvaro Gago kennengelernt. Er ist der Kommunikationsmanager von „Cuatro Rayas“, der Hauptmarke der Agrícola Castellana. Vier der sechzehn Millionen Flaschen im Jahr gehen unter diesem Namen in den Handel. Alvaro stellte uns an diesem Abend ein paar Weine von Cuatro Rayas vor, und der für mich beste Wein hat auch die beste Geschichte zu bieten. Der Wein heißt Viñedos Centenarios, was ins Deutsche übersetzt 100-jährige Reben bedeutet.

Zweimal habe ich den 2016er Jahrgang dieses sortenreinen Verdejo mittlerweile bei mir zuhause probiert. Einmal servierte ich ihn bei einer Blindverkostung, und die Reaktionen der Teilnehmer fielen von „außergewöhnlich“ bis „unspektakulär“ sehr gemischt aus. Gerade eben öffnete ich den Weißwein bei einem Abendessen mit Freunden wieder, und wir waren der Ansicht, dass die Attribute außergewöhnlich und unspektakulär bei dem Viñedos Centenarios sogar zusammenpassen: Auf eine positive Weise unspektakulär ist der Wein, weil er nicht auf den schnellen Effekt aus ist. Der Wein riecht und schmeckt zuerst einmal dezent und zurückhaltend. Weder verfügt er über eine intensive Frucht, noch über die knackige Säure wie sie für viele Verdejo-Weine typisch ist. Man spürt aber sogleich die Eleganz, die dem Tropfen innewohnt.

Cuatro Rayas, Vinedos Centenarios, Flasche
Cuatro Rayas, Viñedos Centenarios. Ein Verdejo aus über 100 Jahre alten Reben.

Spätestens nach einem halben Glas tun sich hinter der unprätentiösen Fassade spannende Aromen auf. Stille Wasser sind bekanntlich tief. Der Gaumen erkennt plötzlich eine feine Würze, und eben weil die Frucht nicht dominiert, entfalten sich florale Aromen und Nuancen von Kräutern. Ferner zeigt der Wein eine schöne Cremigkeit, die wohl darauf zurückzuführen ist, dass er beim Ausbau für mehrere Monate auf der Feinhefe steht. Was anfangs unspektakulär wirkt, entwickelt zunehmend Tiefgang und Charakter: Der Viñedos Centenarios schreit nicht, er drängt sich nicht auf; es ist stattdessen ein Wein, der entdeckt werden will und sich entdecken lässt. Schlichtweg außergewöhnlich.

Dass es den Wein heute gibt, grenzt an ein Wunder. Der Viñedos Centenarios ist auch ein Überlebenskünstler: Seine über 100 Jahre alten Rebstöcke haben die große Reblausplage überstanden, die ganz Europa und die Region Rueda ab dem späten 19. Jahrhundert heimsuchte. Über einen Rebbestand von unfassbar großen 90.000 Hektar verfügte Rueda, bevor die Reblaus kam. Als sie ging, waren noch mickrige 20 Hektar übrig. Aus eben diesem Restbestand von 0,02 Prozent stammt der Wein. Warum haben gerade seine Reben überlebt? Der Untergrund ist sehr sandig, was die Reblaus, die die Wurzeln der Stöcke angreift, nicht mag. Zudem sind die Bepflanzungsabstände weit, was dem Schädling das Fortkommen ebenfalls erschwert. Vielleicht war es aber auch einfach nur Glück.

Weinfeld, 100 Jahre alte Reben, Rueda
Weite Bepflanzung und sandiger Untergrund verhinderten die Zerstörung der Weinstöcke durch die Reblaus.

Bei derart alten Reben und einem naturgegeben begrenzten Angebot sollte man meinen, der Wein wäre teuer. Ist er aber nicht. Zehn Euro kostet die Flasche im spanischen und deutschen Fachhandel. Wir haben es bekanntlich mit einer 16-Millionen-Flaschen-Kooperative zu tun, die freilich kostengünstiger produzieren kann als kleine Betriebe.

Ein weiterer sehr schöner Weißwein von Cuatro Rayas ist der „1935“. Auch er entstammt alten Verdejo-Reben, wenngleich diese in einer Zeit deutlich nach der Reblaus vor ca. 40 Jahren gepflanzt wurden und nicht wurzelecht, sondern gepfropft sind. Ich will ihn aber trotzdem erwähnen, weil der Wein aus meiner Sicht mit sieben Euro die Flasche ein exzellentes Preis-Leistungs-Verhältnis hat. Der 1935 geht mehr in die Richtung moderner Verdejo. Das heißt, er verfügt über markante Säure, eine grüne Frucht (Jahrgang 2016), schmeckt äußerst frisch und saftig mit viel Grip am Gaumen. Trotz alledem: Auch dieser filigrane Wein protzt nicht, sondern übt sich in angenehmer Zurückhaltung und Ausgewogenheit. Erneut zeigt Cuatro Rayas mit diesem Wein, zu welch exzellenter Qualität große Genossenschaften in der Lage sind.

100 Jahre alte Rebe
Überlebenskünstler: Mehr als 100 Jahre alt ist diese Verdejo-Rebe.

Diese These trifft auf weitere große spanische Winzerkooperativen in anderen Anbaugebieten wie beispielsweise Borsao aus der D.O. Campo de Borja zu. Bei Borsao sind es insbesondere außergewöhnliche Rotweine aus der Garnacha-Rebe, die mit hervorragender Preis-Leistung zu begeistern wissen. Aber das sei hier und heute nur als Randnotiz erwähnt, hierzu gibt es auf diesem Blog in den kommenden Wochen einen separaten Artikel.


Weitere Informationen:

Link zum Weingut: www.cuatrorayas.es

Urhebervermerk: Fotos 1, 3 und 4 (chronologisch) in diesem Artikel mit freundlicher Erlaubnis von © Cuatro Rayas.

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