Ein Vega Sicilia Unico zum Sonderpreis

Ein Mathe-Genie war ich nie. Doch bei diesem Angebot eines Wirts in Málaga genügte einfaches Kopfrechnen: 43 Euro für ein Glas Rotwein sollte ich bezahlen. Klingt erst einmal nach viel Geld. Doch bei der Offerte ging es um den Vega Sicilia Unico 2006. Der spanische Kultwein schlechthin. Eine 0,75-Liter-Flasche dieses (jungen) Jahrgangs kostet im Handel mindestens 300 Euro. In einem Restaurant oder in einer Weinbar wohl das Doppelte. Fünf Gläser à 0,15 Liter lassen sich daraus erzielen, von denen ich eins dieser Größe erhalten würde. Offen im Glas serviert wird ein so teurer und prestigeträchtiger Wein normalerweise nie. Gefühlt bekam ich den Unico zum Spottpreis. Natürlich sagte ich ja.

Unico 2006
Liegt nicht nur gut in der Hand

Am Tag danach bin ich auf der zweistündigen Heimfahrt. Genug Zeit zum Nachdenken. Soll ich meiner Frau davon erzählen? 43 Euro für ein Glas Wein! Das lassen wir mal lieber. Das bleibt mein Geheimnis. In letzter Zeit liest sie meine Blogartikel ja auch nicht mehr so regelmäßig. Vermutlich komme ich damit durch.

Ich versuche mir stattdessen den Duft und Geschmack des Weins vom Vorabend möglichst gut einzuprägen. Überragend war der Abgang. Unendlich lang. Dazu im Mund das feine, seidige Tannin. Enorm dicht, weich und frisch fühlte er sich an, der Unico, geradezu perfekt ausbalanciert. Den Duft konnte ich am schwierigsten fassen: sicher mehr erdige, pflanzliche und balsamische Töne als beispielsweise Frucht.

Ob ich ihn bei einer Blindverkostung wohl wieder erkennen würde? Wahrscheinlich sollte die Frage so lauten: Werde ich je einer Blindverkostung mit einem Vega Sicilia Unico beiwohnen? Egal. Nun habe ich zumindest schon mal einen getrunken.

Definitiv handelt es sich um einen exzellenten und außergewöhnlichen Wein. Allein am hohen Preis sollte man ihn aber nicht messen, denn es gibt auch Weine für zwanzig, dreißig oder vierzig Euro die Flasche, die exzellent und außergewöhnlich sind. Es ist ja auch nicht so, dass ein Jeff Koons zig Millionen kostet, weil Koons ein so viel besserer Künstler wäre als andere, deren Werke nur ein Bruchteil dieser Summen erzielen.

Vega Sicilia. Heimat des Unico.
Das Weingut Vega Sicilia in Valbuena de Duero (Foto: Ignacio Muñoz-Seca / ICEX)

Bei Weinen im oberen Preissegment verhält es sich ähnlich wie auf dem Kunstmarkt: Es geht um Namen, um Reputation und Prestige. Schließlich gibt es genug betuchte Menschen, die sich mit weltbekannten und teuren Weinen gerne schmücken bzw. aufwerten. Oder arme Weinfreaks wie ich es bin, die damit ihr kulturelles Kapital erhöhen und ihre Neugierde stillen.

Aber wie wird man eigentlich zum sagenumwobenen Kultwein? Ohne eigenes Zutun passiert das wohl kaum. Etwas muss hinter dem Hype stecken.

Unico – zehn Jahre von der Ernte bis in den Handel

Zur Legendenbildung trägt sicher die sagenhaft aufwändige Weinbereitung bei. Die alkoholische Gärung mit autochthonen Hefen findet in klassischen Holzfudern statt. Danach erfährt der Wein in der Regel einen sechsjährigen Ausbau in Holzfässern diverser Größe und Art: Neue und gebrauchte Barriques aus amerikanischer und französischer Eiche kommen dabei ebenso zum Einsatz wie große Holzbottiche mit 20.000 Litern Fassungsvermögen.

Last but not least reift ein Unico für gewöhnlich drei weitere Jahre in der Flasche, ehe er in den Verkauf gegeben wird. Unbedingt trinkfertig ist er dann noch nicht: Den besten Jahrgängen wird ein Reifepotenzial von locker fünfzig Jahren und mehr zugesprochen. Glaubt man einschlägigen Experten zeigt der Wein selbst dann noch Eleganz, Frische und Kraft. Ein Unico lässt sich also problemlos vererben, auch die Enkel werden ihren Spass dran haben.

Holzfässer in der Kellerei
Ohne Holzfässer geht beim Unico nichts (Foto: Ignacio Muñoz-Seca / ICEX)

Tempranillo und Cabernet Sauvignon – the best of both worlds

Auf der Webseite von Vega Sicilia ist zu lesen, dass der Unico die Qualitäten der Rebsorten Tempranillo und Cabernet Sauvignon in perfekter Weise verbindet und zum Ausdruck bringt. Der Anteil von Cabernet Sauvignon war dabei stets geringer als jener von Tempranillo. In letzter Zeit ist er sogar auf einstellige Werte geschrumpft (zum Beispiel nur 6% Cabernet Sauvignon im 2006er-Jahrgang).

Nicht jede Ernte wird von den Besitzern für gut genug befunden, um eine “Unico Gran Reserva” (so die vollständige Bezeichnung) zu ergeben. Die ursprünglich für den Unico vorgesehenen Trauben werden dann im Zweitwein “Valbuena 5º” verarbeitet, der es im Handel auf schlappe hundert Euro bringt. Am teuersten sind häufig die Abfüllungen der “Unico Reserva Especial” – das ist ein Verschnitt aus in der Regel drei verschiedenen Unico-Jahrgängen.

Die jährliche Auflage des Unico liegt bei 40.000 bis 100.000 Flaschen. Je nach Ertrag und Qualität des Leseguts. Die im Schnitt dreißig Jahre alten Reben wachsen zwischen der Schwemmebene des Duero und den Hängen der angrenzenden Tafelberge. Die obere Bodenschicht ist gespickt mit Kalksteinablagerungen. Etwas tiefer im Untergrund finden sich Quartzkiesel und Sand.

Weinberg von Vega Sicilia in der DO Ribera del Duero
Weinberg von Vega Sicilia in Ribera del Duero (Foto: Ignacio Muñoz-Seca / ICEX)

100 Punkte und im Liv-ex

Seinem ebenfalls berühmten und noch teureren “Nachbarn” Pingus hat der Unico eine relativ lange Historie voraus: Vega Sicilia entstand als Weinbetrieb im Jahr 1864 in der Ortschaft Valbuena de Duero. Bereits zuvor wurde das Anwesen landwirtschaftlich genutzt. Das Weingut sah diverse Eigentümer kommen und gehen und durchlief eine wechselhafte Geschichte. Seit 1982 ist es im Besitz der Familie Álvarez. Im gleichen Jahr wurde die D.O. Ribera del Duero gegründet.

Der Unico wird seit über hundert Jahren gekeltert. Zu nachhaltigem Weltruhm gelangte er unter der Ägide seiner heutigen Eigentümer. In diese Zeit fallen Höchstbewertungen in der Weinkritik – zum Beispiel 100 Parker-Punkte für den Jahrgang 1962 oder 100 Punkte von James Suckling für den 2006er. Ferner ist der “Liv-ex” ein Gradmesser für das hohe Ansehen: Jener Liv-ex ist eine Art Preisbarometer für Top-Weine; ein Index, an dem sich Sammler und Anleger orientieren. In der Liv-ex 2017 Klassifikation für alle Weine außerhalb des Bordeaux-Gebiets tauchen nur zwei spanische Gewächse auf: eben Pingus und Unico aus Ribera del Duero. Nicht einmal die Prestigeweine von namhaften Weingütern aus dem Rioja und Priorat finden darin Eingang.

Noch ein Schlusswort? Sind 43 Euro für ein Glas Wein wirklich günstig, wie ich das in diesem Fall empfinde? Oder gehe ich hier einem verrückten Weinmarkt auf dem Leim? Schon möglich. Für mich ist es aber mehr eine Frage der Prioritätensetzung. Ich sehe die Sache lieber so: Tickets für das CL-Finale Liverpool vs. Tottenham kosteten auf dem Erstmarkt zwischen 120 und 600 Euro. Im Vergleich dazu war mein Glas Unico sein Geld allemal wert. Ich jedenfalls hatte eine unterhaltsame, großartige Stunde.


Weitere Informationen

Link zum Weingut: www.vega-sicilia.com

Link zur Weinbar: www.lospatiosdebeatas.com

Bezugsquelle, u.a.: www.silkes-weinkeller.de

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