Einmal um die Sierra Nevada – acht Schriftsteller, acht Weine

Vergangenen Sonntag hatten wir sieben Schriftstellerinnen und einen Schriftsteller aus fünf Ländern zu Gast und kredenzten ihnen entsprechend acht Weine von fünf Weingütern der Provinz Granada. Das Tasting verlief spannend, weil einige Tropfen sehr unterschiedliche Reaktionen auslösten. Ein Orange Wine aus der autochthonen Rebe Vijiriega stieß für mich eher unerwartet auf breites Interesse und Gefallen, während ein Naturwein-Riesling bei unseren Gästen fast gänzlich durchfiel und Bewertungen wie „bäh“ abbekam.

Schriftstellerinnen aus fünf Ländern
Cheers! England, Frankreich, Irland, Kanada und Südafrika an einem Tisch.

Unsere vergnügte Degustation will ich zum Anlass nehmen die Weinregion Granada anhand der von uns verkosteten Weine vorzustellen, was einer Zusammenfassung verschiedener auf diesem Blog erschienenen Beiträge der vergangenen sechs Monate nahekommt.

Die Naturweinfraktion oder Weine von hoch oben
Granada, das ist in der großen weiten Weinwelt quasi ein Niemandsland. Im trockenen Landesinnern bestimmen Mandel- und Olivenbäume das Landschaftsbild. An der Küste, die wegen ihres Mikroklimas Costa Tropical genannt wird, gedeihen Mangos, Kiwis und Avocados. Insgesamt ist das Mittelmeer vom Obstanbau geprägt, was an den zahlreichen Gewächshäusern, die den Küstenstreifen bevölkern, gut sichtbar wird.

Wer nach Wein sucht, fährt am besten ein paar Kilometer ins Hinterland in die Sierra de la Contraviesa, eine Bergkette, die zur Alpujarra-Region gehört. Zwischen Albondón und Cádiar stößt man plötzlich auf viele Weinparzellen und mit bis zu 1.400 m. ü. NHN auf die höchsten Lagen Kontinentaleuropas. Was hier erzeugt wird, sind einzigartige mediterrane Bergweine.

Weinberg von Garcia de Verdevique
Weinberg von Garcia de Verdevique in der Sierra de la Contraviesa. Im Hintergrund der Mulhacen, mit 3.481 m höchster Berg der Sierra Nevada und ganz Spaniens.

Beispielsweise jene von Vater und Sohn Antonio Garcia. Weniger als 20.000 Flaschen füllen sie jährlich in ihrem versteckt liegenden Weingut Garcia de Verdevique ab: ein breites Sortiment aus Schaumwein (Flaschengärung), Weiß-, Rosé-, Rot- und Süßweinen. Alles Naturweine, die ohne Zugabe von Reinzuchthefen spontan vergoren, nicht geschwefelt und nicht geschönt werden.

Aufgrund der Steilheit und Unzugänglichkeit des Landes werden die sechs Hektar von den Garcias noch mit Pferden gepflügt. Ihre Reben kultivieren sie in biologischem Anbau, das heißt unter anderem kein Einsatz von Herbiziden, Pestiziden oder Stickstoff-Dünger. Wer Naturweine erzeugt, der übt sich im Weglassen. Weniger kann Mehr sein.

Orange Wine von Garcia de Verdevique
Orange Wine aus der autochthonen Vijiriega von Garcia de Verdevique.

Neben einer großartig dichten und konzentrierten Crianza aus Tempranillo und Cabernet Sauvignon (deren 2006er-Jahrgang das Noma in Kopenhagen kredenzt) zählt ein sogenannter Orange Wine aus Vijiriega zu den spannendsten Weinen von Garcia de Verdevique. Vijiriega, das ist eine autochthone Rebsorte, die nur in der Alpujarra und auf den Kanaren vorkommt.

Seine intensive orange-karamellige Farbe erhält der Weißwein, weil er wie ein Rotwein auf der Maische vergärt und zudem im Holzfass oxidativ ausgebaut wird. Aus den Beerenschalen und dem Holz zieht er die Farbextrakte. Beim eingangs erwähnten Tasting mit den Schriftstellern assoziierten einige unserer Gäste den Wein mit Whisky, Sherry und Cider. Trotz seines ungewöhnlichen Geschmacks stieß er auf breites Interesse und Wohlwollen.

Weniger Anklang – genau genommen nur bei zwei Personen – fand der Riesling „Ring Ring“ von Barranco Oscuro. Bei den apfelmostigen und hefeteigigen Aromen dieses Naturweins stießen die meisten Gaumen an ihre Grenzen. Ich persönlich liebe diesen wunderbar süffigen Wein, von dessen 250 Rebstöcken jährlich nur etwa genauso viele Flaschen abgefüllt werden. Ich sehe aber ein, dass sein gewöhnungsbedürftiger Geschmack weniger abenteuerlustige Trinker verstört.


Manuel Valenzuela von Barranco Oscuro ist der dienstälteste und zugleich bekannteste und renommierteste Qualitätswinzer in der Alpujarra. Hier mit meinem Schwager Richard.

Dennoch oder gerade deshalb müssen wir an dieser Stelle ein Wort über Manuel Valenzuela verlieren, auch wenn er erst kürzlich Thema dieses Blogs war. Denn er ist mit seinem Weingut Barranco Oscuro eine Referenz für so manche Winzer in Granada. Er war es, der in den frühen 1980er-Jahren mit dem biologischen Weinanbau begann, der seine Erträge konsequent im Sinne der Qualität reduzierte und der im Keller auf den Einsatz von Schwefel, Zuchthefen und sonstigen Mittelchen, die das moderne Weinmachen bereit hält, verzichtete. An seinen Methoden des Weinanbaus und der Weinbereitung orientierten sich nachfolgende Winzer, wenn auch nicht alle so kompromisslos und radikal vorgehen wie er.

Die Reben von Barranco Oscuro wachsen auf bis zu 1.368 Metern Meereshöhe. Die Hochlage ist in diesem südlichsten Zipfel Europas von großer Bedeutung: Denn die Sommer sind extrem heiß, und nur in Hochlagen wie diesen kühlt es nachts ab. Die Abkühlung verschafft den Reben eine wichtige Ruhepause und verlängert ihren Reifezyklus. Sie fahren ihre Zuckerproduktion herunter und bilden stattdessen Säure und Tannin, die Voraussetzung für einen ausbalancierten Wein. So zeichnen sich die Weine von Barranco Oscuro durch einen erstaunlich hohen Säuregehalt von 7 bis 8 Gramm pro Liter aus. Für mediterrane Weine eher ungewöhnlich sind sie nicht nur fruchtig, körperbetont und alkoholisch, sondern ebenfalls frisch und saftig.

Verlassen wir nun die Sierra de la Contraviesa und fliegen wir über den fast 3.500 Meter hohen Bergrücken der Sierra Nevada an deren nördlichen Ausläufer. Auf einer einsamen Hochebene auf rund 1.200 m. ü. NHN steht das Weingut Méndez Moya. Wie die vorangehend genannten Weingüter Garcia de Verdevique und Barranco Oscuro profitiert es von der Hochlage, wie die beiden Weingüter erzeugt es hochinteressante und einzigartige Naturweine.

José Mendez Moya mit Emily
José Méndez Moya ist ein Pionier im biodynamischen Weinanbau. Hier im Gespräch mit meiner Frau Emily.

Eine Cuvée des Jahrgangs 2010 aus Tempranillo, Cabernet Sauvignon und Syrah und mit 14 Monaten Barrique gaben wir unseren Schriftsteller-Gästen in Glas. Es zeigte sich ein dichter Wein mit Tiefgang, einem breiten Aromenspektrum und sorgfältig ausbalanciert.

Sorgfältig ist wohl auch ein passendes Wort, um die Arbeitsweise von Winzer José Méndez-Moya zu beschreiben. Beispielsweise beginnt die Weinlese im September und Oktober nachts um zwei Uhr und endet bereits morgens um acht Uhr. So früh deshalb, damit die Trauben durch Sonneneinstrahlung nicht beschädigt werden und an Aroma verlieren.

Auf elf Hektar unterhält José Mendez Moya 45.000 Reben im biodynamischen Anbau. Aus jedem Rebstock keltert er jährlich etwa eine Flasche Wein. Das ist verschwindend gering. Er arbeitet nach dem Mondkalender und führt seinen Böden als Dünger einzig eine natürliche Mischung aus Ziegendung und Tresterrückständen zu. Gesunde Böden produzieren gesunde Trauben, und gesunde Trauben produzieren einen guten Wein. So lautet die einfache Gleichung.

Ganz nah am Mittelmeer oder das Prinzip „Learning by doing“
Die drei Naturweingüter Méndez Moya, Barranco Oscuro und Garcia de Verdevique kommen gemeinsam auf eine Jahresproduktion von etwa 100.000 Flaschen. Auf allein die doppelte Menge kommt Bodegas H. Calvente.

Winzer Horacio Calvente steht stellvertretend für eine weitere Charakteristik der Qualitätsweingüter aus Granada: jene des selbsterlernten Weinmachens. „Learning by doing“ lautet die Devise. Horacio Calvente besuchte weder eine Weinschule, noch wurde er in eine Winzerfamilie geboren. Wie Manuel Valenzuela (zuvor Küchenmonteur in Barcelona) oder José Mendez Moya (der einst Touristenwohnungen im Skiressort Sierra Nevada betreute) entstammt Calvente einem anderen Beruf, dem des Bauarbeiters.

Horacio Calvente
Vom Bauarbeiter zum erfolgreichen Winzer? Horacio Calvente hat’s geschafft (Foto: Simon Roth).

1996 gründete er sein Weingut und legte im Laufe der Jahre einen erstaunlichen Unternehmergeist gepaart mit Leidenschaft für den Winzerberuf zu Tage. Heute beschäftigt er sieben Mitarbeiter und exportiert in neun Länder, darunter auch Übersee. Zahlreiche Sternerestaurants führen seine Weine auf ihrer Karte.

Die Rebstöcke von Horacio Calvente wachsen nah am Mittelmeer in schwer zugänglichen Lagen von deutlich über 1.000 Metern Meereshöhe. Er bewirtschaftet 44 Hektar Rebland. Gleich drei seiner Weine gossen wir unseren Schriftsteller-Gästen ins Glas, darunter einen Weißwein aus Moscatel de Alejandría, der tropisch-fruchtig duftet und trocken-mineralisch schmeckt. Er stammt aus 80 bis 120 Jahre alten Reben. Später folgte der junge Tempranillo Laguinda, ein saftiger wie feiner Wein, der allen sehr gefiel. Zum Abschluss unserer Degustation servierte ich die komplexere Guindalera-Crianza, ein Verschnitt aus Tempranillo, Cabernet Sauvignon, Syrah und Merlot. Dieser hervorragende Rotwein zeigte sich üppig, weich und bleibend am Gaumen.

Mein Artikel endet mit dem ersten von uns verkosteten Wein. Bei Temperaturen von über 35 Grad entpuppte sich ein zartfruchtiger und frischer Sauvignon Blanc mit nur 12% Vol. als Favorit vieler unserer Besucher. Der Wein heißt Poeta en Nueva York, benannt nach einem Gedichtband des andalusischen Schriftstellers Federico García Lorca. Also passend zu unserer Gruppe aus Dichtern und Romanciers.

Miguel Maldonado Gonzalez von Rambla Huarea
Miguel Maldonado keltert in seinem kleinen Weingut Rambla Huarea den feinen „Poeta en Nueva York“. 

Der Macher des Weins Miguel Maldonado ist hauptberuflich Lehrer in Almeria und unterrichtet Spanisch. 1999 gründete er sein Mini-Weingut Rambla Huarea, benannt nach dem Tal, in dem er als Kind aufwuchs und wo seine Bodega heute steht. Es ist eine unwirklich anmutende, karge Gegend im Niemandsland zwischen den Provinzen Granada und Almeria, über eine holprige Schotterstraße zu erreichen und von seinen einstigen Bewohnern verlassen. Zurückgeblieben sind Häuserruinen.

Eineinhalb Hektar ist das Weingut groß, gerade einmal 5.000 Flaschen füllt Miguel Maldonado jährlich ab. Da Rambla Huarea nur auf etwa 300 Metern Meereshöhe liegt, kühlt es im Sommer kaum ab, und die Weinlese findet bereits im August statt. Umso verblüffender ist es, wie der Winzer aus diesen widrigen Bedingungen so saftige und wohlschmeckende Weine keltert. Neben dem erwähnten Sauvignon Blanc sind es ein Rotwein aus 80% Tempranillo, 10% Cabernet Sauvignon und 10% Garnacha sowie ein sortenreiner Syrah.

Und was haben unsere Schriftsteller aus fünf Ländern an Erkenntnis aus dem Tasting mitgenommen? Granada, das bedeutet mediterrane Hochlagenweine, die neben Körper und Frucht oftmals über eine animierende Säure und Saftigkeit verfügen. Ferner wird der Qualitätsweinbau in Granada gerade erwachsen. Eine jahrhundertealte Tradition wie beispielsweise im Rioja gibt es nicht. Erst in den vergangenen drei Jahrzehnten haben sich mehrere sehr gute Weingüter etabliert, die sich alle noch in der Hand ihrer Gründer befinden, von denen wiederum viele auf biologischen Weinanbau und eine weitgehend natürliche Weinbereitung setzen.

Provinz Granada: Weinfeld von Barranco Oscuro
Weinberg von Barranco Oscuro auf über 1.300 m. ü. NHN.

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1 Kommentar

  1. We enjoyed a fabulous evening tasting local wines from the area paired with delicious cheese, olives, cured meats and tasty home cooked dishes. The location was perfect, sitting outside and watching the sunset, listening to the sounds of nature and birds and we were even treated to a short rain shower. This is a wonderful way of experiencing local food and wine in a local home. Thomas and his wife are the perfect hosts and extremely knowledgeable about the area and the wines of the region. Highly recommended.

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