Sierra de Gredos – der Star ist der Weinberg

In der spanischen Weinszene ist manchmal von den “3R” die Rede. Mit dieser Abkürzung sind die populären Anbaugebiete Rioja, Ribera del Duero und Rueda gemeint. Ich schreibe heute über 3G: Gredos, Granit und Garnacha. Grade komme ich von einem 6-tägigen Trip durch die Sierra de Gredos zurück. Ich bin fasziniert von der Schönheit und Wildheit dieses Gebirgszugs und von den außergewöhnlichen Weinbergen dort. In den kommenden Wochen werde ich auf diesem Blog tiefer auf Gredos und einige von mir besuchte Weingüter eingehen. Nach einer langen, der Coronakrise geschuldeten Reisepause bin ich froh, endlich wieder von ganz frischen und direkten Eindrücken erzählen zu können.

In der Weinlage La Mira in Cebreros, Sierra de Gredos
In der Weinlage La Mira in Cebreros

Zuerst macht es in diesem Text allerdings Sinn, die Region und ihre Besonderheiten in Grundzügen vorzustellen. Denn ich merke regelmäßig, dass viele Weinliebhaber in Deutschland, Österreich und der Schweiz wenig über Gredos wissen. Dies, obwohl die Sierra de Gredos sicher einer der wichtigsten Orte des neuen Spaniens ist: Das Gebiet ist die Keimzelle einer Bewegung, die – kurz gesagt – für mehr Weinberg statt Keller steht. Nach Crianza und Reserva sucht man in Gredos vergebens. Die dortigen Winzer verfolgen stattdessen ein burgundisches Modell mit dem Ausbau von Orts-, Lagen- und Parzellenweinen. Ihre Rotweine sind frisch, schlank und elegant und entsprechen so gar nicht dem Klischee des spanischen Kraftprotzes.

Das (weltweit) bekannteste Projekt ist in dieser Hinsicht gewiss Comando G, bei denen ich ebenfalls vor Ort war. Aber davon erzähle ich wie gesagt ein anderes Mal. Dieser heutige Artikel stellt quasi eine allgemeine Einführung für die noch folgenden und detaillierteren Beiträge dar. Genug der Vorrede, ich komme nun zur Sache.

G wie Gredos

Höre ich Gredos, denke ich sofort an Wein. Dabei ist die Sierra de Gredos gar kein offizielles Weingebiet, sondern ein Gebirgszug westlich von Madrid. Die Gredos-Berge sind bis zu 2.591 Meter hoch und stellen eine Trennwand der Hochebenen von Kastilien-La Mancha und Kastilien-León dar. Für mich fühlt(e) sich die Sierra de Gredos wie eine Insel im normalerweise flachen, weiten und trockenen Zentralspanien an. 

Blick auf einen Weinberg von Bodegas Bernabeleva, D.O. Vinos de Madrid
Bei Bodegas Bernabeleva im Grenzgebiet von Madrid und Kastilien-León

Die Region ist insgesamt sehr abwechslungsreich: Es gibt Zonen mit einem atlantischen Klimaeinfluss, die auf über 1000 mm Niederschlag im Jahr kommen. Andere Gredos-Zonen sind wiederum mit gerade einmal 400 mm an jährlichem Regenaufkommen mediterran trocken und heiß. In Gredos finden sich zahlreiche Mikroklimas, was das Gebiet für Terroir-Weine geradezu prädestiniert.

Bezogen auf den Weinbau sind die Höhenlagen ein enorm wichtiger Faktor. Reben wachsen in Gredos auf 600 bis 1200 m.ü.NN. Durch diese Höhe erhält das Gebiet einen kontinentalen Einschlag. Das heißt, die Winter sind kalt, die Sommer heiß, und die Temperaturunterschiede zwischen Tag und Nacht sind groß.

Während meines Aufenthalts gab es in den Nächten am 15. und 16. April in den Lagen ab 900 Metern Frost, was freilich ein großes Problem für die Winzer darstellte, da die Reben gerade austreiben. Manche behalfen sich damit, Fackeln in ihren Weinbergen aufzustellen. Trotzdem verloren sie einen Teil der Ernte. Im Normalfall hat der Faktor Höhe bzw. Kühle allerdings einen positiven Einfluss auf den Reifezyklus, die Frische und Balance der Trauben.

Landschaft bei Villanueva de Avila, Kastilien-La Mancha, Sierra de Gredos
Landschaft bei Villanueva de Avila, Kastilien-León, auf über 1100 m.ü.NN

Berggebiete wie Gredos verfügen – last, but not least – über eine ganz eigene Topografie: Es gibt Nord- und Südlagen, Flusstäler und Erhebungen, Steilhänge und Plateaus. Ich hatte es bereits gesagt: Gredos ist ein Traumgebiet für Terroir geprägte Weine. Auf die Details in der Geografie und Topografie werde ich in kommenden Beiträgen konkret am Beispiel einiger Lagen- und Parzellenweine eingehen. Für jetzt belasse ich es bei diesen allgemeinen Ausführungen.

Faszinierend ist darüber hinaus die Natur: Ich sehe Schlangenadler, Geier, Hirsche, Wildziegen und zahlreiche Wildblumen. Gredos ist eine wilde Schönheit, und dies nur eine Autostunde von der Millionenstadt Madrid entfernt. Die Nähe zur Großstadt Madrid hat ebenfalls einen Einfluss auf den Aufstieg, den dieses Gebiet in Sachen Wein in den vergangenen zehn Jahren erfahren hat. Auch darüber verliere ich zu gegebener Zeit ein paar Worte mehr.

In der Nähe von Cadalso de los Vidrios, Madrid
In der Nähe von Cadalso de los Vidrios, Madrid

Auf diesem Blog geht es nicht um Tiere und Blumen, sondern um Wein. Also zurück zum Thema: Wenn Sie auf Landkarten nach einem Weingebiet Sierra de Gredos suchen, dann werden Sie nicht fündig. Wir befinden uns nämlich im Grenzland der autonomen Gemeinschaften Madrid, Kastilien-La Mancha und Kastilien-León. Und jede dieser Regionen hat eine eigene Appellation, die teils die Sierra de Gredos mit umfasst:

Die D.O. Mentrida befindet sich in der Provinz Toledo in Kastilien-La Mancha. Zur Appellation gehören auch Weinzonen, die außerhalb der Sierra de Gredos liegen. Die besten Erzeuger in Méntrida sind Bodegas Jiménez-Landi, Canopy, Arrayan und Daniel Gómez Jiménez-Landi.

Die D.O. Vinos de Madrid liegt, wie der Name schon sagt, in der autonomen Gemeinschaft Madrid. Jenes Anbaugebiet umfasst ebenfalls zwei Subzonen, die nicht in Gredos liegen. Einige der besten und bekanntesten Gredos-Weingüter in Madrid sind Comando G, 4 Monos, Bernabeleva und Marañones.

Die D.O.P. Cebreros gehört zur Provinz Avila in Kastilien-León. Das Gebiet ist schroffer und rauer und jenes mit den höchstgelegenen Weinbergen. Namhafte bzw. interessante Erzeuger dort sind Telmo Rodriguez, Viñedos del Jorco, Rico Nuevo und Soto Manrique.

Viele Winzer in Gredos, mit denen ich gesprochen habe, würden eine eigene Appellation D.O. Sierras de Gredos begrüßen. Zweifellos ergäbe das Sinn, denn die jetzigen D.O.-Gebiete sind an den politischen Grenzen in diesem “Dreiländereck” ausgerichtet. Dabei ist die Sierra de Gredos ein zusammenhängender Natur- und Kulturraum. Und wenn es um Wein geht, sind Natur und Kultur nunmal wichtiger als Grenzen. 

Hier eine typisch mediterrane Landschaft mit Olivenbäumen und Weinreben.

G wie Garnacha

Sprechen wir über Gredos, müssen wir über die Garnacha reden, international als Grenache bekannt. Für manche stellt diese Rebsorte die “spanische Pinot Noir” dar. Vergleiche hinken bekanntlich, aber auch die Garnacha kann ein spezifisches Terroir sehr gut ausdrücken und wiedergeben. Im Priorat kommen die Rotweine aus dieser Sorte ganz anders daher als zum Beispiel in Aragon, und wieder völlig verschieden sind sie in der Sierra de Gredos. Berücksichtigt man die schlanke Eleganz vieler Gredos-Gewächse, dann sei der Vergleich mit dem Burgund erlaubt.

Die rote Garnacha ist eindeutig die Hauptrebe im Gebiet. Von der weißen und grauen Garnacha existieren nur homöopathische Mengen im Anbau. Bei den Weißweintrauben dominiert die Albillo Real.

Wie groß der Weinbau in der Sierra de Gredos ist, lässt sich gar nicht so einfach sagen, da es sich – wie erwähnt – um keine eigenständige Appellation handelt. Parker-Kritiker Luis Gutierrez beziffert in einem seiner Artikel die Fläche der Gredos-Weinberge auf 1800 bis 2000 Hektar. Zumeist sind es kleine Parzellen, die sich im Gebiet verteilen und die mitunter fern abgelegen sind. Wir erreichen sie mit Allradwagen über sandige Pisten, die so holprig sind, dass sie das Wort Piste kaum verdienen.

Weinberg von Comando G in Rozas de Puerto Real, Madrid
Weinberg von Comando G in Rozas de Puerto Real, Madrid

Ganz sicher lässt sich jedoch ein enorm hoher Bestand an alten Reben ausmachen. In Deutschland gelten Reben gemeinhin mit dreißig Jahren als alt. Nicht so in der Sierra de Gredos: Im Gespräch bezeichnete ein Weinmacher seine 45 Jahre alte Reben als “Kinder”. Als alt gelten Reben in Gredos erst mit sechzig Jahren und mehr. Freilich gibt es auch 80- und 100-jährige Reben.

Alle Erzeuger, die ich besucht habe, arbeiten zudem biologisch oder biodynamisch. Die Weinberge werden nicht bewässert und manchmal sogar mit Pferden gepflügt. Da die Bepflanzungen der alten Weinberge zumeist nicht symmetrisch sind, funktionieren Traktoren nicht. Häufiger kommen auch kleinere Pflugmaschinen zum Einsatz, die von Hand bedient werden. Direkt um die Rebstöcke herum wird von Hand gehackt.

In der Parzelle Las Umbrias von Comando G, Madrid, Sierra de Gredos
In der Parzelle Las Umbrias von Comando G, Madrid

Gredos – ich hatte es eingangs gesagt – ist die Keimzelle des neuen Spaniens. Winzerstar Telmo Rodriguez initiierte in den 2000ern ein Projekt in Cebreros. Um 2007 herum folgten junge Weinmacher wie Marc Isart, Fernando Garcia, Daniel Landi und José Jiménez-Landi (mehr zu ihnen in folgenden Beiträgen). Sie entdeckten die damals nahezu vergessene Region für sich und begannen damit, verlassene Weinberge in Höhenlagen wieder zu erschließen. Und sie haben in der Folge eine Weinstilistik entwickelt, die neu für Rotweine aus Spanien ist. Diesbezüglich fällt in den Erzählungen auch der Name Raul Pérez, der als Freund und Berater auftaucht.

Heute stehen die Garnachas aus Gredos sinnbildlich für Frische und Finesse. Sie sind oft hell in der Farbe und mitunter enorm mineralisch, individuell und ungeschminkt; gleichzeitig klar und präzise. Man kann es auch umgekehrt formulieren: Die Gredos-Weine haben wenig bis gar nichts mit den dunklen, schweren und kräftigen Rotweinen aus Spanien zu tun, wie sie viele Leute kennen. Vielleicht ist dies auch ein Grund, weshalb sich die Gewächse bei einem breiteren Publikum schwertun. Deutsche Händler erzählen mir jedenfalls, dass das “neue Spanien” bei vielen Konsumenten noch nicht angekommen ist. Es wird Zeit, dass sich das ändert.

Den Trend zu Weinen mit niedrigen Alkoholgraden machen die Gredos-Winzer dagegen nicht mit. Ihre Garnachas kommen fast immer auf 14 bis 15% Volumen. Es ist ja auch falsch, Weine nach dem Alkoholgehalt zu beurteilen, wie das mittlerweile einige Leute tun. Auf die Balance eines Weins kommt es stattdessen an, das hat Master Sommelier Hendrik Thoma in diesem Beitrag kürzlich überzeugend dargelegt.

Weinlage Valverde von Soto Manrique, D.O.P. Cebreros
Weinlage Valverde von Soto Manrique, D.O.P. Cebreros

Alle von mir besuchten Weingüter vergären die Trauben mit den Rappen. Eine Spontanvergärung ist selbstverständlich. Hinzu kommen lange Mazerationszeiten von bis zu siebzig (!) Tagen. Während der Mazeration findet wenig Extraktion statt. Das heißt, der Wein wird so wenig wie möglich bewegt: Auf Umwälzen, Umziehen und Pigeage verzichten die meisten Erzeuger. Das Ziel dieser Art der Weinbereitung liegt darin, frische und strukturierte Weine zu erhalten, ohne dass diese überreife und dunkelfruchtige Noten aufweisen.

Die Weine selbst werden – auch bei den bekanntesten Erzeugern – zumeist in Garagen, Häusern oder in hallenartigen Gebäuden gekeltert. Eine protzige, Eindruck schinden wollende Architektur kommt nicht vor, was mir persönlich gut gefällt und was aus meiner Sicht gut zum Charakter des Gebiets passt. In Gredos ist kein Platz für Angeberei. Hier sind die Weinberge die Stars.

G wie Granit

Die Hochlagen der Gredos-Berge und die alten Garnacha-Reben sind zwei zentrale Terroir-Faktoren. Das dritte Element ist Granit. Riesige Granitblöcke säumen nahezu überall in Gredos die Landschaft. Obelix hätte seine wahre Freude an diesem Gebiet. Und was hat das mit dem Wein zu tun? Der Granitstein verwittert, er “zerbröselt” quasi und wird so Teil des sandigen Bodens, in dem die Reben wurzeln.

Feiner Granitsand bei Rico Nuevo, D.O.P. Cebreros, Lage El Sotillo. Sierra de Gredos.
Weinlage El Sotillo, Rico Nuevo Viticultores, D.O.P. Cebreros

Was wir in Gredos ergo mehrheitlich finden, sind Granitsandböden. Mal ist die Sandauflage dünn und darunter befindet sich purer Stein, mal ist der Boden tiefer. Allgemein lässt sich sagen: Es sind arme und durchlässige Böden. Sie halten das Wasser nicht lange, was wiederum bedeutet, dass die Reben tief wurzeln müssen, um an Feuchtigkeit zu kommen. Die spektakuläre Mineralität, die einige Gredos-Weine aufweisen, wird selbstredend jenen granithaltigen Böden zugesprochen.

Weinlage La Cruz Verde von Soto Manrique, Cebreros
Weinlage La Cruz Verde von Soto Manrique, Cebreros

In der D.O.P Cebreros – also in der Provinz Avila in Kastilien-León – gibt es zudem Weinberge, in denen Schiefer und Quartz dominieren. Unter anderem Erzeuger wie Soto Manrique und Telmo Rodrigez sind im Besitz solcher Lagen. Dies nur als kurze Bemerkung. Zu Soto Manrique wird bald ein Artikel kommen, dann auch zu zwei Lagenweinen aus eben diesen Schiefer-Quartz-Böden. Generell kann man trotzdem festhalten, dass Granit(sand) die prägende Bodenformation in Gredos darstellt. 

Granitstein, alte Rebe, Garnacha, Gredos.
Manchmal fungieren die Granitsteine auch als Stütze für alte Reben.

OK, das wars für heute. Trotz der allgemeinen Ausführungen ist der Beitrag recht lang geraten. Noch eine letzte Bemerkung: Ich bin schon ein bisschen rumgekommen in Spanien und kann deshalb sagen: Gredos ist einzigartig. Ich kenne kein vergleichbares Gebiet wie dieses. Es hat einen ganz eigenen Charakter, so wie zum Beispiel Ribeira Sacra in Galicien, nur eben komplett anders. Die kommenden Blogs zu Gredos werden inhaltlich detaillierter ausfallen. Dann gehe ich konkret auf einige Weingüter, deren Lagen- und Parzellenweine ein. Bis dahin, alles Gute!

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