Weinernte bei Rambla Huarea – from Dawn till Dusk

Anders als in Deutschland fiel das Frühjahr in Andalusien erstaunlich regnerisch und kühl aus. Ebenso blieb der Sommer unter den gewöhnlichen Temperaturen, die vielerorts selten bis nie 40 ºC erreichten. So kommt es, dass die Weinlese dieses Jahr später als normal beginnt. Erst jetzt mit Beginn des Septembers zeigen sich die Trauben in diesem südlichsten Zipfel Europas in den niedrigen Lagen vollreif. Und dort, wo die Weinberge bis auf 1000 Meter und weit höher hinaufgehen, wird es heuer wohl nicht vor Ende September bzw. im Oktober mit der Ernte so weit sein. Wobei der Zeitpunkt schon auch von Sorte zu Sorte verschieden ist. Die weiße Traube Viognier reift im andalusischen Klima zum Beispiel früher als die einheimische Vijiriega oder die rote Petit Verdot.

Weinernte Rambla Huarea 2018
Weinernte im Rambla de Huarea

Für die Winzer stellt die Weinlese den Höhepunkt des Jahres dar. Sie halten sich nun fast jeden Tag im Weinberg auf und nehmen Proben, um den Reifegrad der Trauben zu bestimmen. Wann die Trauben reif sind, hängt vom Zuckergehalt ab. Hierbei den richtigen Lesezeitpunkt zu bestimmen, ist gar nicht so einfach und hat auch damit zu tun, was der Weinmacher als Resultat erhalten will. Ich kenne eine Winzerin in der Axarquia, Clara Verheij von Bodegas Bentomiz, die meistens etwas früher erntet als ihre benachbarten Kollegen, nämlich kurz vor dem Stadium der Vollreife. Die Trauben enthalten dann noch mehr Säure und weniger Zucker. Auf diese Weise erhält Clara frische Weißweine mit niedrigerem Alkoholgehalt. Klingt gut, allerdings sind Vorsicht und Erfahrung geboten. Würde Clara die Trauben zu früh und folglich unreif lesen, dann schmeckte ihr trocken ausgebauter Moscatel „grün“ und säuerlich. So ist die Erntezeit auch ein Balanceakt, den die Winzer vollziehen: Wer zu früh oder zu spät erntet, ruiniert mitunter die gute und harte Arbeit eines ganzen Jahres.

Miguel Maldonado vom Weingut Rambla Huarea
Miguel Maldonado, guter Dinge bei der Weinernte

Weinernte im Hinterland der Costa Tropical
Auch Miguel Maldonado und Rosa Pascual von Bodega Rambla Huarea verbrachten in den vergangenen Tagen viel Zeit in den Weinbergen, die irgendwo im nirgendwo zwischen Granada und Almeria liegen. Es ist eine extrem dörre, nahezu lebensfeindliche Gegend. Im heute ausgetrockneten Flusstal namens Rambla de Huarea, so erzählt mir Miguel, lebten während seiner Kindheit rund 1000 Menschen. Die verkarsteten Berghänge ringsum, seien früher voller Mandelbäume gewesen. Seit vielen Jahren aber ist das Tal fast unbesiedelt, nur Häuserruinen lassen erkennen, dass hier einst gewohnt und Landwirtschaft betrieben wurde.

Weinernte, Autor des Blogs
Der Blogger bei der Lese. Na ja, schon auch irgendwie guter Dinge.

Mit einem gewöhnlichen Auto wie meinem ist die holprige Schotterstraße, die zum Weingut führt, kaum zu befahren. Deshalb treffe ich Miguel immer im Küstenort El Pozuelo und wir fahren von dort gemeinsam in seinem Jeep. Das war auch gestern der Fall, als ich wie schon letztes Jahr zur Weinernte erschien.

Miguel bewirtschaftet weniger als drei Hektar Rebland. Seine Gewächse haben im Rambla de Huarea mit Hitze und armen schieferhaltigen Böden zu kämpfen. Trotz oder vielleicht eben aufgrund der widrigen Umstände, erzeugt Miguel drei großartige Weine, die er „Poeta en Nueva York“ nennt, angelehnt an das gleichnamige Werk des andalusischen Schriftstellers Federico García Lorca. Hauptberuflich unterrichtet Miguel Spanisch in einer staatlichen Schule.

Poeta en Nueva York
Darum geht’s letztlich bei der Weinernte: Dreimal Poeta en Nueva York

Der weiße „Poeta“ wird vorwiegend aus Sauvignon Blanc gekeltert und mit Vijiriega und Pedro Ximénez verschnitten; die zwei Letztgenannten sind autochthone Weißweinsorten Andalusiens. Miguel baut diesen „Blanco“ übrigens trocken aus.

Einen trockenen Rotwein gewinnt Miguel aus der Hauptsorte Tempranillo, der er geringe Anteile von Jaén Negra, Garnacha und Cabernet Sauvignon beimischt. Last but not least vervollständigt ein natürlicher Süßwein aus Syrah das Sortiment. Erstmals mit der Ente diesen Jahres erzeugt das Weingut Rambla Huarea ferner einen trockenen, rebsortenreinen Syrah. Die klassische Mittelmeerrebe passt gut ins hiesige Terroir, wir befinden schließlich nur wenige Kilometer von der sogenannten Costa Tropical entfernt.

Team Weinernte
Das beste Ernteteam der Welt.

Dreizehn Stunden hat die Weinlese der roten Sorten Tempranillo, Syrah, Garnacha und Jaén Negra gedauert – vom Anbruch des Morgengrauens bis zur abendlichen Dämmerung. Normalerweise, heißt es, sollte man nicht in der Tageshitze ernten, weil beschädigte Trauben rasch zu gären beginnen könnten. Das stimmt, aber weil die Weinberge bei Rambla Huarea direkt an der Kellerei liegen, kann das Lesegut in seinen Kisten sehr schnell dahin transportiert und weiterverarbeitet werden. In der absoluten Mittagshitze legten wir freilich auch eine längere Pause samt Mittagessen ein.

Eine Weinernte stellt für meinen Rücken und meine staubanfälligen Augen (Info an meine Mutter: Dieses Jahr trug ich Schutzbrille und es geht mir gut!) kein Zuckerschlecken dar, es ist aber doch stets auf’s Neue eine große Erfüllung und Befriedigung im Team zu arbeiten. Siebzehn Erntehelfer im Alter von 16 bis 87 Jahren waren wir zusammengenommen. Es ist hin und wieder außerdem nützlich zu erkennen, dass Wein nicht nur Lifestyle und Genuss bedeutet, sondern diesen eine harte Arbeit im Weinberg vorausgeht.

Rosa Pascual im Weinberg
Önologin Rosa Pascual vor eine Pedro-Ximénez-Rebe.

Wie bestimmt man den Reifegrad von Trauben und ihren Lesezeitpunkt?
Rosa Pascual, die Miguel als ausgebildete Önologin unterstützt, zeigte mir außerdem, wie sie feststellt, ob und wann die Trauben reif für die Ernte sind. Dazu gingen wir in eine Parzelle und suchten uns eine Pedro-Ximénez-Rebe aus. Zuerst pickt Rosa mehrere Beeren verschiedener Trauben. Dann bricht sie jede einzelne Beere auf, um sich die Kerne anzuschauen. Bei einer reifen Beere sind diese nicht mehr grün, sondern braun. Ein ganz klein bisschen grün sind die Enden der Kerne noch, die wir betrachten. Aber Rosa sagt, dass das gar nicht schlimm ist. So enthält die Beere etwas mehr Säure, das macht den späteren Weißwein saftiger und frischer. Rosa Pascual und die eingangs erwähnte Clara Verheij sind in diesem Punkt quasi Verbündete im Geiste.

Kerne der Beeren
Rosa begutachtet zuerst den Reifegrad der Kerne.

Natürlich schmeckt Rosa auch vom Saft und von der Haut. Die Schale ist weich und lässt sich gut vom Fruchtfleisch abziehen und der Geschmack ist süßlich. Die Önologin zeigt sich schon einmal zufrieden.

Als nächstes verwendet Rosa ein Refraktometer. Mit diesem Gerät lässt sich das Mostgewicht messen und daraus der Zuckergehalt der Beere ableiten. Rosa reibt hierfür eine Probe des Safts auf ein Glasprisma und verschließt es dann mit einer Klappe. Durch Lichtbrechung mit einer Linse ermittelt das Refraktometer die Konzentration bestimmter Stoffe. Sehr praktisch.

Rosa mit Refraktometer
Mit dem Refraktometer kann Rosa das Mostgewicht feststellen.

Rosa muss jetzt nur noch in das Okular des Refraktometers blicken und kann auf einer Skala das Mostgewicht ablesen. Auf 76 Grad Oechsle kommen wir bei den Proben im Schnitt. Das ist nicht allzu viel und deutet auf einen eher niedrigen Alkoholgehalt von um die 11% Vol. im späteren Wein hin. Muss ja nicht immer sein, dass mediterrane Weine schwer und alkoholisch daherkommen. Alles gut, befindet Rosa, auch die Weißweinsorten können in den kommenden Tagen geerntet werden. Dann allerdings ohne mich.

Maischegärung, Syrah
Die Maische gärt. Hier Syrah.

Gegen 21 Uhr waren die letzten Rotweintrauben entrappt und in den Stahltank gepumpt. Die Maische wird nun für mindestens eine Woche gären, ehe sie gepresst wird und wir daraus einen Grundwein für den weiteren Weinbereitungsprozess erhalten.

Poeta en Nueva York – der neue Jahrgang
Besonders nett von Miguel Maldonado war es mir ein Weinpaket mit nach Hause auf den Weg zu geben. So habe ich endlich die Gelegenheit den im Frühjahr abgefüllten 2017er-Jahrgang des weißen Poeta en Nueva York zu probieren – wie zuvor erwähnt ein Verschnitt aus Sauvignon Blanc, Vijiriega und Pedro Ximénez. Der Wein gefällt sogleich mit einem sauberen Bukett aus Zitrusfrucht und grasigen Noten, wie sie bei Sauvignon Blanc gerne vorkommen. Am Gaumen setzt sich der gute Eindruck mit einem schönen Schmelz und frischer Säure fort. Kurzum: Dieser Wein ist saftig und fein strukturiert und leider fast schon ausverkauft. Nur 1500 Flaschen beträgt die jährliche Produktion. Das ist aber auch der einzige Wermutstropfen daran.

Bodega Rambla Huarea
Bodega Rambla Huarea im Grenzland zwischen Granada und Almeria 

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