Ossian und die alten Reben von Segovia

Gerade nahm ich am Kurs “Spanish Wine Educator” teil, den die staatliche Institution “ICEX Foods and Wines from Spain” neu aufgelegt hat. Neben zahlreichen Master Classes in Madrid, besuchte unsere 15-köpfige Gruppe mit Teilnehmern aus zehn Nationen außerdem zwei Tage lang Weingüter. Dabei kamen wir auch in die Weinregion Rueda und in eine faszinierende Kleinstadt.

Segovia liegt siebzig Kilometer nördlich von Madrid und ist UNESCO-Weltkulturerbe. Als sichtbares Wahrzeichen ragt eines der besterhaltenen Aquädukte aus römischer Zeit über den Häusern der 50.000-Einwohner-Stadt. Das Bauwerk ist rund zwanzig Kilometer lang und transportierte bis in die 1970er-Jahre Quellwasser aus den naheliegenden Bergen. Allein schon wegen ihm lohnt sich ein Besuch. Segovia ist von Madrid aus leicht mit dem Zug zu erreichen. Die Fahrt dauert nur eine halbe Stunde.

Die kulinarische Spezialität in Segovia ist Spanferkel, auf spanisch “Cochinillo”. Man sollte für dieses Gericht unbedingt das Restaurant José Maria in der stimmungsvollen Altstadt aufsuchen. Besitzer José Maria Ruiz eröffnete das Lokal im Jahr 1982. Er ist ein Meister im Auseinandernehmen und Servieren des vorzüglich zubereiteten Ferkels. Ein knusprigeres und zarteres Schweinchen wie in diesem Etablissement hatte ich ganz ehrlich noch nie auf dem Teller.

Restaurant José Maria in Segovia
Inhaber José Maria Ruiz
José Maria Ruiz. Zufrieden nach getaner Arbeit.

Außerdem hat Herr Ruiz eine Vorliebe für Wein. 1987 gründete der gelernte Sommelier in Ribera del Duero das bekannte Weingut Pago de Carraovejas. Daraus entstand im Laufe der Zeit eine kleine und überaus feine Weingruppe: Unter dem Dach von “Alma Carraovejas” versammeln sich heute etwa so namhafte Erzeuger wie Marañones (Sierra de Gredos), Viña Mein, Emilio Rojo (beide Ribeiro) und Ossian in Rueda.

Ossian 55 Hektar wurzelechte Reben

Letztgenanntes Weingut besuchte unsere Educator-Gruppe, bevor wir abends im José Maria einkehrten. Ossian befindet sich in der Provinz Segovia, von der Teile dem Weinbaugebiet Rueda angehören. Aufgrund der feinsandigen Böden – in manchen Weinbergen kommt man sich wie in einem Sandstrand vor – gibt es in Segovia noch relativ viele Weinberge aus der Vor-Reblauszeit. Der Schädling, der die Wurzeln der Stöcke befällt, kann sich in sandigem Untergrund nämlich schwer fortbewegen.

Allein 55 Hektar dieser Lagen mit wurzelechten Reben – verteilt auf über 100 Parzellen – sind im Besitz von Vides y Vinos Ossian. Manche der Verdejo-Rebstöcke kommen auf das biblische Alter von 180 Jahren.

Mit Ossian-Önologe Javier Blasco steuern wir in einige Weinberge an, etwa die Lage “Vallejo” im Ort Santiuste. Sie befindet sich auf über 900 Metern Höhe. Aus drei Parzellen innerhalb dieser Lage verkosten wir die jeweils frisch vergorenen Weißweine des Jahrgangs 2022. Alle Trauben wurden am selben Tag gelesen.

Weinberg von Ossian in Santiuste
Parzelle in der Weinlage “Vallejo” in Santiuste.

Trotz selber Lage, Weinbereitung und identischem Lesezeitpunkt schmecken die drei Parzellenweine völlig unterschiedlich. Ein Plot, der in einer Senke an einem Pinienwald liegt, verfügt über tiefere Sandböden. Der Verdejo-Weißwein daraus ist grob und kräftig wie eine Faust ins Gesicht. In einer benachbarten Parzelle, etwas weiter den Hang hinauf, enthalten die Sandböden hingegen mehr organische Materie. Bei diesem Verdejo kommt bereits mehr Eleganz, Linearität und Vielschichtigkeit ins Spiel.

Als brillant – obwohl blutjung – entpuppt sich der dritte Verdejo aus einem Plot, den Weinmacher Javier Blasco als “Grand Cru” bezeichnet. Dieses Gewächs hat eine griffige Textur, entwickelt viel Druck und Zug am Gaumen und zeigt schon jetzt eine sagenhafte Balance aus knackiger Frische, Fülle und Mineralität. So erhalten wir in der Lage Vallejo eine praktische Lektion darüber, wie vermeintlich kleine Unterschiede im Terroir einen großen Unterschied im Wein ausmachen können.

Außerdem legen wir einen Stopp nahe der Ortschaft Nieva ein. Im dortigen Weinberg “Peña Aguda” sind die Reben 180 Jahre alt. Die obere Schicht ist sandig, während der Unterboden eine Ebene mit Schiefer enthält. Ein heftiger Wind peitscht uns ins Gesicht und wirbelt den Sand auf. Wir suchen Schutz in unseren Autos und probieren dort den aus dieser Lage gewonnenen 2022er-Jahrgang, der über enorme Konzentration, brutale Mineralität und Länge verfügt. Aus eben diesem Weinberg keltert Ossian den Einzellagenwein “Capitel”.

180 Jahre alte Rebe bei Vinos Ossian in Segovia
180 Jahre alter Verdejo-Rebstock in der Lage “Peña Aguda” in Nieva. Was er wohl schon alles er- und überlebt hat?

Ansonsten vinifiziert das Weingut die verschiedenen Parzellen zwar einzeln. Aber Javier Blasco und sein Team fügen die hierbei entstehenden Weine später in zwei Cuvées zusammen: Der Quintaluna 2019 ist bereits ein beeindruckender Einstiegswein. Griffigkeit, Geradlinigkeit und seidige Textur zeichnen ihn aus. Ganz großes Kino ist der fantastisch gereifte Verdejo Ossian 2012, den wir später am Abend im Restaurant José Maria in Segovia trinken. Das ist Weltklasse!

Ossian 2012

Die Spitze von Verdejo

Sprechen wir von der Rebsorte Verdejo und dem Anbaugebiet Rueda, dann können Ossian nur ganz wenige Produzenten das Wasser reichen, etwa Esmeralda Garcia und Microbio Wines. Deren Weinberge liegen ebenfalls in der Provinz Segovia und enthalten ebenso Stöcke aus der Vor-Reblauszeit – mitunter sind die Reben über 200 Jahre alt. Die Weißweine fallen bei diesen Erzeugern nicht so übertrieben fruchtig, aalglatt und eindimensional aus, wie es bei den kommerziell ausgerichteten Weingütern in Rueda zumeist der Fall ist. Folgerichtig bringen Ossian, Esmeralda Garcia und Microbio ihre Gewächse nicht mit der Herkunftsangabe D.O. Rueda auf den Markt, sondern als Landweine oder Vino de España.

Natürlich gibt es auch Ausnahmen: Am Abend vor unserem Ossian-Besuch stimme ich mich mit einigen Leuten aus unserer Gruppe in der empfehlenswerten Madrider Weinbar Vinology auf Rueda und Verdejo ein. Wir trinken den 2020er Belondrade y Lurton – ein Flaggschiff der Region, das unter der Angabe D.O. Rueda erscheint und mit zum Besten gehört, was Spanien bei den Weißweinen hervorbringt.

Ausgezeichnet sind überdies die Weißweine von José Pariente (auch D.O. Rueda), die wir etwa im Kurs “Spanish Wine Educator” in einer Master Class probieren. Es war eine Woche voller Höhepunkte, über die ich sicher noch öfters berichten werde. Vor lauter Eindrücken qualmt mir noch der Kopf. Mit Ossian, den alten Reben von Segovia und einem Spanferkel wäre der Anfang der Verarbeitung gemacht.

Gruppenfoto Spanish Wine Educator
Die kommenden Spanish Wine Educator und ihre Educator Nygil und Elisa

2 Kommentare

  1. Ja, lieber Tom, als stiller Leser deiner so interessanten wie lesbaren Beiträge muss ich mich zum Jahresende doch mal melden und sagen, dass fast jeder neue Blogeintrag Lust auf alle diese brilliantenen und funkelnden Weine macht, die diese dyonisischen Gaumenekstasen versprechen! Bravo und Bravissimo und weiter, weiter so!
    Grüße und bis Weihnachten in der Oberpfalz!
    Richard

    1. Hallo Richard, ganz herzliche Grüße zurück! Ich freue mich auch schon sehr auf ein Wiedersehen in ein paar Wochen! Alles Gute und bis bald, Tom

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