Spanischer Prickel

In deutschsprachigen Landen redet man gemeinhin von den “spanischen Cavas”. So, als ob alles was schäumt und aus Spanien kommt automatisch ein Cava wäre. Diese Vereinfachung sei den Konsumenten aus Deutschland, der Schweiz und Österreich verziehen, denn die Appellation D.O. Cava ist nunmal der mit Abstand größte spanische Produzent von in der Flasche vergorenen Schaumweinen. 

Abseits von Cava wird es mitunter kompliziert und verwirrend. Aber keine Sorge, nach der Lektüre dieses Beitrags sind Sie darüber informiert, was los ist in Sachen Spanien und Prickel. Sie werden dann auch über Corpinnat, Classic Penedès, Conca del Riu Anoia und den Rest vom Fest Bescheid wissen.

Im vergangenen Monat habe ich mir – verteilt auf zwei Blindproben – die angenehme Aufgabe übertragen 25 Schaumweine aus diversen Landesteilen zu verkosten. Eins der Set-Ups sehn Sie auf dem Foto unten. Als Gast war ein Champagner mit dabei, der in unseren Bewertungen (wir waren zu zweit) sehr gut abschnitt.

Cava, Corpinnat, Classic Penedès & Co.
Ganz rechts, der kleine Franzose, Bollinger Cuvee Prestige Brut

Meine Nachbarn im Dorf haben sich über die Degustationen ebenfalls gefreut. Denn nach jedem Tasting blieb einiges von dem Gute-Laune-Getränk für sie übrig. Ich habe alle Weine aus eigener Tasche bezahlt und darauf verzichtet nach Mustern anzufragen. Auch deshalb deckelte ich Menge und Preise: Die Prickel lagen bei 7,50 bis 45 Euro. Die teureren Cavas – äh Verzeihung – Schaumweine habe ich ausgelassen. Die probiere ich dann lieber mal wieder auf Veranstaltungen, sobald sie stattfinden.


OK, ich komm jetzt zur Sache, und natürlich beginnen wir mit CAVA. Schauen wir uns dazu einmal die Landkarte unten an. Darauf sehn Sie die Appellation D.O. Cava und ihre vier Hauptzonen in verschiedenen Farben abgebildet. Und man erkennt schnell, dass es sich um keine geografisch zusammenhängende Region handelt.

Satte 95 Prozent der gesamten Cava-Produktion von 249 Mio. Flaschen (Jahr 2019) stammen allein aus der Zone “Comtats de Barcelona”, rechts oben auf der Karte zu sehen. Das sind alles Gebiete in Katalonien. Darüber hinaus gibt es Cava-Zonen entlang des Ebro in Aragon und La Rioja sowie in Valencia und selbst in der fernen Extremadura.

Für diesen Beitrag habe ich zehn Cavas probiert, sieben aus Katalonien, zwei aus Valencia (Zona de Levante) und einen aus La Rioja (Valle del Ebro). Die großen Namen habe ich bewusst weggelassen. Das war vielleicht ein Fehler, denn fast alle Cavas schnitten bei den Blindproben eher mäßig bis schlecht ab. Besonders enttäuschend fand ich den Bruant Brut Nature 2018 vom biologisch arbeitenden Weingut Alta Alella (das übrigens prima Stillweine keltert). Dieser Prickel landete sowohl bei mir, als auch bei meiner Mitverkosterin Emily auf den ganz hinteren Plätzen. Von Erzeugern wie Gaston Coty (L’Origan Aire 2017) und Espelt Viticultors (Escuturit BN Reserva) hatte ich mir ebenfalls mehr versprochen als Schaumschläger mit wenig Substanz.

Empfehlen kann ich einzig den Cava Authentique Brut Nature Reserva 2018 von Dominio de la Vega aus der Region Valencia. Dieser spritzig-frische Prickel aus den Sorten Macabeo und Xarel-lo und mit 18 Monaten Hefelager landete im guten Mittelfeld und kostet nur 10 Euro.

Kommen wir nun zum wirklich guten Stoff!

Corpinnat, Classic Penedès und Conca del Riu Anoia

Das Zentrum der Cava-Produktion ist die katalanische Region Penedès, deren Prickel-Herzkammer wiederum die Kleinstadt Sant Sadurní d’Anoia ist. Hier sind unter anderem die Riesen Freixenet und Codurniu und ebenfalls viele kleine Erzeuger angesiedelt.

Allerdings verhält es sich nicht so, dass jeder in Penedès beziehungsweise in Sant Sadurní d’Anoia gekelterte Schaumwein automatisch mit der Bezeichnung D.O. Cava auf den Markt kommt.

Ganz im Gegenteil: Anfang 2019 haben zehn Spitzenerzeuger die D.O. Cava verlassen. Ihre Schaumweine erscheinen seither unter der Bezeichnung Corpinnat. Es handelt sich hierbei um keine gesetzliche Herkunftsangabe des spanischen Weinrechts (wie D.O. Cava), sondern um die eingetragene Marke einer Assoziation.

Trotzdem haben die Corpinnat-Weingüter – neben einem Manifest mit Bekenntnis zu biologischem und qualitätsorientiertem Weinbau – ebenfalls eine Gebietsgrenze für sich festgelegt. Wir schauen uns das mal auf der Karte unten an. Optisch ist sie nicht sonderlich attraktiv geraten, ich bitte um Verzeihung. Aber was Sie auf der Landkarte sehen, ist ganz Katalonien und darin markiert das Corpinnat-Gebiet. Die Grenzen entsprechen in etwa denen der Region Penedès.

Das Corpinnat-Gebiet in Katalonien

Was wir auf dieser Karte im Vergleich zur vorigen Cava-Map leicht erkennen können, ist, dass es sich bei Corpinnat um ein homogenes und viel kleineres geografisches Gebiet handelt. Außerdem kommen die Corpinnat-Erzeuger zusammen auf weniger als ein Prozent der Produktion der D.O. Cava. Dafür gehören sie zur Crème de la Crème.

Exzellent schnitt bei unsrer Blindprobe der elegante und top balancierte Terrers Brut Nature 2017 von Recaredo ab (bei mir Platz 2, bei Emily Platz 4). Recaredo ist Mitglied im Corpinnat-Verbund und ein bei Kennern hoch im Kurs stehendes Weingut in Sant Sadurni d’Anoia. Neben biodynamischem Anbau zeichnet es sich durch konsequente Ertragsreduzierung aus. Bei diesem Schaumwein aus den regionaltypischen Trauben Xarel-lo, Parellada und Macabeo liegt der Ertrag nur bei 26,5 Hektoliter je Hektar (bis zu 80 hl/ha erlauben die Statuten). Während des 30-monatigen Hefelagers sind die Flaschen mit einem Naturkorken verschlossen (nicht mit Kronverschluss). Zudem vereist Recaredo beim Degorgieren den Flaschenhals nicht (wie gemeinhin üblich), sondern führt diese Handwerkskunst bei den normalen Kellertemperaturen aus.


Abgesehen von Cava und Corpinnat gibt es weitere (Herkunfts-)Bezeichnungen für katalanische Schaumweine.

Im Jahr 2014 führte die Appellation D.O. Penedès den Markennamen Classic Penedès ein. Aktuell versammeln sich 18 Prickel-Erzeuger aus dem Anbaugebiet unter dieser Herkunftsangabe. Wer dabei sein will, muss unter anderem seine Weinberge zwingend biologisch bestellen. Wie Celler Colet, von denen in Kooperation mit den umtriebigen Equipo Navazos (Jerez, Montilla) der Colet Navazos 2016 Reserva Extra Brut stammt. Dieser mächtige Schaumwein aus 100% Chardonnay und mit 40 Monaten Hefelager war in den Blindproben mein persönlicher Favorit (bei Emily Platz 8).

Übrigens kurz zu den Bewertungen: Emily und ich haben nach sechs Kategorien bewertet: Geruch, Geschmack, Frische/Spannung, Originalität/Persönlichkeit, Balance und Komplexität. In jeder Kategorie konnte ein Wein maximal zehn Punkte erhalten.

Last, but not least gibt es die Herkunftsangabe Conca del Riu Anoia. Das ist katalanisch und übersetzt sich in etwa als “das Flussbecken des Anoia”. Unter jener Bezeichnung erscheinen die Schäumer der berühmten Raventos-Familie. Raventos i Blanc ist ein Top-Erzeuger aus Sant Sadurni d’Anoia und ein weiteres Weingut aus der Cava-Herzkammer, das seine Schaumweine nicht als Cava deklariert. Der hochfeine Prickler De la Finca 2017 Brut hat 30 Monate Hefelager und ist aus Xarel-lo, Macabeo und Parellada vinifiziert. Er entstammt Weinlagen, die einen hohen Anteil fossiler Böden aufweisen. Auch Raventós i Blanc arbeitet biodynamisch und pflügt die Parzellen sogar mit Pferden. Das Foto unten sieht doch wirklich idyllisch aus, oder nicht?

Raventos i Blanc
Raventos i Blanc, biodynamischer Weinbau mit eigener Herkunftsangabe (© Raventos i Blanc)

Der Rest vom Fest: Prickel aus Albariño, Verdejo & Co.

Freilich gibt es zahlreiche, im traditionellen Verfahren der Flaschengärung hergestellte Schäumer, die weder aus Katalonien, noch aus den kleinen Cava-Zonen außerhalb davon stammen. Elf solcher Schaumweine aus Galicien, Kastilien-León, Kastilien-La Mancha und Andalusien waren bei den Blindproben ebenfalls dabei. Und von unterirdisch bis Spitze war auch qualitativ die ganze Bandbreite vertreten.

Bei Emily und mir belegte ein müder und überreifer Albariño aus Galicien jeweils den letzten Platz. Meine klare Empfehlung an Sie: Trinken Sie unbedingt möglichst viel Albariño aus dem galicischen Rías Baixas, aber bitte nicht als Prickel.

Eine positive Überraschung stellten dagegen zwei Verdejo-Prickler aus Rueda dar. In einem kürzlichen Beitrag hatte ich mich ja nicht allzu euphorisch über die D.O. Rueda geäußert. Nun kann ich Abbitte leisten: Zum Beispiel ist der Cantosan Brut Nature von Yllera für seinen Preis von 7,50 Euro als wirklich sehr gut einzustufen. Bei den Blind-Bewertungen landete er im oberen Mittelfeld der 25 Teilnehmer und vor fast allen Cavas. Noch besser ist der Verdejo Brut Nature von Palacio de Bornos, den es für günstige 9,50 Euro zu haben gibt. Er landete auf unsern Zetteln jeweils in den Top-10. Mein Tipp: Probieren Sie im unteren Preissegment mal Rueda statt Cava.

Als charaktervoll und wohlschmeckend entpuppten sich gleich mehrere Schaumweine von Naturweingütern, beispielsweise Dionisos Cuvee Brut Nature aus den Rebsorten Airén und Macabeo vom Weingut La Bodega de las Estrellas in Valdepeñas. Ein zartfruchtiger, floraler, lebhafter und interessanter Schäumer. Vergoren ist er in 200 Jahre alten Tonamphoren wie sie früher einmal typisch für dieses Gebiet waren.

Die Brut Nature 2013 von meinen Freunden Garcia de Verdevique aus den Bergen von Granada hat ebenfalls Persönlichkeit und ziemlich viel Wumms. Dieser Prickler ist sortenrein aus der autochthonen Weißweintraube Vijiriega gekeltert und kommt auf stolze 70 Monate Hefelager. Vater Antonio und Sohn Alberto Garcia pflügen ihre Steillagen ebenfalls mit Pferden, wie Sie auf dem Foto unten sehen können. Manche ihrer Weinberge und Rebstöcke sind 125 Jahre alt.

Garcia de Verdevique
Antonio Garcia von Garcia de Verdevique. Naturweingut in Granada.

Abschließend ein köstlicher Schaumwein, der zumindest ein halber Cava ist und einer interessanten Kooperation entspringt. Lobban-Bentomiz Edición Limitada Brut resultiert aus der handwerklichen Arbeit der Winzerin Pamela Geddes im katalanischen Penedès. Die Dosage stammt allerdings von meiner guten Bekannten Clara Verheij, die das Weingut Bentomiz in Málaga betreibt und aus der Rebsorte Moscatel de Alejandría die für mich besten natürlichen Süßweine Spaniens macht. Und eben einer dieser Süßweine von Clara – der phänomenale Terruño Pizarroso – rundet als Dosage diesen Schaumwein auf wunderbare Weise ab. Da es sich um eine Cava-Málaga-Produktion (also zwei Anbaugebiete) handelt, firmiert dieser Prickler unter der ganz allgemeinen Herkunftsangabe “Vino de España”.

Und was ist mit Pet Nat?

So, das waren nun alles Schaumweine, die im traditionellen Champagner-Verfahren gekeltert sind. Das heißt, die erste alkoholische Gärung findet in der Regel im Stahltank oder Holzfass statt. Der Grundwein wird dann mit Zugabe einer Fülldosage abgefüllt, die eine zweite alkoholische Gärung in der Flasche auslöst. Nach einem mehr oder weniger langen Flaschenlager auf der Hefe, wird das Hefedepot beim Degorgieren entfernt. Als Brut Nature ausgewiesene Prickler erhalten keine Versanddosage, jene mit Brut schon, das gibt ihnen eine dezente Restsüße. Dann den Korken drauf und fertig ist das Zeug.

Mit den Pétillant Naturel – auch als Pet Nat bzw. in Spanien fast immer als “Ancestral” bezeichnet – gibt es freilich weitere in der Flasche vergorene Schaumweine. Bei diesen verhält es sich so, dass sie bereits während der alkoholischen Gärung abgefüllt werden und in der Flasche zu Ende gären. Die Ancestral-Schaumweine durchlaufen also nur eine alkoholische Gärung und nicht zwei.

Im Rahmenprogramm – außerhalb des Wettbewerbs sozusagen – habe ich ein paar schmackhafte und erfrischende Ancestral getrunken. Auf diese gehe ich heute aber nicht mehr ein, dazu mache ich lieber bald einmal einen separaten Blog.

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